{"id":1,"date":"2015-07-30T15:29:10","date_gmt":"2015-07-30T13:29:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-rinnsteins.de\/?p=1"},"modified":"2015-08-03T15:41:56","modified_gmt":"2015-08-03T13:41:56","slug":"hallo-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mischmash.de\/?p=1","title":{"rendered":"F\u00fcr alle Freaks"},"content":{"rendered":"<p><em>(von J\u00f6rg Olvermann)<\/em><\/p>\n<p>F\u00fcr alle Freaks.<\/p>\n<p>\u201eIch liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich.\u201c<br \/>\nSeine kr\u00e4ftige M\u00e4nnerstimme wiederholte diesen Satz immer wieder.<br \/>\n\u201eJa, ich liebe dich auch\u201c, fl\u00fcsterte ich und nahm seine faltige Hand in meine. Seine Augen waren feucht. Dann schloss er sie.<br \/>\nKaum war er gestorben, erfolgte die Durchsage: \u201eEnde der Simulation. Vielen Dank, dass Sie am Testbetrieb der Zeittelefonie teilgenommen haben. Wir hoffen, das Angebot auf Basis ihrer Erfahrung weiter optimieren zu k\u00f6nnen.\u201c<br \/>\nDann erwachte ich. Ich griff zum Handy und las Pedros Nachricht. \u201eI wanna see you soon,\u201c stand da. Erleichtert drehte ich mich zur Seite und schlief weiter.<\/p>\n<p>3 Wochen zuvor hatte es angefangen mit den luziden Tr\u00e4umen. Ein luzider Traum ist ein Traum von dem man wei\u00df, dass es einer ist. Gerade deshalb erlebt man ihn so real.<br \/>\nIch tr\u00e4umte, dass ich nachts aufwachte vom Klingeln meines Mobiltelefons. Was komisch war: Der Klingelton war \u201eSave me\u201c von Aim\u00e9 Man.<br \/>\n\u201eWer ist da?\u201c, fragte ich.<br \/>\n\u201eIch bin\u2018s. Ich bin du. Leg jetzt bitte nicht auf\u201c, sagte die Stimme am Telefon.<br \/>\n\u201eWer ist da?\u201c, wiederholte ich energisch.<br \/>\n\u201eIch bin du. Darf ich fragen, in welchen Jahr ich anrufe?\u201c, fragte die Stimme.<br \/>\n\u201eEs ist 2015\u201c, sagte ich. Ich schaute aus dem Fenster aber anstelle der vertrauten Hinterhof-Kastanie stand da Meister Eders Schreiner-Werkstatt aus dem Pumuckel-Film. \u201eDu magst doch Pumuckel, oder\u201c, sagte der Anrufer. \u201eIch habe dieses Design-Template f\u00fcr deinen luziden Traum ausgew\u00e4hlt, damit du weniger Angst hast bei meinem ersten Anruf aus der Zukunft\u201c, f\u00fcgte er an. Nach einer kurzen Pause sagte die Stimme: \u201eIch rufe aus dem Jahr 2050 an, um dir zu sagen, wie sehr ich dich liebe!\u201c<\/p>\n<p>Beep &#8211; Beep- Beep<\/p>\n<p>Der Wecker riss mich aus dem Traum. Ich schaute aus dem Fenster. Der nasse Herbstwind schlug dunkle Kastanien von den \u00c4sten. Die Pumuckel Werkstatt war weg. Gott sei Dank.<\/p>\n<p>Etwa eine Woche sp\u00e4ter erfolgte der zweite luzide Traum &#8211; oder besser gesagt, sein zweiter Anruf.<br \/>\nDiesmal war mein Gegen\u00fcber gespr\u00e4chiger:<br \/>\n\u201eIch bin du in 35 Jahren. Ich rufe dich aus deiner eigenen Zukunft an. Seit kurzem gibt es n\u00e4mlich technisch die M\u00f6glichkeit, mit sich selbst in einer anderen Zeitzone des Lebens zu telefonieren. Wir schreiben das Jahr 2050 und ich lebe hier in Berlin, im 68. Stock am Alexanderplatz.\u201c<br \/>\n\u201eDu bist also ich &#8211; im Alter von 79 Jahren?\u201c, rechnete ich schnell anhand meines Geburtsdatums nach. \u201e78\u201c, korrigierte er mich. \u201eIch, also wir haben doch erst im November Geburtstag.\u201c Eine dicke G\u00e4nsehaut \u00fcberzog mich.<\/p>\n<p>Dann erz\u00e4hlte er mir von seinem Leben im Jahr 2050. Es hatte sich im Grunde nicht viel ver\u00e4ndert, meinte er. Er war seit 2 Jahren im Ruhestand, ganz wohlhabend, arbeitete aber noch ab und an aus Spa\u00df, ging gern mit Freunden essen, hatte sich k\u00fcrzlich einen Hund zugelegt.<br \/>\nIch wollte Fragen stellen wie \u201eIst Angela Merkel noch Bundeskanzlerin? Gibt es den Euro noch? Wie viel kostet eine BVG Einzelfahrt? Steht das Alexa immer noch?\u201c<br \/>\nMein Ich in der Zukunft, er wollte nun \u201eOmega\u201c genant werden, antwortete auf diese Fragen nicht. Sie verstie\u00dfen gegen die Netiquette der Zeittelefonie. Er durfte nur \u00fcber Dinge sprechen, die ihn und mich betrafen: \u201eEgo-interne Angelegenheiten\u201c. So stand es in den Nutzungsbedingungen seines All-Lifetime-Zones Telefon-Tarifs. Dort stand auch, dass ich als der Angerufene mit niemanden \u00fcber diese Gespr\u00e4che mit der Zukunft sprechen d\u00fcrfte. Mit niemanden!!<br \/>\n\u201eIch m\u00f6chte dir eigentlich nur sagen, wie sehr ich dich liebe\u201c, sagte Omega immer wieder.<br \/>\n\u201eDenn ich bin im Grunde der einzige, den ich je geliebt habe\u201c, f\u00fcgte er an.<br \/>\nSeine Aussage machte mich traurig. Ja, es stimmte irgendwie. Bisher hatte ich einige gescheiterte Beziehungen hinterlassen, Leidenschaften, die im Drama endeten, Freundschaften die in unverbindlichen Oberfl\u00e4chlichkeiten verliefen. Eigentlich hatte ich mich nie auf einen Menschen richtig eingelassen. Aber tief in mir drin schlummerte die leise Hoffnung, dass sich das noch mal \u00e4ndern w\u00fcrde.<br \/>\n\u201eIch habe unsere Facebook Timeline von 2012 bis 2040 durchgescrollt\u201c, sagte Omega. \u201eIch sehe nur auf den Fotos gl\u00fccklich aus, auf denen ich alleine bin. Was hat es denn schon gebracht mit den anderen Menschen? Gebrochene Herzen, Entt\u00e4uschungen, Verletzungen\u201c, sagte Omega.<\/p>\n<p>Am Wochenende nach dem zweiten Traum kramte ich die Schachtel mit Briefen und Postkarten von fr\u00fcher hervor. Ich durchforstete private E-Mails, Whats App Nachrichten, Messages aus Dating-Apps.<\/p>\n<p>Dort las ich S\u00e4tze wie:<br \/>\n\u201eDu bist echt nett, aber ich glaube ich bin gerade in einer schwierigen Phase nach der letzten Trennung. Ich brauche einfach etwas Distanz und Zeit f\u00fcr mich.\u201c<br \/>\noder<br \/>\n\u201eUnsere Beziehung habe ich mir anders vorgestellt. Es ist wohl besser, wenn wir getrennte Wege gehen.<br \/>\nIch las Kurznachrichten wie\u2028\u201eWarum antwortest du erst zwei Tage sp\u00e4ter? Auf solche Freunde kann ich verzichten.\u201c<br \/>\noder<br \/>\n\u201eDanke f\u00fcr unseren sch\u00f6nen Abend, aber der Funke wollte nicht \u00fcberspringen. Ich meld\u2018 mich vielleicht mal wieder.\u201c<br \/>\noder einfach auch nur<br \/>\n\u201eI think you are passive aggressive. Fuck off\u201c<\/p>\n<p>Eine schier endlose Aneinanderreihung von Abschieden, Zur\u00fcckweisungen und Abbr\u00fcchen.<br \/>\n\u201eSei nicht traurig dar\u00fcber,\u201c sagte Omega bei unserem dritten Zeittelefonat: \u201eWir haben wir ja uns\u201c.<br \/>\nEr erz\u00e4hlte, dass schon in einer Woche in der Zeittelefonie das neue Feature \u201eFull awareness\u201c eingef\u00fchrt w\u00fcrde. Er m\u00fcsse mich dann nicht mehr im Traum anrufen, sondern k\u00f6nne jederzeit mit mir sprechen. Er wolle dann auch tags\u00fcber anrufen, Nachrichten schicken, Bilder austauschen.<br \/>\n\u201eSo wie echte Liebende\u201c, meinte er.<br \/>\n\u201eMit einem Unterschied,\u201c sagte ich. \u201eDu bist nicht hier. Du bist nicht jetzt. Du bist kein anderer Mensch, in den ich mich verlieben kann. Du bist ICH\u201c<br \/>\n\u201eNa und,\u201c sagte Omega, \u201ewas besseres als mich wirst du nicht finden.\u201c<\/p>\n<p>Noch am selben Abend bestellte ich meine beste Freundin Mara in ein Neuk\u00f6llner Literaturcaf\u00e9.<\/p>\n<p>Sie sah mich entgeistert an:<br \/>\n\u201eWas hast du mir f\u00fcr eine wirre Nachricht geschrieben? Zeittelefonie? Bist du jetzt v\u00f6llig am Durchdrehen?\u201c<br \/>\nIch blieb demonstrativ ruhig.<br \/>\n\u201eFindest du, dass ich ein liebesunf\u00e4higer Freak bin?\u201c, fragte ich Mara.<br \/>\n\u201eMein Ich in 35 Jahren ruft mich n\u00e4mlich seit ein paar Wochen an. Im Traum. Er sagt, er liebt mich und er ist der Einzige&#8230; Also ich sei der Einzige der ihn &#8230; also.. er meint &#8230; im Grunde w\u00fcrde ich mich nur selbst lieben. Und er findet das gut und will mich jetzt \u00f6fter anrufen, Bilder schicken und so&#8230;\u201c<br \/>\nMara verschluckte sich an ihrem Flat White und lie\u00df ihre Tasse auf den Tisch fallen.<br \/>\n\u201eIch h\u00e4tte dir nicht diese Akte X DVD Box nicht schenken d\u00fcrfen, oder?\u201c, sagte sie.<br \/>\n\u201eOder hat dir dieser Performance-K\u00fcnstler, mit dem du letzte Woche auf meinem Geburtstag rumgeknutscht hast, was in den Kaffee getan?\u201c<br \/>\n\u201eAch, du meinst Pedro,\u201csagte ich. \u201eNein, Pedro hab ich schon abgeschossen, der hat angefangen zu klammern &#8230;\u201c<br \/>\n\u201eWHATEVER,\u201c sagte Mara. \u201eIch wei\u00df wirklich nicht, ob ich die richtige bin, die dir sagen kannst, ob du ein Freak bist. Frag lieber mal deine vielen Exe und Aff\u00e4ren. Ich muss eigentlich Lilian schon seit 20 Minuten aus der Kita holen. Wir reden morgen nach dem Yoga.\u201c Sie sprang auf und lief nach drau\u00dfen. Ich legte mein Kaffeegeld auf den Tisch und folgte ihr.<\/p>\n<p>Mitten auf dem B\u00fcrgersteig sprach pl\u00f6tzlich eine Stimme aus dem Nichts zu mir:<br \/>\n\u201eSehr geehrter Teilnehmer. Sie haben gegen die Nutzungsbedingungen der Zeittelefonie versto\u00dfen und werden von diesem Service ausgeschlossen. Aus Kulanz werden sie heute Nacht in einer letzten luziden Session die M\u00f6glichkeit haben, sich von ihrem Selbst in der Zukunft zu verabschieden. Die Default-Einstellungen sehen dabei die Simulation einer Sterbeszene vor. Das bedeutet aber nicht, dass sie selbst so sterben werden. Dies ist eine automatisch erzeugte Nachricht des Zeittelefonie-Service-Centers. Bei weiteren Fragen dr\u00fccken Sie die Raute-Taste&#8230;\u201c<br \/>\n\u201eWHATEVER!\u201c br\u00fcllte ich in die feuchtk\u00fchle Abendluft. Mara drehte sich nach mir um und wedelte mit der Handfl\u00e4che vor ihrem Kopf.<\/p>\n<p>Ich beachtete sie nicht weiter und kramte auf dem Telefon nach Pedros Nummer.<br \/>\n\u201eWanna meet?\u201c tippte ich hastig ein und machte mich auf den Weg nach Hause.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(von J\u00f6rg Olvermann) F\u00fcr alle Freaks. \u201eIch liebe dich. Ich liebe dich. 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