{"id":64,"date":"2015-08-06T09:29:20","date_gmt":"2015-08-06T07:29:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-rinnsteins.de\/?p=64"},"modified":"2022-06-20T22:10:19","modified_gmt":"2022-06-20T20:10:19","slug":"im-schacht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.mischmash.de\/?p=64","title":{"rendered":"Im Schacht"},"content":{"rendered":"<p><em>(von Judith H. Strohm)<\/em><\/p>\n<p>Apfelbaum gab das Rufen auf, zumindest f\u00fcr den Moment. Sp\u00e4ter w\u00fcrde er es noch einmal versuchen, aber jetzt f\u00fcrchtete er, dass er gleich heiser w\u00fcrde, wenn er seine Stimme weiter entlang der gemauerten W\u00e4nde Richtung Himmel schickte.<\/p>\n<p>F\u00fcnfzehn Meter war der Schacht wohl tief, vielleicht sogar zwanzig, aus rotbraunem Ziegelstein gemauert. Vor hundert oder hundertf\u00fcnfzig Jahren gebaut, sch\u00e4tzte Apfelbaum. Es war k\u00fchl dort unten, es roch ein wenig nach vermoderten Bl\u00e4ttern und Lehm und so vermutete Apfelbaum, dass der Schacht wohl tief in die Erde reichte, vielleicht ein ehemaliger Brunnen.<\/p>\n<p>Apfelbaum hatte keine Ahnung, wie er hier hineingeraten war. Das letzte, woran er sich erinnerte war, dass er sich auf dem gr\u00fcnen Sofa in seinem Wohnzimmer zum Mittagsschlaf hingelegt hatte, so, wie er es an jedem Sonntagnachmittag tat. Nur dass er nicht auf seinem bequemen Sofa aufgewacht war, sondern in diesem gemauerten Schacht, \u00fcber dem die Sonne gerade g\u00fcnstig stand und ihn w\u00e4rmte.<\/p>\n<p>Apfelbaum setzte sich auf den trockenen Schachtboden und betrachtete die Asseln und K\u00e4fer, die auf den Ziegelsteinen an den W\u00e4nden herumkrabbelten und in den Ritzen verschwanden. Was um alles in der Welt hatte ihn hierhin verschlagen?<\/p>\n<p>Mit einem Satz sprang Apfelbaum auf. Wenn er hier unten nicht elendig verdursten wollte, musste er schleunigst einen Weg nach drau\u00dfen finden. Er begann, die W\u00e4nde nach einem Vorsprung abzutasten, irgendetwas, das ihm Halt geben, an dem er sich Richtung Himmel ziehen konnte. Doch wo er auch f\u00fchlte und tastete, es gab nichts anderes als glatte Ziegel und M\u00f6rtel dazwischen. Kein Halt, nirgends.<\/p>\n<p>Noch einmal begann Apfelbaum zu rufen: \u201eHilfe! &#8211; Ich bin hier unten! &#8211; Kommen Sie hierher! &#8211; Retten Sie mich!\u201c Alleine \u2013 so laut er auch rief, sein Flehen blieb ohne Antwort.<\/p>\n<p>Apfelbaum wurde w\u00fctend. Er begann gegen die Wand zu treten, bis seine Zehen schmerzten und gegen die Ziegelsteine zu schlagen und zu boxen, bis seine H\u00e4nde von blutigen Rissen \u00fcberzogen waren. Ersch\u00f6pft setzte er sich wieder auf den Boden und weinte. Bis zum Abend beobachtete er teilnahmslos die Asseln und K\u00e4fer, die die M\u00f6rtelfugen offenbar den Steinen vorzogen, er folgte den Schatten, die \u00fcber die Mauer wanderten und schlief schlie\u00dflich ein, den Kopf auf die an den K\u00f6rper gezogenen Knie gelegt.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen erwachte er mit steifem Nacken und drehte den Kopf so lange in alle Richtungen, bis er den Blick wieder bis ganz nach oben richten konnte, dorthin, wo zarte Wolken \u00fcber den blassblauen Himmel wanderten. Wieder verbrachte er eine Weile mit Rufen, wieder war es ergebnislos. Irgendetwas musste er sich einfallen lassen, die Zeit dr\u00e4ngte.<\/p>\n<p>Doch zu seiner \u00dcberraschung stelle Apfelbaum fest, dass er weder Hunger noch Durst versp\u00fcrte. Er f\u00fchlte sich vielmehr so, als h\u00e4tte er eben erst die Frikadellen, das Kartoffelp\u00fcree und die gemischten Erbsen und M\u00f6hren verspeist, sein Lieblingsgericht, das er gerne Sonntags a\u00df, bevor er sich auf dem gr\u00fcnen Sofa zum Mittagsschlaf legte.<\/p>\n<p>Apfelbaum betrachtete weiter die Insekten an der Wand, irgendwoher tauchte eine Spinne auf. Doch vor allem war es eine Maus, die ihn j\u00e4h aus seinen Gedanken riss. Ohne ihn weiter zu beachten, lief sie von rechts nach links an ihm vorbei, hielt zwischendurch kurz inne, schnupperte und verschwand dann in einem Loch zwischen zwei Mauersteinen. Als Apfelbaum bemerkte, dass seine angeschlagenen H\u00e4nde viel schneller als \u00fcblich geheilt waren und dass die Maus auch an den folgenden Tagen exakt so wie beim ersten Mal von rechts nach links an ihm vorbeilief, kam ihm allm\u00e4hlich der Gedanke, dass er nicht bereits tagelang hier unten sa\u00df, sondern den gleichen Tag immer und immer wieder erlebte. Jedes Mal, wenn er erwachte, hatte er also erst kurz zuvor Frikadellen, Kartoffelp\u00fcree sowie Erbsen und M\u00f6hren gegessen, und diese Tatsache beruhigte Apfelbaum sehr.<\/p>\n<p>Um seine These zu \u00fcberpr\u00fcfen beobachtete er die Asseln und K\u00e4fer genau, gab ihnen Namen, ebenso benannte er die M\u00f6rtelfugen, auf denen sie wanderten und nach wenigen Tagen sagte er nur Sekunden bevor eine Assel vorbeilief voraus: \u201eNun l\u00e4uft Egbert die Brunnengasse entlang bis zur M\u00e4useallee, biegt dort nach rechts und verschwindet schlie\u00dflich in einem Hauseingang auf der K\u00e4ferstra\u00dfe.\u201c Als Apfelbaum die Vorg\u00e4nge dann genauso beobachtete, klatschte er begeistert in die H\u00e4nde.<\/p>\n<p>Es folgten Tage der intensiven Besch\u00e4ftigung. Apfelbaum beobachtete jetzt nicht mehr nur das Geschehen am Grunde des Schachtes, irgendwann hatte er allen dort sichtbaren Lebewesen Namen gegeben. Schlie\u00dflich richtete er seine Aufmerksamkeit auch zu diesem kleinen, weit entfernten Himmelsfenster. Auch den vorbeiziehenden Wolkenformationen gab er Namen \u2013 ein Schaf, Frankreich, eine Banane \u2013 und bezog sie in seine Vorhersagen mit ein: \u201eEgbert wird von der Brunnengasse zur M\u00e4useallee laufen, w\u00e4hrend oben das sechseckige Frankreich vor\u00fcberzieht.\u201c<\/p>\n<p>Auf Tage der begeisterten Besch\u00e4ftigung folgten Tage des resignierten Nichtstuns. Manchmal rollte er sich einfach nur am Boden des Schachtes zusammen und d\u00e4mmerte der n\u00e4chsten Nacht entgegen.<\/p>\n<p>Eines Tages, Apfelbaum lag schon seit Stunden auf dem R\u00fccken und betrachtete den Himmel, entdeckte er dort oben, sehr weit entfernt einen Vogel und war pl\u00f6tzlich sehr aufgeregt.<\/p>\n<p>Wie lange sa\u00df er nun schon hier unten? Hatte sich der Tag schon zwanzig Mal oder gar drei\u00dfig Mal wiederholt? Wie hatte er diesen gro\u00dfen Vogel, vermutlich war es eine Wildgans, bislang nicht entdecken k\u00f6nnen? Oder hie\u00df das etwa, dass sich nun etwas \u00e4ndern w\u00fcrde, dass es nicht mehr derselbe, sondern ein anderer, ein neuer Tag war? Apfelbaum sch\u00f6pfte Hoffnung. Doch am n\u00e4chsten Tag musste er feststellen, dass die Wildgans wieder vorbeiflog und wohl schon immer zu dem Wolkenbild Birne dazugeh\u00f6rt hatte. Er hatte sie bisher einfach \u00fcbersehen.<\/p>\n<p>Dennoch verfing sich das Bild der Gans, die mit kr\u00e4ftigen Fl\u00fcgelschl\u00e4gen durch das Himmelsfenster flog, in Apfelbaums Gedanken.<\/p>\n<p>\u201eSo wie diese Gans\u201c, dachte Apfelbaum, \u201egenauso m\u00fcsste ich fliegen k\u00f6nnen.\u201c Doch sofort wischte er diesen absurden Gedanken beiseite. Eigentlich neigte er nicht zu solch l\u00e4cherlichen Ideen.<\/p>\n<p>\u201eMenschen, die fliegen\u201c, dachte Apfelbaum, \u201ewas f\u00fcr ein Quatsch!\u201c<\/p>\n<p>Und doch lie\u00df ihn diese Idee nicht mehr los.<\/p>\n<p>\u201eK\u00f6nnen M\u00e4use fliegen?\u201c, fragte er die Maus, als sie an diesem Tag p\u00fcnktlich wie immer von rechts nach links lief und ihn wie \u00fcblich keines Blickes w\u00fcrdigte.<\/p>\n<p>Noch mehrmals suchte er die W\u00e4nde nach Kletterm\u00f6glichkeiten ab. Tagelang verbrachte er damit, um Hilfe zu rufen, zu flehen, zu betteln. Doch auch wenn seine Stimme stetig kr\u00e4ftiger wurde und sein Rufen immer lauter, so blieb es doch weiterhin offensichtlich ungeh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Und irgendwann, Apfelbaum konnte nicht sagen, ob es einen konkreten Anlass gab, irgendwann, dachte er, dass er sich diesen absurden Gedanken ans Fliegen, wohl doch zugestehen musste, wenn er jemals wieder hier herauskommen wollte. Und so begann Apfelbaum, sich das Fliegen vorzustellen. Apfelbaum \u00fcberlegte, wie er seine Arme gro\u00dfen Schwingen gleich zu beiden Seiten des K\u00f6rpers auffalten, wie er damit in der Luft rudern und tats\u00e4chlich so etwas wie Halt finden w\u00fcrde. Er stellte sich vor, wie er mit nur wenigen Armschl\u00e4gen die Schachtmauern empor und dem Himmel entgegenfliegen w\u00fcrde und tr\u00e4umte davon, wie eine warme Brise ihn weit weg trug.<\/p>\n<p>Tags\u00fcber stand Apfelbaum jetzt am Grund des Schachtes und \u00fcbte die Bewegungen. Was ihm zun\u00e4chst l\u00e4cherlich, um nicht zu sagen wahnsinnig vorkam, entwickelte sich zu einem gewissenhaften Training. Die wenigen Minuten, in denen die Gans am Himmelsfenster vorbeizog, wurden zu den wichtigsten des Tages. Apfelbaum versuchte, immer neue Details ihrer Bewegungen zu erkennen und diese in sein \u00dcbungsprogramm zu \u00fcbernehmen. Und je mehr er \u00fcbte, desto mehr glaubte Apfelbaum schlie\u00dflich, dass er es eines Tages schaffen, dass er wirklich aus diesem Schacht hinausfliegen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>\u201eIch kann fliegen\u201c, sagte er irgendwann voller \u00dcberzeugung zu sich selbst und schlief sehr zufrieden ein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(von Judith H. Strohm) Apfelbaum gab das Rufen auf, zumindest f\u00fcr den Moment. 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