{"id":147,"date":"2016-07-06T21:10:45","date_gmt":"2016-07-06T19:10:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mischmash.de\/?p=147"},"modified":"2016-07-06T21:20:25","modified_gmt":"2016-07-06T19:20:25","slug":"nataschas-erbsensuppe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mischmash.de\/?p=147","title":{"rendered":"Nataschas Erbsensuppe"},"content":{"rendered":"<p>(von J\u00f6rg Olvermann)<br \/>\nZutaten: Krieg und Frieden, Zeitgeschichte, Schicksal<br \/>\nKulturkoloss: \u201eKrieg und Frieden\u201c von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lew_Nikolajewitsch_Tolstoi\">Leo Tolstoi<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.mischmash.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/Bildschirmfoto-2016-07-06-um-21.18.15-e1467832747956.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-152 alignleft\" src=\"http:\/\/www.mischmash.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/Bildschirmfoto-2016-07-06-um-21.18.15-e1467832747956-300x285.png\" alt=\"Nataschas Erbsensuppe\" width=\"300\" height=\"285\" srcset=\"https:\/\/www.mischmash.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/Bildschirmfoto-2016-07-06-um-21.18.15-e1467832747956-300x285.png 300w, https:\/\/www.mischmash.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/Bildschirmfoto-2016-07-06-um-21.18.15-e1467832747956.png 337w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Am Cadillac Square in Downtown Detroit reiht sich zur Mittagszeit Food Truck an Food Truck. Ums\u00e4umt von den Hochh\u00e4usern der ehemals glanzvollen Autometropole warten sie geduldig auf die ersten Hungrigen, die gegen halb eins ihre mittelm\u00e4\u00dfig bezahlten B\u00fcrojobs verlassen, um sich ein bisschen frische Luft, einen Pulled Pork Burger oder ein paar fettige Enchiladas zu g\u00f6nnen.<br \/>\nNatascha wischte sich die Finger an der wei\u00dfen Spitzensch\u00fcrze ab, z\u00e4hlte das Wechselgeld und fluchte leise. Warum nur, \u00e4hnelten sich diese verdammten Dollarscheine so sehr?<br \/>\n\u201eCome on Natascha, relax!\u201c, sagte F\u00fcrst Andr\u00e9, zupfte sich die goldene Sch\u00e4rpe \u00fcber der Zarenuniform zurecht, und winkte eine \u00fcbergewichtige Passantin heran. Mit ausladender Geste verbeugte er sich und \u00fcberreichte ihr einen Flyer.<br \/>\nDie z\u00fcckte ihr Handy, machte mit F\u00fcrst Andr\u00e9 ein Selfie und versprach, in den n\u00e4chsten Tagen auf jeden Fall vorbeizukommen, denn so einen Food Truck, nein also so einen, den habe sie hier noch nie gesehen.<br \/>\nNatascha beobachtete die beiden, verga\u00df dar\u00fcber das Geldz\u00e4hlen und das Fluchen und hielt f\u00fcr einen Moment inne. H\u00e4tte man ihr noch vor sieben Monaten gesagt, wo sie heute st\u00fcnde, sie h\u00e4tte den- oder diejenige f\u00fcr verr\u00fcckt erkl\u00e4rt. F\u00fcr so verr\u00fcckt, wie sie sich selbst damals gerne h\u00e4tte erkl\u00e4ren lassen wollen, um ihrer Strafe zu entgehen. Aber daraus wurde nichts.<\/p>\n<p>6 Monate ohne Bew\u00e4hrung &#8211; wegen Beihilfe zur Brandstiftung im Zusammenhang mit einer politisch motivierten Straftat. Und das alles nur, weil sie Silvio die Garage \u00fcberlie\u00df und, naja, und 50 Kanister Benzin.<br \/>\nAber das war ihr altes Leben, und davor hatte sie ein ganz altes und davor eins, an das sie sich nur noch erinnern konnte, wenn sie ihr Fotoalbum hervorkramte, eines der wenigen Erinnerungsst\u00fccke, das sie nach Detroit mitnahm.<br \/>\nErst am Vorabend hatte sie mit F\u00fcrst Andr\u00e9s Tochter Caitlin darin gebl\u00e4ttert.<br \/>\nSeite 1: Natascha als 8-j\u00e4hrige, auf einer Wiese zwischen bl\u00fchenden Apfelb\u00e4umen. Das war einige Jahre nach ihrer Ankunft in der Soldatenstadt W\u00fcnsdorf bei der Berlin.<br \/>\nSeite 2: Natascha als 12-j\u00e4hrige, auf dem Scho\u00df ihrer Gro\u00dfmutter, im Hintergrund die Orden des Gro\u00dfvaters, der im gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieg bis nach Berlin marschierte und der dann so stolz darauf war, dass sein Sohn als General in die DDR entsandt wurde.<br \/>\nAb Seite 7 \u00e4nderte sich die Qualit\u00e4t der Bilder. Aus den instagramfiltergleich vergilbten Fotos des Kommunismus wurden be\u00e4ngstigend farbtreue Glanzabz\u00fcge der Nachwendezeit.<\/p>\n<p>Die 90er Jahre, das war Nataschas Kriegszeit. Kaum vorbereitet auf das kapitalistische Deutschland sprang sie von Job zu Job, von Lover zu Lover. Anatol, ihr erster Mann, ein Sp\u00e4taussiedler auf dem Donezk, schlug sie. Ricardo, ihr zweiter, hinterlie\u00df 50.000 Mark Schulden und eine Hepatitis B, die nur schwer ausheilte.<br \/>\nUnd nach dem Krieg. Kam Silvio. Ihre Liebe zu ihm war so gro\u00df wie sein Bizeps, und so breit wie sein selbstsicheres Lachen. Silvio fuhr einen BMW, managte Fitnessstudios und verkaufte Sportnahrung. Fast 15 Jahre lang sah es so aus, als h\u00e4tte Natascha das Gl\u00fcck gefunden. Sie waren mehr als ein Paar. Sie waren ein Team. Wenn die beiden nicht gemeinsam im Fitnessstudio waren, dann sa\u00dfen sie in Nataschas K\u00fcche und t\u00fcftelten an neuen Kochrezepten f\u00fcr Leistungssportler. Und wenn Silvio nach stundenlangem R\u00fchren, Kochen und Probieren genug hatte, dann holte er eine Konserve aus der kleinen Speisekammer und sagte zu Natascha:<br \/>\n\u201eProteine hin oder her, die beste Nahrung f\u00fcr einen Sportler ist und bleibt immer noch Erbsensuppe mit Schweinebauch.\u201c<br \/>\nEs war so friedlich zwischen ihnen. Warum ist es einfach nicht so geblieben?<\/p>\n<p>Dann stand pl\u00f6tzlich die Staatsanw\u00e4ltin auf und stach mit dem schwarzen Kugelschreiber in Nataschas Richtung:<br \/>\n\u201eSie, Frau Rostova, Sie haben durch Ihr Handeln in besonderer Weise dazu beigetragen, dass Menschen, die in unserem Land Schutz vor Krieg und Verfolgung suchen, lebensgef\u00e4hrlich verletzt wurden. Es ist bewiesen, dass sie im Auftrag ihres Lebenspartners Silvio Zeller 500 Liter Benzin in kleinen Rationen beschafften und in ihrer Garage f\u00fcr ihn lagerten. Sie haben Herrn Zeller auch eine alte NVA-Feldk\u00fcche zur Verf\u00fcgung gestellt, und das, obwohl sie gewusst haben mussten, dass Herr Zeller das Benzin in der Feldk\u00fcche erhitzen w\u00fcrde, um es im Eingangsbereich der Erstaufnahmeeinrichtung an der K\u00e4the-Kollwitz-Stra\u00dfe zu entz\u00fcnden. Dass in den Etagen dar\u00fcber bereits 35 Personen wohnten, d\u00fcrften sie ebenfalls gewusst haben. Und sie wussten nat\u00fcrlich auch, dass Herr Zeller in der rechtsextremen Szene kein Unbekannter ist. Sie selbst haben ihn nach Zeugenaussagen immer wieder zu den Pegida-Demonstrationen nach Dresden begleitet.\u201c Natascha weinte. Ja, sie wusste es. Aber gleichzeitig wusste sie es auch nicht. Silvio hatte nie direkt \u00fcber seine Pl\u00e4ne gesprochen. Er sagte nur: \u201eIch verteidige mein Vaterland, so wie es mein und dein Gro\u00dfvater getan haben.\u201c Natascha fand daran irgendwie nichts Schlechtes.<\/p>\n<p>Am Tag ihrer Entlassung aus dem Gef\u00e4ngnis flog Natascha mit der ersten freien Maschine nach Moskau. Da sa\u00df sie nun, bei Tante Irina im 12. Stock eines Sowjetneubaus. Tante Irina goss Tee ein. Ihre H\u00e4nde zitterten. Sie vergoss die H\u00e4lfte auf den Tisch.<br \/>\n\u201eWas ist Tantchen, bist du nerv\u00f6s?\u201c, fragte Natascha. \u201eHast du etwa Angst vor mir, weil ich im Gef\u00e4ngnis war? Es war eine dumme Sache, ich wei\u00df. Ich habe meine Strafe abgesessen. Ich werde hier in Moskau ein neues Leben anfangen.\u201c<br \/>\n\u201eHier in Moskau?\u201c, Irina riss die ungl\u00e4ubig die Arme hoch, \u201eSiehst du nicht, wie schlecht es uns allen geht? Es gibt kaum Arbeit, alles wird teurer. Wovon willst du leben?\u201c<br \/>\nNatascha wischte mit einer roten Papierserviette den ausgegossenen Tee von der Tischplatte und ging schweigend in die K\u00fcche.<br \/>\nTante Irina folgte ihr und legte die Arme um sie.<br \/>\n\u201eDu hast ja Recht, Natascha. Ich bin aufgeregt. Aber nicht wegen dir, sondern wegen F\u00fcrst Andr\u00e9.\u201c<br \/>\nNatascha l\u00f6ste sich aus der Umarmung und drehte sich mit gro\u00dfen Augen zu Irina um. Irina lachte:<br \/>\n\u201eJa, meine Kleine, F\u00fcrst Andr\u00e9 ist in Moskau und als ich ihm sagte, dass du hierher kommst, da hat er sich sofort ins Auto gesetzt. So der Moskauer Verkehr will, ist er in einer halben Stunde hier!\u201c<br \/>\nF\u00fcrst Andr\u00e9 war ein Cousin zweiten Grades und Nataschas gro\u00dfe Jugendliebe. Sie lernten sich in der Soldatenstadt W\u00fcnsdorf kennen, als Andr\u00e9 dort einen Sommer bei den Rostovs verbrachte. All die Jahre hatte Natascha, wenn sie an ihn dachte, noch den Duft der Lindenb\u00e4ume in der Nase, die in jener Sommernacht bl\u00fchten, als sie sich hinter dem Offizierskasino zum ersten und einzigen mal liebten.<br \/>\n\u201eAch, F\u00fcrst Andr\u00e9\u201c, sagte Natascha betont unger\u00fchrt, \u201eich dachte der lebt jetzt in Chicago\u201c.<br \/>\n\u201eDetroit, mein Schatz, er lebt in Detroit,\u201c sagte Irina. \u201eEr ist nur f\u00fcr ein paar Tage hier -gesch\u00e4ftlich. Er hat einen florierenden Handel mit alten Zarenuniformen aufgebaut, musst du wissen. Nur schade, dass er schon Witwer ist. Seine Frau hat sich wahrlich tot gefressen. Eine dicke Amerikanerin, die jeden Tag kiloweise Schokolade und s\u00fc\u00dfe Limonade in sich reingestopft hat. \u00dcber 250 Kilo soll sie am Schluss gewogen &#8230; Mit einem Kran haben sie die Leiche&#8230; Die Beerdigung musste ein Tierbestatter, einer der sonst mit Nilpferdleichen und so was&#8230; Also nein, Natascha, das kannst du dir nicht vorstellen.\u201c<br \/>\nNatascha schaute pr\u00fcfend an ihrem K\u00f6rper herab. 54 war sie nun. Auch im Gef\u00e4ngnis hatte sie ihr Fitnessprogramm eisern durchgezogen. Ihr K\u00f6rper war so ziemlich das einzige, worauf sie stolz war.<\/p>\n<p>Als F\u00fcrst Andr\u00e9 in Irinas Wohnung trat, f\u00fcllte seine Statur den ganzen T\u00fcrrahmen aus. Verborgen in seinem dichten, mattgrauen Rauschebart erkannte Natascha sinnliche Lippen und Andr\u00e9s zartgr\u00fcne Augen zeigten immer noch diese Mischung aus Sanftheit und St\u00e4rke, in die sich Natascha damals verliebt hatte.<br \/>\nBeide setzen sich an niedrigen Wohnzimmertisch. Tante Irina lief in die K\u00fcche.<br \/>\n\u201eUnterhaltet euch\u201c, sagte sie, \u201eihr habt euch ja so lange nicht gesehen.\u201c<br \/>\nAber F\u00fcrst Andr\u00e9 und Natascha sprachen kein Wort. Sie schauten sich nur in die Augen. Dabei war nicht zu erkennen, ob es peinlich leere oder unendlich bedeutungsschwangere Blicke waren, die beide austauschten.<br \/>\nIrgendwann, endlich, brach F\u00fcrst Andr\u00e9 das Schweigen:<br \/>\n\u201eWei\u00dft du, Natascha,\u201c sagte er, \u201eich k\u00f6nnte dich jetzt fragen, wie es dir in Deutschland in all den Jahren erging, warum du im Gef\u00e4ngnis warst und was du jetzt in Moskau vorhast. Und du k\u00f6nntest mich fragen, wie es mir in Detroit geht, wie ich \u00fcber den Tod meiner Frau hinweggekommen bin und wie meine Gesch\u00e4fte laufen. Wir k\u00f6nnten auch \u00fcber unseren Sommer in Deutschland sprechen, \u00fcber die Nacht hinter dem Offizierskasino und warum wir uns danach aus den Augen verloren haben. Liebe Natascha, wir k\u00f6nnten \u00fcber so vieles reden, was das Leben uns Gutes und Schlechtes beschert hat. Aber wei\u00dft du, das ist alles wertlos. Denn immer gibt es irgendwo einen Krieg und irgendwo endet einer. In meinem Leben, in deinem, in dem Leben von 7 Milliarden Menschen gibt es so viel Elend und so viel Gl\u00fcck zur gleichen Zeit.\u201c<br \/>\nEr nahm Nataschas Hand: \u201eIch halte es da lieber mit Tolstoi: Das Schwierigste, aber das Wichtigste ist, das Leben an sich zu lieben, auch wenn wir leiden. Denn das Leben ist alles. Das Leben ist Gott. Und das Leben zu lieben bedeutet, Gott zu lieben. Und deshalb frage ich dich, Natascha: Liebst du das Leben?\u201c<br \/>\nBevor Natascha antworten konnte, platzte Irina mit einer dampfenden Sch\u00fcssel herein.<br \/>\n\u201eEntschuldigt, dass es so lange gedauert hat\u201c, sagte sie und f\u00fcllte die tiefen Teller randvoll mit Pelmeni.<\/p>\n<p>Die drei a\u00dfen schnell und viel. Dabei f\u00fchrte Irina einen nerv\u00f6sen und belanglosen Monolog \u00fcber Putin, Obama und wie der Westen und die Moslems die russische Kultur zerst\u00f6rten. F\u00fcrst Andr\u00e9 verabschiedete sich bald, sagte, er w\u00fcrde in einem nahe gelegenen Hotel \u00fcbernachten und am Morgen zum Fr\u00fchst\u00fcck noch einmal wiederkommen. Nachdem er fort war, gingen Natascha und Irina ins Bett. Die Pelmeni lagen schwer im Magen.<\/p>\n<p>In dieser Nacht hatte Natascha einen merkw\u00fcrdigen Traum. Sie w\u00fcrde F\u00fcrst Andr\u00e9 nach Detroit folgen. Sie w\u00fcrde dort Erbsensuppe mit Schweinebauch in der alten NVA-Feldk\u00fcche aufw\u00e4rmen und an \u00fcbergewichtige Amerikaner verkaufen. F\u00fcrst Andr\u00e9 w\u00fcrde in einer Zarenuniform neben der Feldk\u00fcche stehen und Werbezettel verteilen. Sie w\u00e4ren gl\u00fccklich. Und alles, was sie bisher in ihrem Leben erlebt hatte, w\u00fcrde einen Sinn ergeben.<br \/>\nNatascha wachte auf. Sie schlug die viel zu warme Bettdecke zur\u00fcck und ging ans Fenster. Hinter den rauchenden Schornsteinen konnte sie die hellen Lichter Moskaus sehen. \u201eJa, ich liebe das Leben\u201c sagte sie und lachte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(von J\u00f6rg Olvermann) Zutaten: Krieg und Frieden, Zeitgeschichte, Schicksal Kulturkoloss: \u201eKrieg und Frieden\u201c von Leo Tolstoi Am Cadillac Square in Downtown Detroit reiht sich zur Mittagszeit Food Truck an Food Truck. 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