{"id":280,"date":"2018-06-28T09:21:27","date_gmt":"2018-06-28T07:21:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mischmash.de\/?p=280"},"modified":"2018-07-09T13:36:21","modified_gmt":"2018-07-09T11:36:21","slug":"purple-hibiscus-margarita","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.mischmash.de\/?p=280","title":{"rendered":"Purple Hibiscus Margarita"},"content":{"rendered":"<p>(von Ricarda Br\u00fccke)<\/p>\n<p>Das Brummen des Smartphones durchdrang ihren leichten Schlaf. Sie griff nach dem Ger\u00e4t, sp\u00fcrte seine Schwere auf ihrer Brust. Als sie es anhob, blendete das kalte Licht des Displays ihre Augen. Sie blinzelte und las die Nachricht: <em>Wir brauchen f\u00fcr die Pr\u00e4sentation morgen dringend ein Bild von Bahati auf A2-Format<\/em>!!!!! (F\u00fcnf Ausrufezeichen) Die Pr\u00e4sentation war um neun Uhr drei\u00dfig. Wie viel Uhr war es jetzt? F\u00fcnf. Sie schrieb zur\u00fcck: <em>Aber wir haben doch Bilder von ihr in der Powerpoint.<\/em> Die Antwort kam so prompt, Julie war sich sicher, dass Stefan, ihr Chef, sie vorformuliert hatte: <em>Das hat nicht die gleiche Wirkung. Wir m\u00fcssen die Leute f\u00fcr das Thema sensibilisieren. Das funktioniert nur mit einem gro\u00dfformatigen Bild. <\/em>Er schickte ihr das Bild auf dem Bahati zwischen den zwei M\u00e4nnern zu sehen war, von denen einer ihr in den Ausschnitt griff und dabei war, das T-Shirt, das sie trug, zu zerrei\u00dfen, w\u00e4hrend der andere daneben stand und debil grinste. Julie schrieb zur\u00fcck: <em>Okay, ich k\u00fcmmere mich darum.<\/em> Sie setzte sich im Bett auf und googelte, welcher Copyshop am fr\u00fchesten aufmachte. P\u00fcnktlich um halb zehn stand Julie neben Stefan und hielt das Bild von Bahati in die H\u00f6he. Sie war faktisch dahinter verschwunden. Von den Leuten, die im Auditorium sa\u00dfen, sah Julie niemanden. Sie h\u00f6rte die vollt\u00f6nende Stimme von Stefan neben sich: <em>Seit Ethikminister Simon Lokodo 2013 das Anti-Pornographie-Gesetz erlassen hat, werden in Uganda t\u00e4glich Frauen auf der Stra\u00dfe entkleidet, weil M\u00e4nner, das was sie tragen, als unz\u00fcchtig empfinden. T\u00e4glich landen Frauen im Gef\u00e4ngnis, weil sie mit ihrer Kleidung M\u00e4nner irritieren. <\/em>Bei dem Wort <em>irritieren<\/em> machte Stefan mit beiden H\u00e4nden die Zitat-Geste. <em>Die Afrikanische Union hat 2015 zum Year of Women\u2019s Empowerment deklariert. Wir m\u00fcssen sicherstellen, dass \u2026<\/em><\/p>\n<p><em>Die R\u00fcckmeldungen nach dem Vortrag waren gut<\/em>, meinte Stefan sp\u00e4ter im B\u00fcro vor versammeltem Team. <em>Wir haben in diesem Jahr die M\u00f6glichkeit, einen wesentlichen Beitrag zur St\u00e4rkung der Frau zu leisten. Das hier \u2013 <\/em>er zeigte auf den Schriftzug<em> Year of Women\u2019s Empowerment \u2013 soll nicht nur ein Lippenbekenntnis bleiben. Das hei\u00dft nat\u00fcrlich auch, dass wir alle unser Bestes geben m\u00fcssen. <\/em>Stefan blickte in die Runde der mehrheitlich weiblichen Anwesenden: <em>Ich erwarte von euch, dass ihr euch voll f\u00fcr eure Schwestern in Afrika einsetzt.<\/em> An Julie gewandt, sagte er: <em>Nadine und du, ihr m\u00fcsst das morgen mit dem Stand auf dem Flow Markt allein durchziehen. Ich kann niemanden als Abl\u00f6se schicken. Ich meine, es ist super wichtig mit dem Verkauf von handgemachtem Schmuck Geld f\u00fcr eine Aufnahme des Massai-Frauenchors zu sammeln, aber wir haben hier noch eine ganze Reihe anderer Projekte, die wir voranbringen wollen. Klar? <\/em>Julie schaute zu Nadine r\u00fcber und nickte. Samstagnachmittag auf dem Markt erhielt Julie eine SMS von Stefan: <em>Sag mal, hast du eigentlich daran gedacht, die E-Mail an AfricAvenir zu schicken?<\/em> Schei\u00dfe! Das hatte sie vergessen. Julie entschuldigte sich bei Nadine und ging kurz hinter den Stand, um Stefan anzurufen. <em>Sorry<\/em>, meldete sich sie bei ihm. <em>Ich hab wirklich nicht mehr daran gedacht.<\/em> Stefan seufzte: <em>Es ist v\u00f6llig in Ordnung, das kommt schon mal vor, aber<\/em> <em>die E-Mail h\u00e4tte schon letzte Woche rausgemusst. Es h\u00e4tte dir ja vielleicht irgendwann mal auffallen k\u00f6nnen, dass du es vergessen hast, oder nicht? Ich meine, das Projekt ist eines unserer Top-Priorit\u00e4ten und du arbeitest schon ein halbes Jahr daran. Ich meine, dagegen ist diese Schmuck-Geschichte echt ein Kinkerlitzchen. Sorry, <\/em>sagte Julie noch einmal<em>. Es kann echt sein, dass die uns als Kooperationspartner abspringen. Ich muss mich jetzt weiter um die Sache mit den Chibok Girls k\u00fcmmern, <\/em>meinte Stefan und legte auf. Julie fragte sich, wo sie ihren Kopf hatte.<\/p>\n<p>Am Sonntag sa\u00df Julie an ihrem Schreibtisch im Gro\u00dfraumb\u00fcro, als sie den Schl\u00fcssel im Schloss h\u00f6rte und die Eingangst\u00fcr ge\u00f6ffnet wurde. Zahir, der kenianische Praktikant, machte ein erstauntes Gesicht, als er Julie erblickte: <em>Was machst du hier?<\/em> Julie sagte: <em>Ich \u00fcberarbeite noch einmal das Konzept f\u00fcr die Schneiderinnen-Werkst\u00e4tten in Mosambik und fasse zusammen, was bei unserem Treffen mit der Chefdesignerin Trude Weill herausgekommen ist. Ich muss das alles in einer E-Mail an AfricAvenir schicken<\/em>. Zahir sch\u00fcttelte den Kopf: <em>Heute?<\/em> Julie zuckte mit den Schultern: <em>Was machst du denn hier?<\/em> Zahir holte grinsend einen Stapel CDs aus seinem Rucksack und hielt sie Julie hin. Auf dem Cover der obersten CD war Marianne, die Gallionsfigur der Franz\u00f6sischen Revolution abgebildet. <em>Kennste Coldplay?,<\/em> fragte Zahir. Er ging an seinen Schreibtisch<em>. Die CDs hat mir ein Freund ausgeliehen. Ich kopiere sie mir auf meinen MP3-Player.<\/em> Beide gingen f\u00fcr sich still ihren Besch\u00e4ftigungen nach. Nach einer Weile fragte Zahir: <em>Und, fertig mit der Mail?<\/em> Julie nickte: <em>Jetzt muss ich nur noch \u2026 mit dir Pizza essen gehen<\/em>, beendete Zahir den Satz f\u00fcr sie. Er stellte sich l\u00e4chelnd und mit den H\u00e4nden in seinen Taschen vor ihren Schreibtisch: <em>Los, komm schon! Okay<\/em>, sagte Julie. Zahir war hingerissen von der Pizza mit den getrockneten Tomaten und der Creme fra\u00eeche. <em>Hammer<\/em>, meinte er und schob Julie das Brett hin: <em>Probier mal.<\/em> <em>Ich meine, ich komme echt oft hier her, um Pizza zu essen. Die ist definitiv mein Favorit. <\/em>Als sie aufgegessen hatten, \u00fcberredete Zahir sie noch nach nebenan in eine Bar zu gehen. Die Kellnerin war so schnell an ihrem Tisch, Julie hatte \u00fcberhaupt keine Gelegenheit gehabt, einen Blick auf die Karte zu werfen. Na gut, es gab nur f\u00fcnf Cocktails. Eine <em>Purple Hibiscus Margerita<\/em>, meinte Julie. Wenig sp\u00e4ter wurde ihr ein dickwandiges Ikea-Glas vor die Nase gestellt. <em>Das ist aber ganz sch\u00f6n gro\u00df<\/em>, meinte Julie, <em>\u2026 und verdammt lila<\/em>. <em>Ja, wow, was f\u00fcr eine Farbe<\/em>, stimmte ihr Zahir zu, der sich einen Moscow Mule bestellt hatte. <em>Sieht irgendwie giftig aus.<\/em> <em>Schmeckt aber nicht schlecht,<\/em> meinte sie, als sie ihren Drink probiert hatte. Es war echt nett mit Zahir, der ihr viele Fragen \u00fcber ihre Familie und ihren Herkunftsort stellte. Irgendwann vibrierte das Smartphone, das Julie auf den Tisch gelegt hatte. Zahir warf einen Blick darauf und verzog das Gesicht: <em>Stefan<\/em>. Julie nahm das Handy zwischen Daumen und Zeigefinger und lie\u00df es \u00fcber ihrem Drink baumeln. Zahir lachte und nickte: <em>Ja, Mann, los!<\/em> Es musste etwas mit der Wirkung des Alkohols zu tun haben, aber im n\u00e4chsten Moment sah Julie ihr Smartphone in der lilafarbenen Fl\u00fcssigkeit schwimmen. Sie blickte ungl\u00e4ubig auf das Blinken in ihrem Cocktailglas, bis es schlie\u00dflich erstarb. Dann holte sie das Ger\u00e4t aus dem Glas und legte es wie einen toten Fisch auf eine kleine wei\u00dfe Papierserviette. Zahir konnte gar nicht mehr aufh\u00f6ren zu lachen. <em>Woman&#8217;s empowerment<\/em>, sagte er als es ihm gelungen war, wieder Luft zu holen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(von Ricarda Br\u00fccke) Das Brummen des Smartphones durchdrang ihren leichten Schlaf. Sie griff nach dem Ger\u00e4t, sp\u00fcrte seine Schwere auf ihrer Brust. 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