{"id":13,"date":"2015-08-03T15:10:04","date_gmt":"2015-08-03T13:10:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-rinnsteins.de\/?p=13"},"modified":"2022-06-20T22:11:22","modified_gmt":"2022-06-20T20:11:22","slug":"blut_und_wasser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mischmash.de\/?p=13","title":{"rendered":"Blut und Wasser"},"content":{"rendered":"<p><em>(von Thanassis Kalaitzis)<\/em><\/p>\n<p>Auf einer Landstrasse zwischen Edirne und Kastania treffen zwei Familien aufeinander.<br \/>\nDie eine Familie mit einem Pferdewagen. In dem sitzen die Alten, zwei Frauen zwei M\u00e4nner, ein kleine Plane sch\u00fctzt sie, eine Ikone und ein mit einem Tuch bedecktes Fass vor dem k\u00fchlen Herbstregen. Dieser Wagen, neben dem eine \u00e4ltere Frau und zwei als Jungen verkleidete M\u00e4dchen laufen und auf dessen Bock wohl neben dem Vater zwei Jungs hin und her rutschen, f\u00e4hrt in Richtung Westen.<br \/>\nDie andere Familie tr\u00e4gt ihre Habseligkeiten auf dem R\u00fccken, die Alten wie die Jungen. St\u00fchle, ein Bilderrahmen, ein Gebetsteppich, Geschirr und ein Tisch zieht ein schw\u00e4chelnder Esel vor einem zweir\u00e4drigen Karren, den Esel zieht ein neunj\u00e4hriger Knabe. Sie alle ziehen in Richtung Osten.<br \/>\nEs ist November und beide Familien sind seit Wochen unterwegs. Sie haben alles verloren. Nur was sie zum \u00dcberleben brauchen und was sie nicht in der Heimat zur\u00fccklassen wollten, haben sie mitgenommen.<br \/>\nIm Pferdewagen beginnt eine der beiden Frauen beim Anblick der anderen Familie zu klagen. Eine hohe Stimme schallt in den d\u00fcnnen Regen. Die Atemlosigkeit und die kurzen S\u00e4tze lassen ahnen, dass sie die Anderen beschimpft. Einer der alten M\u00e4nner zupft an ihrem schmutzigen Kleid und ruft ihr mit einer Handbewegung, die zum Karren hin\u00fcberzeigt, etwas zu. Er zeigt auf den Karren, auf die Menschen, auf die baren F\u00fc\u00dfe, die wenigen Habseligkeiten, den mageren Esel und spricht. Die alte Frau verstummt f\u00fcr einen Moment und bricht dann mit markersch\u00fctterndem Heulen zusammen.<br \/>\nVom L\u00e4rm erschrocken stoppt der ostw\u00e4rts ziehende Esel vor dem Karren. Seine Unwilligkeitsschreie mischen sich mit dem Heulen der Alten vom Pferdewagen. Der Kutscher bringt die nach Westen ziehenden Pferde und den Wagen zu einem Halt. Die Familien stehen &#8211; nebeneinander. Auf einem schlammigen Weg, barfuss. Beide Familien sprechen die Sprache der Anderen und wissen dennoch nicht, was es zu sagen g\u00e4be.<br \/>\nNach einer Weile regt sich der Alte, der gerade am Kleid seiner Alten gezupft und zu ihr gesprochen hatte, unter der Plane auf dem Pferdewagen. Er macht das Fass frei und taucht einen Krug in das wenige Wasser. Dann steigt er unter M\u00fchen herab und reicht den wassergef\u00fcllten Scherben der anderen Familie. Jeder erh\u00e4lt einen Schluck. Dann steigt er zur\u00fcck auf den Wagen und gibt dem Kutscher ersch\u00f6pft ein Signal zum Aufbruch.<br \/>\nDer Junge zupft am Seil, mit dem er den Esel f\u00fchrt bis der seinen ersten von vielen weiteren Schritten macht.<br \/>\nBeide Familien ziehen in ihre Richtung weiter, mit der Hoffnung, die neue Heimat noch vor dem Winter zu erreichen. Die jetzt nur noch leise schluchzende alte Frau unter der Plane w\u00fcnscht sich ein besseres Leben f\u00fcr ihre Kinder und Kindeskinder. Sie w\u00fcnscht sich und ihren Nachkommen ein zu Hause, dass niemand gegen deren Willen verlassen muss. Sie w\u00fcnscht sich, das die Vielen, wegen eines dummen Bed\u00fcrfnisses zu herrschen und zu siegen eines Einzigen, nicht alles verlieren m\u00fcssen was sie besitzen; ihre Vergangenheit und ihre Zukunft.<br \/>\nIhr Wunsch erf\u00fcllt sich schlie\u00dflich 90 Jahre sp\u00e4ter als ihr Urenkel eine Zwei-Raum 1555 Kilometer weiter nordwestlich in Neuk\u00f6lln findet (nach P-Berg\/F-Hain und kurz in Moabit) und sich zum ersten mal so richtig zu Hause f\u00fchlt. Niemand wei\u00df mehr von dem Wunsch einer vertriebenen alten Frau im Jahr der \u201ekleinasiatischen Katastrophe\u201c \u2014 1922.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(von Thanassis Kalaitzis) Auf einer Landstrasse zwischen Edirne und Kastania treffen zwei Familien aufeinander. Die eine Familie mit einem Pferdewagen. 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