{"id":764,"date":"2026-01-18T13:22:14","date_gmt":"2026-01-18T12:22:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mischmash.de\/?p=764"},"modified":"2026-01-18T13:39:35","modified_gmt":"2026-01-18T12:39:35","slug":"coming-in-coming-out","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.mischmash.de\/?p=764","title":{"rendered":"Coming IN \/ Coming OUT"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"http:\/\/www.mischmash.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/joerg-olvermann-coming-in-out.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/www.mischmash.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/joerg-olvermann-coming-in-out.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-768\" srcset=\"http:\/\/www.mischmash.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/joerg-olvermann-coming-in-out.jpg 1024w, http:\/\/www.mischmash.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/joerg-olvermann-coming-in-out-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.mischmash.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/joerg-olvermann-coming-in-out-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.mischmash.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/joerg-olvermann-coming-in-out-768x768.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">(Generiert mit AI)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><br><em>Coming IN<\/em><br>September 1989. Europa und Deutschland sehnen sich nach Freiheit. Nicht anders Karl Baumeister, der an jenem Freitag Nachmittag am elterlichen Brotzeittisch.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHilfst du mir morgen wieder in der Werkstatt?\u201c, fragte ihn sein Vater und biss in eine gro\u00dfe Essiggurke.<br>\u201eMorgen wann?\u201c, fragte Karl zur\u00fcck. \u201eIch wollte heute eigentlich noch mal bei Manuela \u00fcbernachten.\u201c<br>\u201eSo, so, bei dieser Manuela schon wieder. Das ist jetzt das wie vielte Mal in diesen Sommerferien?\u201c<br>\u201eKomm schon, Johann, warum denn nicht\u201c, unterbrach ihn Mutter Emmi und wandte sich an ihren Sohn: \u201eaber bald musst du uns deine neue Liebe schon mal vorstellen, gell?\u201c<br>\u201eBald, ja, irgendwann\u201c, sagte Karl, \u201eund morgen fr\u00fch um 10 bin ich ja auch wieder daheim!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Karls Eltern f\u00fchrten eine \u00fcberaus erfolgreiche Tischlerei am Rande M\u00fcnchens. Johann war ein gewissenhafter, introvertierter Mensch um am liebsten mit dem Holz und seinen Werkzeugen allein. Seine Frau Emmi, eigentlich studierte Germanistin, f\u00fchrte seit Karls Geburt das B\u00fcro. Von fr\u00fch bis sp\u00e4t telefonierte sie, gab Rechnungen in die Post und faxte Angebote f\u00fcr neue Eichenschrankw\u00e4nde und nussbaumfurnierte Ehebetten an die werte Kundschaft in M\u00fcnchen und Umgebung. Johann und Emmi waren jeden Tag im Stress, und deshalb froh, dass sie sich um den Sohnemann keine Sorgen zu machen brauchten. Braves Kind, gut in der der Schule, und nun offenbar auf dem Weg, ein ganz normaler Erwachsener zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu Karli, wir gehen gleich noch mal r\u00fcber zu den Reinerts. Die machen eine Gartenparty. Gr\u00fc\u00df mir diese Manuela, gell, aber sag mal, wo genau wohnt die? Vielleicht gibst du mir eine Telefonummer von dort. Wenn was sein sollte.\u201c \u201eJa, vielleicht beim n\u00e4chsten Mal\u201d, sagte Karl, !\u201ddie Eltern von der Manuela gehen immer fr\u00fch ins Bett, und wir sind unten im Hobbykeller und w\u00fcrden das Telefon eh nicht h\u00f6ren.\u201c<br>\u201eAch so, ich versteh schon\u201c, zwinkerte Emmi. Sie griff in ihre Handtasche und dr\u00fcckte Karl- vom Vater unbemerkt &#8211; ein Kondom in die Hand.<\/p>\n\n\n\n<p>Sofort als er das Gartentor hinter seinen Eltern ins Schloss fallen h\u00f6rte, st\u00fcrmte er in sein Zimmer. Was zur H\u00f6lle sollte er heute Abend nur anziehen? Er legte sich zwei Outfit-Optionen zurecht, zwischen denen er sich sp\u00e4ter entscheiden w\u00fcrde. Option 1 war k\u00f6rperbetont: Feinripp-Unterhemd, Lederhalsb\u00e4ndchen mit Silbermond-Anh\u00e4nger, blaue Stone-Washed-Jeans und Doc Martens. Option 2 war stylish: ein silbern gl\u00e4nzendes Viskose-Hemd, die schwarze Anzughose und dar\u00fcber den feuerroten Blazer mit Schulterpolstern. Dazu weisse Turnschuhe. Dann ging er ins elterliche Badezimmer, duschte ausgiebig und durchsuchte Mutters Kosmetikschrank nach brauchbaren Produkten.<\/p>\n\n\n\n<p>Fertig gestylt verlie\u00df er das Haus &#8211; nicht ohne vorher abzuchecken, ob ihn aus den Vorg\u00e4rten der Nachbarn neugierige Blicke treffen k\u00f6nnten. Er schwang sich aufs Rennrad eilte los. Zufrieden registrierte er, dass die Stra\u00dfe leer war und seine festbetonierten blondierten Haare sich im Fahrtwind keinen Millimeter bewegten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am Bahnhof wurde Karl bereits von Robert erwartet: \u201eOh, the lady in red! Du siehst ja aus wie diese Tussi aus der Drei-Wetter-Taft-Werbung\u201c, gackerte dieser. Robert war ein Jahr \u00e4lter als Karl. Er ging auf die gleiche Schule, war aber schon bald in der Dreizehnten. Sie hatten sich beim Rauchen vor dem Pausenhof kennengelernt. Karl stand da oft allein. Robert auch. Ein l\u00e4ngerer Blickaustausch, ein kurzes Gespr\u00e4ch &#8211; dann war alles klar. Sie freundeten sich schlie\u00dflich an. Robert trug heute eine schwarze Lederjacke mit einem gro\u00dfen Sticker von Billy Idol. Enge Levi\u2019s-Jeans, hohe Nike-Turnschuhe. \u201cUnd du, du siehst aus wie so\u2019n Hetero-Rocker auf Abschlepp-Tour\u201d, witzelte Karl zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Die S-Bahn Fahrt zum Marienplatz dauerte 20 Minuten. Von dort schlenderten sie an den Schaufenstern der geschlossenen L\u00e4den vorbei in Richtung Sendlinger Tor.<br>\u201eWann redest du denn jetzt mit deinen Eltern Klartext?\u201c, fragte Robert. \u201eDu kannst doch nicht ewig bei \u2018Manuela\u2019 schlafen und dann heimlich in die Stadt fahren.\u201c<br>\u201eIch wei\u00df\u201c, sagte Karl. \u201eAber ich denke, dass die Zeit ist jetzt noch reif nicht.\u201c<br>\u201eAch komm. Das ist nur ne Ausrede. Also entweder hast du einfach Schiss vor den Alten oder willst dir selbst noch eingestehen was bei dir Phase ist.\u201c<br>\u201eThemawechsel\u201c, sagte Karl, \u201cbitte!\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Robert bot Karl eine Zigarette an. Rauchend bogen Sie in die Sonnenstra\u00dfe ein und standen kurz darauf vor dem verspiegelten Eingang zum Tanz-Club \u201cChicago\u201d. \u201eZutritt erst ab 18!\u201c warnte ein Schild unmissverst\u00e4ndlich und kleine Schwei\u00dfperlen bildeten sich auf Karls Stirn. Robert klingelte. Ein kleines Guckfenster ging auf. Zwei pr\u00fcfende Augen scannten Karl und Robert. \u201eSeiz ihr scho 18?\u201c, fragte der T\u00fcrsteher in breitestem Bayerisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Robert nickte selbstbewusst und sagte:\u201dKlar, wir waren doch schon \u00f6fter hier! Erkennst uns nicht?\u201d<br>\u201eSorry M\u00e4dels, hier behauptet jeder, dass er Stammgast ist!\u201d Der T\u00fcrsteher lachte und gew\u00e4hrte den beiden Einlass.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Tanzfl\u00e4che des Chicago f\u00fcllte sich an einem Freitag schnell. Eine \u00fcber die Stadt hinaus gefeierte Licht- und Laseranlage, Kunstnebel und die neuesten House- und Disco-Hits aus Frankfurt, London, Berlin und New York bildeten die perfekte B\u00fchne f\u00fcr die maskuline Selbstdarstellung. Da ein Muskelprotz, der sich selbst in der Spiegels\u00e4ule bewunderte, dort ein Banker-P\u00e4rchen mit frisch geb\u00fcgelten und farblich aufeinander abgestimmten Polo-Ralph-Lauren-Hemden.<br>\u201eUnd?\u201c, fragte Robert. \u201eGef\u00e4llt dir einer?\u201c<br>Karl sch\u00fcttelte den Kopf.<br>\u201eNichts dabei. Sind auch jede Woche immer die gleichen Leute.\u201d<br>\u201eUnd der da?\u201c, fragte Robert und zeigte auf einen Typen mit Basecap und dunklem Bart, der einsam an der Bar an einem bunten Cocktail schl\u00fcrfte.<br>\u201eSpinnst du?\u201c, rief Karl, \u201eder ist doch mindestens 30. Also auf Opis steh ich nicht.\u201c<br>\u201eIch glaub, du musst dich echt locker machen\u201c, sagte Robert. \u201eIch seh \u2019ne Menge Typen, die dich anschauen. Aber du guckst sofort in die Ecke und machst ein trauriges Gesicht. So wird das nichts.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Und: Auch an diesem Abend wurde es nichts. Karl blieb steif am Rand der Tanzfl\u00e4che stehen w\u00e4hrend Robert eine beindruckende Tanzeinlagen bot und flirtende Blicke mit Fremden austauschte. \u201cIch geh mal an die Bar, vielleicht l\u00e4dt mich ja der Basecap-Opi auf nen Drink ein\u201d, sagte Robert und verschwand. Karl bewegte sich nicht und lutschte den letzten Eisw\u00fcrfel aus dem Cola-Glas.<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich, ganz pl\u00f6tzlich, verstummte die Musik. Die Laseranlage ging aus. Der Kunstnebel verflog und helle Neonr\u00f6hren erleuchteten binnen Sekunden den gesamten Club.<br>\u201eAchtung! Unsere gr\u00fcnen Freunde sind da!\u201c, rief der DJ durchs Mikro. \u201eBitte bleibt alle da wo ihr grade seid und haltet eure Ausweise bereit, dann k\u00f6nnen wir schnell weiter feiern.\u201c Karls hilflose Blicke suchten nach Robert &#8211; doch der war verschwunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann trat eine \u201cgr\u00fcner Freund\u201d ans Mikrofon. \u201eGuten Abend! Ich bin Polizeimeisterin Patrizia Meyer und leite diesen Einsatz. Bleiben Sie bitte ganz ruhig. Wir kontrollieren heute nur das Jugendschutzgesetz.&nbsp; Zeigen Sie mir oder meinen Kollegen einfach ihren Ausweis. Und wenn Minderj\u00e4hrige da sind, bitte kommen Sie doch gleich zu mir ans DJ-Pult. Das w\u00fcrde unseren Einsatz hier massiv beschleunigen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>September 1989. Europa und Deutschland sehnen sich nach Freiheit. Nicht anders Karl Baumeister, der an jenem Freitag Nachmittag am elterlichen Brotzeittisch.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHilfst du mir morgen wieder in der Werkstatt?\u201c, fragte ihn sein Vater und biss in eine gro\u00dfe Essiggurke.<br>\u201eMorgen wann?\u201c, fragte Karl zur\u00fcck. \u201eIch wollte heute eigentlich noch mal bei Manuela \u00fcbernachten.\u201c<br>\u201eSo, so, bei dieser Manuela schon wieder. Das ist jetzt das wie vielte Mal in diesen Sommerferien?\u201c<br>\u201eKomm schon, Johann, warum denn nicht\u201c, unterbrach ihn Mutter Emmi und wandte sich an ihren Sohn: \u201eaber bald musst du uns deine neue Liebe schon mal vorstellen, gell?\u201c<br>\u201eBald, ja, irgendwann\u201c, sagte Karl, \u201eund morgen fr\u00fch um 10 bin ich ja auch wieder daheim!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Karls Eltern f\u00fchrten eine \u00fcberaus erfolgreiche Tischlerei am Rande M\u00fcnchens. Johann war ein gewissenhafter, introvertierter Mensch um am liebsten mit dem Holz und seinen Werkzeugen allein. Seine Frau Emmi, eigentlich studierte Germanistin, f\u00fchrte seit Karls Geburt das B\u00fcro. Von fr\u00fch bis sp\u00e4t telefonierte sie, gab Rechnungen in die Post und faxte Angebote f\u00fcr neue Eichenschrankw\u00e4nde und nussbaumfurnierte Ehebetten an die werte Kundschaft in M\u00fcnchen und Umgebung. Johann und Emmi waren jeden Tag im Stress, und deshalb froh, dass sie sich um den Sohnemann keine Sorgen zu machen brauchten. Braves Kind, gut in der der Schule, und nun offenbar auf dem Weg, ein ganz normaler Erwachsener zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu Karli, wir gehen gleich noch mal r\u00fcber zu den Reinerts. Die machen eine Gartenparty. Gr\u00fc\u00df mir diese Manuela, gell, aber sag mal, wo genau wohnt die? Vielleicht gibst du mir eine Telefonummer von dort. Wenn was sein sollte.\u201c \u201eJa, vielleicht beim n\u00e4chsten Mal\u201d, sagte Karl, !\u201ddie Eltern von der Manuela gehen immer fr\u00fch ins Bett, und wir sind unten im Hobbykeller und w\u00fcrden das Telefon eh nicht h\u00f6ren.\u201c<br>\u201eAch so, ich versteh schon\u201c, zwinkerte Emmi. Sie griff in ihre Handtasche und dr\u00fcckte Karl- vom Vater unbemerkt &#8211; ein Kondom in die Hand.<\/p>\n\n\n\n<p>Sofort als er das Gartentor hinter seinen Eltern ins Schloss fallen h\u00f6rte, st\u00fcrmte er in sein Zimmer. Was zur H\u00f6lle sollte er heute Abend nur anziehen? Er legte sich zwei Outfit-Optionen zurecht, zwischen denen er sich sp\u00e4ter entscheiden w\u00fcrde. Option 1 war k\u00f6rperbetont: Feinripp-Unterhemd, Lederhalsb\u00e4ndchen mit Silbermond-Anh\u00e4nger, blaue Stone-Washed-Jeans und Doc Martens. Option 2 war stylish: ein silbern gl\u00e4nzendes Viskose-Hemd, die schwarze Anzughose und dar\u00fcber den feuerroten Blazer mit Schulterpolstern. Dazu weisse Turnschuhe. Dann ging er ins elterliche Badezimmer, duschte ausgiebig und durchsuchte Mutters Kosmetikschrank nach brauchbaren Produkten.<\/p>\n\n\n\n<p>Fertig gestylt verlie\u00df er das Haus &#8211; nicht ohne vorher abzuchecken, ob ihn aus den Vorg\u00e4rten der Nachbarn neugierige Blicke treffen k\u00f6nnten. Er schwang sich aufs Rennrad eilte los. Zufrieden registrierte er, dass die Stra\u00dfe leer war und seine festbetonierten blondierten Haare sich im Fahrtwind keinen Millimeter bewegten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am Bahnhof wurde Karl bereits von Robert erwartet: \u201eOh, the lady in red! Du siehst ja aus wie diese Tussi aus der Drei-Wetter-Taft-Werbung\u201c, gackerte dieser. Robert war ein Jahr \u00e4lter als Karl. Er ging auf die gleiche Schule, war aber schon bald in der Dreizehnten. Sie hatten sich beim Rauchen vor dem Pausenhof kennengelernt. Karl stand da oft allein. Robert auch. Ein l\u00e4ngerer Blickaustausch, ein kurzes Gespr\u00e4ch &#8211; dann war alles klar. Sie freundeten sich schlie\u00dflich an. Robert trug heute eine schwarze Lederjacke mit einem gro\u00dfen Sticker von Billy Idol. Enge Levi\u2019s-Jeans, hohe Nike-Turnschuhe. \u201cUnd du, du siehst aus wie so\u2019n Hetero-Rocker auf Abschlepp-Tour\u201d, witzelte Karl zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Die S-Bahn Fahrt zum Marienplatz dauerte 20 Minuten. Von dort schlenderten sie an den Schaufenstern der geschlossenen L\u00e4den vorbei in Richtung Sendlinger Tor.<br>\u201eWann redest du denn jetzt mit deinen Eltern Klartext?\u201c, fragte Robert. \u201eDu kannst doch nicht ewig bei \u2018Manuela\u2019 schlafen und dann heimlich in die Stadt fahren.\u201c<br>\u201eIch wei\u00df\u201c, sagte Karl. \u201eAber ich denke, dass die Zeit ist jetzt noch reif nicht.\u201c<br>\u201eAch komm. Das ist nur ne Ausrede. Also entweder hast du einfach Schiss vor den Alten oder willst dir selbst noch eingestehen was bei dir Phase ist.\u201c<br>\u201eThemawechsel\u201c, sagte Karl, \u201cbitte!\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Robert bot Karl eine Zigarette an. Rauchend bogen Sie in die Sonnenstra\u00dfe ein und standen kurz darauf vor dem verspiegelten Eingang zum Tanz-Club \u201cChicago\u201d. \u201eZutritt erst ab 18!\u201c warnte ein Schild unmissverst\u00e4ndlich und kleine Schwei\u00dfperlen bildeten sich auf Karls Stirn. Robert klingelte. Ein kleines Guckfenster ging auf. Zwei pr\u00fcfende Augen scannten Karl und Robert. \u201eSeiz ihr scho 18?\u201c, fragte der T\u00fcrsteher in breitestem Bayerisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Robert nickte selbstbewusst und sagte:\u201dKlar, wir waren doch schon \u00f6fter hier! Erkennst uns nicht?\u201d<br>\u201eSorry M\u00e4dels, hier behauptet jeder, dass er Stammgast ist!\u201d Der T\u00fcrsteher lachte und gew\u00e4hrte den beiden Einlass.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Tanzfl\u00e4che des Chicago f\u00fcllte sich an einem Freitag schnell. Eine \u00fcber die Stadt hinaus gefeierte Licht- und Laseranlage, Kunstnebel und die neuesten House- und Disco-Hits aus Frankfurt, London, Berlin und New York bildeten die perfekte B\u00fchne f\u00fcr die maskuline Selbstdarstellung. Da ein Muskelprotz, der sich selbst in der Spiegels\u00e4ule bewunderte, dort ein Banker-P\u00e4rchen mit frisch geb\u00fcgelten und farblich aufeinander abgestimmten Polo-Ralph-Lauren-Hemden.<br>\u201eUnd?\u201c, fragte Robert. \u201eGef\u00e4llt dir einer?\u201c<br>Karl sch\u00fcttelte den Kopf.<br>\u201eNichts dabei. Sind auch jede Woche immer die gleichen Leute.\u201d<br>\u201eUnd der da?\u201c, fragte Robert und zeigte auf einen Typen mit Basecap und dunklem Bart, der einsam an der Bar an einem bunten Cocktail schl\u00fcrfte.<br>\u201eSpinnst du?\u201c, rief Karl, \u201eder ist doch mindestens 30. Also auf Opis steh ich nicht.\u201c<br>\u201eIch glaub, du musst dich echt locker machen\u201c, sagte Robert. \u201eIch seh \u2019ne Menge Typen, die dich anschauen. Aber du guckst sofort in die Ecke und machst ein trauriges Gesicht. So wird das nichts.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Und: Auch an diesem Abend wurde es nichts. Karl blieb steif am Rand der Tanzfl\u00e4che stehen w\u00e4hrend Robert eine beindruckende Tanzeinlagen bot und flirtende Blicke mit Fremden austauschte. \u201cIch geh mal an die Bar, vielleicht l\u00e4dt mich ja der Basecap-Opi auf nen Drink ein\u201d, sagte Robert und verschwand. Karl bewegte sich nicht und lutschte den letzten Eisw\u00fcrfel aus dem Cola-Glas.<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich, ganz pl\u00f6tzlich, verstummte die Musik. Die Laseranlage ging aus. Der Kunstnebel verflog und helle Neonr\u00f6hren erleuchteten binnen Sekunden den gesamten Club.<br>\u201eAchtung! Unsere gr\u00fcnen Freunde sind da!\u201c, rief der DJ durchs Mikro. \u201eBitte bleibt alle da wo ihr grade seid und haltet eure Ausweise bereit, dann k\u00f6nnen wir schnell weiter feiern.\u201c Karls hilflose Blicke suchten nach Robert &#8211; doch der war verschwunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann trat eine \u201cgr\u00fcner Freund\u201d ans Mikrofon. \u201eGuten Abend! Ich bin Polizeimeisterin Patrizia Meyer und leite diesen Einsatz. Bleiben Sie bitte ganz ruhig. Wir kontrollieren heute nur das Jugendschutzgesetz.&nbsp; Zeigen Sie mir oder meinen Kollegen einfach ihren Ausweis. Und wenn Minderj\u00e4hrige da sind, bitte kommen Sie doch gleich zu mir ans DJ-Pult. Das w\u00fcrde unseren Einsatz hier massiv beschleunigen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>&#8211;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHerr Baumeister, m\u00f6gen Sie vielleicht einen Kaffee?\u201c, fragte Patrizia Meyer. Karl sa\u00df vor ihr,&nbsp; in sich zusammengesackt auf einem schlichten Holzstuhl im Polizeirevier M\u00fcnchen 2. Es war halb f\u00fcnf.<br>\u201eGleich mal vorweg, sagte sie, \u201df\u00fcr den Diskobesuch bekommen Sie keinen gro\u00dfen \u00c4rger \u2013 der T\u00fcrsteher wahrscheinlich schon eher. Sie sind ja nicht der erste 17-J\u00e4hrige, den ich aus dem Chicago ziehe. Aber laufen lassen kann ich Sie auch nicht. Ich hab jetzt die Aufgabe, Sie ihren Eltern zu \u00fcbergeben. Stimmt denn die Adresse in Ihrem Personalausweis?\u201c<br>\u201eM\u00fcssen Sie meinen Eltern denn sagen, in welchem Club ich war?\u201c<br>\u201eSie werden mich fragen. Und anl\u00fcgen darf ich sie nicht. Ist das schlimm?\u201c<br>Karl begann schlagartig zu zittern und Frau Meyer, die im letzten Jahr eine freiwillige Fortbildung zum \u201esensiblen Umgang mit Jugendlichen in Problemsituationen\u201c gemacht hatte, verstand: \u201cAch so, Ihre Eltern wissen von nichts.\u201c<br>Karl sch\u00fcttelte den Kopf und vergrub ihn dann auf dem Polizei-Schreibtisch in seinen verschr\u00e4nkten Armen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sonne lugte schon zwischen den sp\u00e4tsommerlichen Buchenhecken hervor, als der Streifenwagen vor Karls Haus hielt. Frau Meyer klingelte dreimal, dann \u00f6ffneten die verschlafenen Eltern endlich die T\u00fcr.<br>\u201eJa was ist denn blo\u00df passiert\u201c, schrie Emmi. \u201eKarl! Ist alles ok?\u201c<br>\u201eEs ist nichts Schlimmes\u201c, beruhigte Frau Meyer, \u201ewenn Sie nichts dagegen haben, w\u00fcrd ich jetzt den Karl hier erst mal ins Bett schicken. Und vielleicht haben Sie dann noch ein paar Minuten Zeit, dann kann ich Ihnen die Situation gern erkl\u00e4ren.\u201c<br>Karl ging nach oben und warf sich mit den Klamotten aufs Bett und schlief verheult und \u00fcberm\u00fcdet ein.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als er erwachte, h\u00f6rte er Kochger\u00e4usche aus der K\u00fcche. Er konnte H\u00fchnersuppe riechen. Zaghaft schlich er nach unten.<br>\u201eAh, da ist er ja\u201d rief Emmi, \u201cich dachte schon, du traust dich gar nicht runter. Nachher wenn Papa aus der Werkstatt kommt gibt\u2019s Frikassee. Aber jetzt setz dich erst mal hin!\u201c Wortlos befolgte Karl die Aufforderung seiner Mutter. Sie striff ihre H\u00e4nde an der K\u00fcchensch\u00fcrze ab und setzte sich zu ihm \u201eDu warst also gestern Nacht im Chicago, das hat uns zumindest die Frau Meyer von der Polizei berichtet.\u201d<br>Karl nickte und sagte mit leiser Stimme: \u201eHat euch die Frau Meyer auch berichtet, was f\u00fcr ein Club das ist?\u201c<br>&nbsp;Emmi l\u00e4chelte:\u201eDie Frau Meyer muss mir nicht erkl\u00e4ren, was das f\u00fcr ein Club ist. Mein Friseur Pepino schw\u00e4rmt mir ungef\u00e4hr alle vier Wochen vor, welcher DJ da wieder aufgelegt hat und welche schillernden Kost\u00fcmpartys da stattfinden.\u201c<br>\u201eAch so\u201c, sagte Karl, \u201edann wisst ihr also jetzt Bescheid?\u201c<br>\u201eGanz ehrlich: Wir hatten schon einen leisen Verdacht. Seit du nachts l\u00e4nger weggeblieben bist, heimlich Klamotten aus meinem Schrank genommen und regelm\u00e4\u00dfig meine Kosmetik gepl\u00fcndert hast. was in der Richtung erz\u00e4hlt. Immer nur von dieser Manuela. Und dann stehst du heute morgen verheult mit meinem roten Blazer und dieser Polizistin vor der T\u00fcr.\u201d<br><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAch Mama, diese Manuela gibt es doch gar nicht. Aber bevor du jetzt nachbohrst oder mir wieder Kondome in die Hand dr\u00fcckst: Ich hab auch noch keinen Freund. Ich bin im Moment ganz allein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eStimm nicht, Karli, du hast uns, sagte Emmi energisch, \u201cauch wenn dein Vater den Mund nicht aufkriegt und ich manchmal nicht wei\u00df wo mir der Kopf steht. Wir haben dich lieb &#8211; genau so wie du bist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Emmi streichelte ihrem Sohn \u00fcber die Hand, dann \u00fcber die Wange. So sa\u00dfen sie eine Weile, bis sie schlie\u00dflich das T\u00fcrschloss h\u00f6rten und der Vater aus der Werkstatt nach Hause kam.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Coming Out<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHerr Baumeister, m\u00f6gen Sie vielleicht einen Kaffee?\u201c, fragte Patrizia Meyer. Karl sa\u00df vor ihr,&nbsp; in sich zusammengesackt auf einem schlichten Holzstuhl im Polizeirevier M\u00fcnchen 2. Es war halb f\u00fcnf.<br>\u201eGleich mal vorweg, sagte sie, \u201df\u00fcr den Diskobesuch bekommen Sie keinen gro\u00dfen \u00c4rger \u2013 der T\u00fcrsteher wahrscheinlich schon eher. Sie sind ja nicht der erste 17-J\u00e4hrige, den ich aus dem Chicago ziehe. Aber laufen lassen kann ich Sie auch nicht. Ich hab jetzt die Aufgabe, Sie ihren Eltern zu \u00fcbergeben. Stimmt denn die Adresse in Ihrem Personalausweis?\u201c<br>\u201eM\u00fcssen Sie meinen Eltern denn sagen, in welchem Club ich war?\u201c<br>\u201eSie werden mich fragen. Und anl\u00fcgen darf ich sie nicht. Ist das schlimm?\u201c<br>Karl begann schlagartig zu zittern und Frau Meyer, die im letzten Jahr eine freiwillige Fortbildung zum \u201esensiblen Umgang mit Jugendlichen in Problemsituationen\u201c gemacht hatte, verstand: \u201cAch so, Ihre Eltern wissen von nichts.\u201c<br>Karl sch\u00fcttelte den Kopf und vergrub ihn dann auf dem Polizei-Schreibtisch in seinen verschr\u00e4nkten Armen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sonne lugte schon zwischen den sp\u00e4tsommerlichen Buchenhecken hervor, als der Streifenwagen vor Karls Haus hielt. Frau Meyer klingelte dreimal, dann \u00f6ffneten die verschlafenen Eltern endlich die T\u00fcr.<br>\u201eJa was ist denn blo\u00df passiert\u201c, schrie Emmi. \u201eKarl! Ist alles ok?\u201c<br>\u201eEs ist nichts Schlimmes\u201c, beruhigte Frau Meyer, \u201ewenn Sie nichts dagegen haben, w\u00fcrd ich jetzt den Karl hier erst mal ins Bett schicken. Und vielleicht haben Sie dann noch ein paar Minuten Zeit, dann kann ich Ihnen die Situation gern erkl\u00e4ren.\u201c<br>Karl ging nach oben und warf sich mit den Klamotten aufs Bett und schlief verheult und \u00fcberm\u00fcdet ein.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als er erwachte, h\u00f6rte er Kochger\u00e4usche aus der K\u00fcche. Er konnte H\u00fchnersuppe riechen. Zaghaft schlich er nach unten.<br>\u201eAh, da ist er ja\u201d rief Emmi, \u201cich dachte schon, du traust dich gar nicht runter. Nachher wenn Papa aus der Werkstatt kommt gibt\u2019s Frikassee. Aber jetzt setz dich erst mal hin!\u201c Wortlos befolgte Karl die Aufforderung seiner Mutter. Sie striff ihre H\u00e4nde an der K\u00fcchensch\u00fcrze ab und setzte sich zu ihm \u201eDu warst also gestern Nacht im Chicago, das hat uns zumindest die Frau Meyer von der Polizei berichtet.\u201d<br>Karl nickte und sagte mit leiser Stimme: \u201eHat euch die Frau Meyer auch berichtet, was f\u00fcr ein Club das ist?\u201c<br>&nbsp;Emmi l\u00e4chelte:\u201eDie Frau Meyer muss mir nicht erkl\u00e4ren, was das f\u00fcr ein Club ist. Mein Friseur Pepino schw\u00e4rmt mir ungef\u00e4hr alle vier Wochen vor, welcher DJ da wieder aufgelegt hat und welche schillernden Kost\u00fcmpartys da stattfinden.\u201c<br>\u201eAch so\u201c, sagte Karl, \u201edann wisst ihr also jetzt Bescheid?\u201c<br>\u201eGanz ehrlich: Wir hatten schon einen leisen Verdacht. Seit du nachts l\u00e4nger weggeblieben bist, heimlich Klamotten aus meinem Schrank genommen und regelm\u00e4\u00dfig meine Kosmetik gepl\u00fcndert hast. was in der Richtung erz\u00e4hlt. Immer nur von dieser Manuela. Und dann stehst du heute morgen verheult mit meinem roten Blazer und dieser Polizistin vor der T\u00fcr.\u201d<br><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAch Mama, diese Manuela gibt es doch gar nicht. Aber bevor du jetzt nachbohrst oder mir wieder Kondome in die Hand dr\u00fcckst: Ich hab auch noch keinen Freund. Ich bin im Moment ganz allein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eStimm nicht, Karli, du hast uns, sagte Emmi energisch, \u201cauch wenn dein Vater den Mund nicht aufkriegt und ich manchmal nicht wei\u00df wo mir der Kopf steht. Wir haben dich lieb &#8211; genau so wie du bist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Emmi streichelte ihrem Sohn \u00fcber die Hand, dann \u00fcber die Wange. So sa\u00dfen sie eine Weile, bis sie schlie\u00dflich das T\u00fcrschloss h\u00f6rten und der Vater aus der Werkstatt nach Hause kam.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Coming IN \/ Coming OUT<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Coming INSeptember 1989. Europa und Deutschland sehnen sich nach Freiheit. Nicht anders Karl Baumeister, der an jenem Freitag Nachmittag am elterlichen Brotzeittisch. \u201eHilfst du mir morgen wieder in der Werkstatt?\u201c, fragte ihn sein Vater und &hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":768,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-764","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-joerg-olvermann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.mischmash.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/764","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.mischmash.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.mischmash.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.mischmash.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.mischmash.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=764"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.mischmash.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/764\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":771,"href":"http:\/\/www.mischmash.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/764\/revisions\/771"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.mischmash.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/768"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.mischmash.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=764"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.mischmash.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=764"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.mischmash.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=764"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}