{"id":381,"date":"2018-06-28T09:23:25","date_gmt":"2018-06-28T07:23:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mischmash.de\/?p=381"},"modified":"2018-06-28T09:32:31","modified_gmt":"2018-06-28T07:32:31","slug":"redcap-und-der-boese-wulf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mischmash.de\/?p=381","title":{"rendered":"Redcap und der b\u00f6se Wulf"},"content":{"rendered":"<p><strong>(von J\u00f6rg Olvermann)<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.mischmash.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Bildschirmfoto-2018-06-21-um-23.14.47.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-324 size-large\" src=\"http:\/\/www.mischmash.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Bildschirmfoto-2018-06-21-um-23.14.47-598x1024.png\" alt=\"\" width=\"598\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/www.mischmash.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Bildschirmfoto-2018-06-21-um-23.14.47-598x1024.png 598w, https:\/\/www.mischmash.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Bildschirmfoto-2018-06-21-um-23.14.47-175x300.png 175w, https:\/\/www.mischmash.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Bildschirmfoto-2018-06-21-um-23.14.47.png 713w\" sizes=\"auto, (max-width: 598px) 100vw, 598px\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.mischmash.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/joerg_redcap.mov\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(Klicken f\u00fcr animierte Version des Bildes)<\/a><\/p>\n<p><strong>Bei der Mutter<\/strong><\/p>\n<p>Silvia Kappmann schaute besorgt aus dem K\u00fcchenfenster \u00fcber die Garagen der Plattenbausiedlung am Rande Greifswalds.<br \/>\n\u201eWei\u00dft du eigentlich, wie gef\u00e4hrlich Berlin ist. Und vor allem dieses Neuk\u00f6lln! Erst gestern haben sie da wieder eine Deutsche angespuckt, weil sie kein Kopftuch getragen hat. Hab ich gelesen auf \u2026\u201c<br \/>\n\u201eLass mich raten\u201c, unterbrach sie ihr 19-j\u00e4hriger Sohn Redcap, \u201edas hast du auf Facebook gelesen, in deiner AfD-Nazi-Gruppe!\u201c<br \/>\nRedcap setzte entschlossen seine rote Basecap auf: \u201eMama, egal was du sagst. Ich fahre auf jeden Fall nach Berlin, um Oma zu besuchen! Sie hat sich so schwach angeh\u00f6rt am Telefon!\u201c<br \/>\n\u201eAch, du und deine Oma\u201c, seufzte Silvia, \u201edu warst ja immer schon ihr Liebling. Was f\u00fcr eine s\u00fcndteure rote Kappe sie dir da geschenkt hat. Aber fahr du nur nach Neuk\u00f6lln. So lange du dich nicht gleich in ein Kopftuchm\u00e4dchen verliebst!\u201c<br \/>\nRedcap verdrehte die Augen. Dann schnappte er sich seinen Rucksack und schlug die Wohnungst\u00fcr hinter sich zu.<\/p>\n<p><strong>Im gr\u00fcnen Flixbus<\/strong><\/p>\n<p>Kurz vor 15 Uhr stieg Redcap in den gr\u00fcnen Flixbus. Die Worte seiner Mutter wirkten noch nach. In ein Kopftuchm\u00e4dchen verlieben. Wie absurd. Wohl eher w\u00fcrde er wohl sein Herz an einen s\u00fc\u00dfen Araber verlieren. Redcap kauerte sich im hinteren Teil des Busses auf einen Fensterplatz und googelte auf dem Handy Omas Adresse: Saalestra\u00dfe 37, 12055 Berlin<br \/>\n\u201eMist!\u201c fluchte er. Das WLAN im Bus war einfach zu langsam, um die Karte zu laden.<br \/>\n\u201eKann ich dir irgendwie helfen?\u201c, fragte eine fremde Stimme hinter ihm und ehe er antworten konnte, setzte sich ein schrankgro\u00dfer Kerl neben ihn.<br \/>\n\u201eIch bin Werner-Ulf, aber alle nennen mich Wulf\u201c, stellte sich der Fremde vor und reichte Redcap die Hand. Wulfs Arme waren dick wie Baumst\u00e4mme, auf seine Handr\u00fccken waren Runen t\u00e4towiert.<br \/>\n\u201eEy, suchst du was, was Laune macht\u201c, fragte Wulf, \u201eSpeed, Weed, GHB oder Tina? Alles am Start!\u201c Wulf klopfte mit einer Hand auf die Au\u00dfentaschen seiner schwarzen Bomberjacke.<br \/>\n\u201eTina kenn ich nicht\u201c, sagte Redcap etwas verlegen, \u201eaber vielleicht kannst du mir sagen, wie ich in Berlin zur Saalestra\u00dfe 37 komme.\u201c<br \/>\n\u201eWer wohnt denn da?\u201c, fragt Wulf neugierig.<br \/>\n\u201eMeine Oma, Inge Kappmann. Sie ist jetzt ganz allein in ihrer gro\u00dfen Wohnung und sehr krank und schwach.\u201c<br \/>\n\u201eKrank? Allein? Gro\u00dfe Wohnung? Deine Oma ist wohl ne reiche Witwe?\u201c<\/p>\n<p>Wulfs Augen funkelten.<br \/>\n\u201eNaja\u201c, sagte Redcap, \u201eimmerhin hat sie mir diese Kappe geschenkt. Echt Nike. Aber sag mal, wie komme ich denn jetzt zur Saalestra\u00dfe 37?\u201c<br \/>\n\u201eDas ist easy\u201c, sagte Wulf, \u201edu steigst am Alex in die U8 und dann am Herrmannplatz in den Bus M41 bis zum Bahnhof Sonnenallee. Das geht superfix!\u201c<br \/>\nRedcap bedankte sich artig. Den Rest der Fahrt stellte er sich schlafend. Wulf kam ihm ein wenig unheimlich vor.<br \/>\nAls sie in Berlin ankamen, trennten sich ihre Wege. Und w\u00e4hrend Redcap sich mit der BVG auf den Weg Richtung Neuk\u00f6lln machte, lachte sich der b\u00f6se Wulf ins F\u00e4ustchen. Mit seinem Rennrad hatte er jetzt mindestens eine Stunde Vorsprung, der alten schwachen Oma in ihrer gro\u00dfen Wohnung einen Besuch abzustatten.<\/p>\n<p><strong>Die Gro\u00dfmutter und der b\u00f6se Wulf <\/strong><\/p>\n<p>Nur 20 Minuten sp\u00e4ter erreichte Wulf die Saalestra\u00dfe 37. Er klingelte bei Oma Kappmann und fl\u00f6tete in die Haussprechanlage: \u201eHier ist DHL, Frau Kappmann, ich bringe ihnen ein Paket aus Greifswald!\u201c Der T\u00fcr\u00f6ffner surrte. In der Wohnung angekommen, fand Wulf Oma Kappmann im Bett liegend vor. Sie trug eine wei\u00dfe bestickte Schlafm\u00fctze und sagte mit schwacher Stimme: \u201eAch, das Paket wird von meinem Enkel sein. Stellen Sie es nur da hin.\u201c<br \/>\nWulf sah sich in der Wohnung um. Feinste Vintage-M\u00f6bel aus dem letzten Jahrtausend. Die Hipster auf Ebay-Kleinanzeigen w\u00fcrden ein Verm\u00f6gen daf\u00fcr blechen!<br \/>\nZuckers\u00fc\u00df wandte er sich an die kranke Gro\u00dfmutter:<br \/>\n\u201cWir von DHL haben gerade eine Werbeaktion. Kosten Sie doch mal von unseren neuen gef\u00fcllten Pralinen. Edle Tropfen!\u201c<\/p>\n<p>Oma Inge nahm eine Praline in den Mund und kaute.<br \/>\n\u201eDie schmecken aber bitter!\u201c, sagte sie und verzog das Gesicht.<br \/>\n\u201eDas ist feinstes GHB, Frau Kappmann. Kann man als Droge auf Partys nehmen, oder um reiche Witwen au\u00dfer Gefecht zu setzen!\u201c Inge Kappmann verdrehte die Augen und wurde bewusstlos. Wulf z\u00fcckte sein Handy und informierte seinen Komplizen: \u201eHey Matze, ich hab wieder was f\u00fcr uns! Hol den Transporter. Saalestra\u00dfe 37, 1. Stock. Hier stehen ein paar sch\u00f6ne Antiquit\u00e4ten rum. Ich such schon mal \u00fcberall nach Schmuck und Kohle.\u201c<\/p>\n<p><strong>Redcap auf der Sonnenallee<\/strong><\/p>\n<p>Am Herrmannplatz \/ Ecke Sonnenallee blockierten dicke Autos die Fahrbahn. Seit 30 Minuten versprach die Anzeige den n\u00e4chsten M41 in vier Minuten. Redcap sa\u00df gelangweilt auf der Bank im Warteh\u00e4uschen und scharrte mit den F\u00fc\u00dfen auf dem B\u00fcrgersteig. Da stellte jemand eine gelbe Plastikt\u00fcte mit arabischen Schriftzeichen neben ihm auf den Boden. Sie roch sehr exotisch. Redcaps Blick folgte der T\u00fcte nach oben. Die T\u00fcte hing an einer Hand aus Metall. Der Arm, der auf die Hand folgte war eine Prothese aus blankem Stahl. Schlie\u00dflich blickte er auf und dem Tr\u00e4ger der T\u00fcte direkt in die Augen.<br \/>\n\u201eB\u00e4ckerei Damaskus\u201c, sagte der Fremde ungefragt, \u201edie besten Baklava hier in Neuk\u00f6lln. Magst du probieren?\u201c<br \/>\nRedcap nahm ein St\u00fcck und biss hinein, ohne den Blick von seinem Sitznachbarn zu l\u00f6sen.<br \/>\n\u201eOh, das schmeckt aber wirklich sehr gut\u201c, sagte er. Ihm wurde warm im Bauch und sein Herz pochte.<br \/>\nPl\u00f6tzlich hielt der M41 mit quietschenden Bremsen an der Haltestellte.<br \/>\n\u201eDa muss ich wohl mitfahren\u201c, sagte Redcap und der Fremde nickte sch\u00fcchtern.<br \/>\nBeim Einsteigen drehte sich Redcap noch mal um. Der junge Mann winkte ihm freundlich nach und l\u00e4chelte. Als sich der Bus von der Haltestelle entfernte, wich das warme Gef\u00fchl im Bauch einem schmerzhaften Ziehen.<br \/>\nAn der Bushaltestelle blieben nicht nur Redcaps Herz zur\u00fcck und die letzten Zweifel, dass er vielleicht doch nicht schwul war. Sondern auch sein Smartphone, das er neben sich auf der Bank des Warteh\u00e4uschens vergessen hatte.<\/p>\n<p><strong>Gro\u00dfmutter, warum hast denn &#8230;?<\/strong><\/p>\n<p>Noch benommen von der Begegnung an der Haltestelle kam Redcap bei seiner Oma an. Vor dem Haus begr\u00fc\u00dfte ihn ein kr\u00e4ftiger Mann, der gerade einen M\u00f6beltransporter in zweiter Reihe parkte. Redcap sprang durch die offene Haust\u00fcr nach oben. Erst dort, als er auch die Wohnungst\u00fcr offen vorfand, kamen ihm Zweifel, ob es seiner Oma wirklich gut ging.<br \/>\n\u201eOma! Oma! Warum ist die T\u00fcr offen? Wo bist du denn?\u201c, rief er \u00e4ngstlich.<br \/>\nEine Stimme klang aus dem Schlafzimmer: \u201eHier mein Junge. Ich liege im Bett!\u201c<br \/>\nRedcap fand seine Gro\u00dfmutter tief unter der Bettdecke begraben vor. Ein Handtuch bedeckte ihr Gesicht. Ihre bestickte Schlafkappe schaute darunter hervor.<br \/>\n\u201eWas ist los, Gro\u00dfmutter? Warum liegst du da so eingewickelt?\u201c, fragte er erstaunt.<br \/>\n\u201eIch lasse gerade eine Creme einwirken, mein Junge\u201c, antwortete Oma Inge mit ungewohnt kratziger Stimme.<br \/>\nRedcap schaute an seiner Oma auf und ab.<br \/>\n\u201eSag mal, hast du zugenommen?\u201c, fragte er.<br \/>\n\u201eDer Arzt sagt, dass ich Wasseransammlungen habe\u201c, antwortete die Gro\u00dfmutter.<br \/>\n\u201eHier mein Junge, iss eine von diesen k\u00f6stlichen Pralinen!\u201c Oma hielt Redcap eine Pralinenschachtel hin. Als Redcap die H\u00e4nde seiner Gro\u00dfmutter sah, war er sehr verwundert.<br \/>\n\u201eOma, warum hast du denn so gro\u00dfe H\u00e4nde? Und seit wann hast du da Tattoos?\u201c<br \/>\nRedcap nahm seiner Oma das Handtuch vom Gesicht und gerade in dem Moment, als er vor Schreck aufschreien wollte, sp\u00fcrte er einen harten Schlag auf dem Hinterkopf.<br \/>\n\u201eMensch, das war aber knapp Matze\u201c, rief Wulf seinem Komplizen zu. Matze lachte h\u00e4misch, legte den Baseballschl\u00e4ger zur Seite und beide fesselten und knebelten den bewusstlosen Redcap.<\/p>\n<p><strong>Der J\u00e4ger <\/strong><\/p>\n<p>Als der M41 abfuhr, blieb Yassin allein an der Bushaltestelle zur\u00fcck. Warum war der l\u00e4chelnde Fremde so schnell in den Bus gestiegen? Hatte ihn vielleicht seine Prothese verschreckt? Yassin steckte sich noch ein St\u00fcck Baklava in den Mund. Da bemerkte er ein herrenloses Smartphone neben sich. Ob es dem Fremden geh\u00f6rte? Auf dem Display stand eine Adresse: Inge Kappmann, Saalestra\u00dfe 37. Yassin \u00fcberlegte nicht lange. Er nahm das Telefon und folgte dem Unbekannten mit dem n\u00e4chsten Bus.<br \/>\nAls Yassin in der Saalestra\u00dfe ankam, klopfte sein Herz heftig. Er lief das Treppenhaus nach oben und betrat die Wohnung. Was herrschte hier nur f\u00fcr eine Unordnung? Yassin sah sich um, ging leise von Zimmer zu Zimmer und stie\u00df im Wohnzimmer schlie\u00dflich auf zwei M\u00e4nner, die sich gerade \u00fcber den Inhalt mehrerer ausgesch\u00fctteter Schubladen hermachten. Auf dem Sofa sah er zwei Gefesselte, eine alte Frau und den Unbekannten von der Bushaltestellte. Die beiden Einbrecher erblickten Yassin und rannten auf ihn zu. Einer der beiden bedrohte ihn mit einem Baseballschl\u00e4ger. Yassin lie\u00df die Baklava-T\u00fcte fallen und reckte seinen Stahlarm in die Luft.<\/p>\n<p><strong>Jedes M\u00e4rchen hat ein Ende<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich schien der Kampf aussichtlos. Zwei schrankgro\u00dfe M\u00e4nner und ein Baseballschl\u00e4ger gegen einen \u201eBehinderten\u201c. Aber Yassin w\u00e4re nicht Yassin, wenn er jetzt aufgegeben h\u00e4tte. Er, der mit seinen 22 Jahren schon mehr erlebt hatte, als andere in einem ganzen Leben. Den B\u00fcrgerkrieg in Syrien. Den Schuss ins rechte Schultergelenk. Die Amputation in der T\u00fcrkei. Die Balkanroute. Das Lageso. Die Massenunterkunft im Flughafen Tempelhof. Die Pr\u00fcgelei mit einem Mitbewohner, weil Yassin ihn angeblich in der Dusche \u201eso schwul angeschaut\u201c hatte.<br \/>\nDen ersten Schlag mit dem Baseball-Schl\u00e4ger konnte Yassin mit dem Stahlarm abwehren, den zweiten mit Hilfe einer geschickten Drehung sogar umleiten, so dass er den Schl\u00e4ger selbst mit der linken Hand zu fassen bekam. Eine weitere Drehung sp\u00e4ter traf der Schl\u00e4ger Matze im Genick. Wulfs Komplize sackte in sich zusammen. Blieb noch der b\u00f6se Wulf selbst. Dumm nur, dass der bei seinem Angriff auf Yassin auf der Baklava-T\u00fcte ausrutschte und mit dem Kopf auf Oma Kappmanns rotem Marmortisch aufschlug. Schach Matt!<br \/>\nYassin eilte zu Redcap und Oma und befreite sie aus den Fesseln. Langsam kamen beide zu sich. Als die herbeigerufene Polizei die B\u00f6sen schlie\u00dflich hinter Schloss und Riegel gebracht hatte, blieben die drei noch eine Weile zusammen, um das Geschehene auszuwerten. Oma kochte Kaffee, Yassin servierte die \u00fcbrig gebliebenen Baklava auf einem Teller und Redcap zog sich verlegen sein rotes Basecap ins Gesicht. Das warme Gef\u00fchl in seinem Bauch stellte sich wieder ein und als er bemerkte, dass Yassin seine z\u00e4rtlichen Blicke erwiderte, sp\u00fcrte er in seiner Hose &#8230;<\/p>\n<p>&#8230; naja, das w\u00e4re jetzt wohl ein anderes M\u00e4rchen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(von J\u00f6rg Olvermann) (Klicken f\u00fcr animierte Version des Bildes) Bei der Mutter Silvia Kappmann schaute besorgt aus dem K\u00fcchenfenster \u00fcber die Garagen der Plattenbausiedlung am Rande Greifswalds. \u201eWei\u00dft du eigentlich, wie gef\u00e4hrlich Berlin ist. 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