{"id":409,"date":"2018-06-28T15:40:17","date_gmt":"2018-06-28T13:40:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mischmash.de\/?p=409"},"modified":"2022-06-20T22:08:43","modified_gmt":"2022-06-20T20:08:43","slug":"schloss-schwante-eine-liebesgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mischmash.de\/?p=409","title":{"rendered":"Schloss Schwante \u2013 eine Liebesgeschichte"},"content":{"rendered":"<p>(von Ricarda Br\u00fccke)<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.mischmash.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/IMG_Superhero_20180506_030043_processed.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-285\" src=\"http:\/\/www.mischmash.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/IMG_Superhero_20180506_030043_processed-768x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"853\" srcset=\"https:\/\/www.mischmash.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/IMG_Superhero_20180506_030043_processed-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.mischmash.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/IMG_Superhero_20180506_030043_processed-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.mischmash.de\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/IMG_Superhero_20180506_030043_processed.jpg 810w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Mir schwante nichts Gutes. Eddie hatte mich f\u00fcrs Wochenende auf Schloss Schwante eingeladen. Ich hatte einfach \u201eJa!\u201c gesagt, ohne \u00fcberhaupt dar\u00fcber nachzudenken. Es klang nach einer guten Idee &#8211; <em>at the time<\/em>. Nach drei Gl\u00e4sern Rotwein vor dem <em>Vin Aqua Vin<\/em>. Das mulmige Bauchgef\u00fchl kam einen Tag sp\u00e4ter. Eddie und ich waren erst seit Kurzem zusammen. Wenn man das so nennen wollte. Vielleicht hatte ich zu viele bl\u00f6dsinnige <em>Rom-Coms<\/em> \u00e0 la <em>Bridget Jones<\/em> gesehen, aber ein Wochenendtrip erschien mir mit einem Mal wie ein Upgrade an Ernsthaftigkeit in unserer Beziehung. Und anders als Bridget hatte ich da keine Lust drauf.<\/p>\n<p>Hatte sich Else Weil, die anno 1912 mit Kurt Tucholsky nach Rheinsberg gefahren war, auch solche Gedanken gemacht? Es war einfach nur ein Ausflug aufs Land, sagte ich mir. Eine Gelegenheit, aus Berlin rauszukommen und die Seele baumeln zu lassen. <em>Why &#8211; the fuck &#8211; not?<\/em><\/p>\n<p>Dann sa\u00dfen wir Samstag im Auto in Richtung Hennigsdorf. Die Sonne schien, Eddie fuhr und ich hatte eine Panikattacke auf dem Beifahrersitz. Im Radio lief <em>This Can&#8217;t Be Love<\/em>. Nat King Cole sang: <em>This can\u2019t be love, because I feel so well<\/em>. \u2026 <em>This is too sweet to be love<\/em>. \u2026 <em>This can\u2019t be love, because I feel so well. <\/em><em>But still I love to look in your eyes.<\/em> Die Dinge mit Eddie liefen zu gut, nicht wahr? Ich konnte sp\u00fcren, dass er mich wirklich mochte. Nicht die Vorstellung von mir. Mich. Warum war das ein Problem?<\/p>\n<p>Als wir am Schloss ankamen und unser Gep\u00e4ck auf das Zimmer brachten, fiel mein Blick auf das Doppelbett mit den wei\u00dfen Laken. Und ich dachte daran, dass Eddie und ich tats\u00e4chlich noch nie eine ganze Nacht miteinander verbracht hatten. Wir gingen zu ihm und dann ging ich nachhause. Obwohl er mich bat, zu bleiben.<br \/>\n\u201e<em>Trust me, I will make you the greatest coffee\u2026<\/em>\u201c<br \/>\n&#8211; \u201e<em>I have to do my writing in the morning.<\/em>\u201c<br \/>\nEr hatte das immer akzeptiert. Jetzt f\u00fchlte ich mich wie in eine Falle gelockt.<\/p>\n<p>Eddie sagte etwas.<br \/>\n\u201ePrinzessin, <em>I will just go downstairs and talk to the guy about \u2026<\/em>\u201d<br \/>\nIch verstand nicht, worum es ging. Doch ich nickte &#8211; manisch, wie mir schien. Prinzessin. Ich h\u00e4tte Eddie nicht von der Tucholsky-Geschichte erz\u00e4hlen sollen. Als er aus dem Zimmer raus war, \u00f6ffnete ich das Fenster&nbsp;\u2013 ganz weit \u2013 und atmete mit geschlossenen Augen ein paar Mal tief durch. Als ich die Augen wieder \u00f6ffnete, fiel mein Blick auf den Teich, vor dem Sonnenliegen standen. Genau, ich musste einfach eine Runde spazieren gehen.<\/p>\n<p>Ich lief die Treppen nach unten und raus auf die Wiese. Ich lief und lief, bis ich zu einer gro\u00dfen alten Eiche kam. Ein schlanker junger Mann mit Schnurrbart sa\u00df darunter und rauchte Pfeife. Wurde man selbst auf dem Land nicht von den Berliner Hipstern mit ihren merkw\u00fcrdigen Requisiten verschont? Der Mann l\u00e4chelte mich an. Ne, ne, ne. Du f\u00e4ngst jetzt kein Gespr\u00e4ch mit mir an.<br \/>\n\u201eSylvie\u201c, sagte er.<br \/>\n\u201eWas?\u201c, fragte ich. \u201eWoher kennst du meinen Namen?\u201c<br \/>\nIch ging ein St\u00fcck n\u00e4her ran. Hatte ich hier irgendwas verpasst? <em>Fuck<\/em>. Ich ging wieder einen Schritt zur\u00fcck. Ich hatte ihn nicht erkannt, weil er viel magerer war, als ich ihn kannte. Und nat\u00fcrlich j\u00fcnger. Und im \u00dcbrigen konnte das \u00fcberhaupt nicht sein.<br \/>\nDer Mann legte seine Pfeife zur Seite und holte eine Mundharmonika aus der Westentasche. Er begann, darauf zu spielen. Ich tat wieder einen Schritt nach vorn.<br \/>\n\u201eOpa?\u201c, fragte ich.<br \/>\nEr l\u00e4chelte.<br \/>\nIch rieb mir mit beiden H\u00e4nden das Gesicht.<br \/>\n\u201eVerdammt nochmal, Opa Kurt, was machst du hier?\u201c, rief ich.<br \/>\n\u201eIch bin damals hier vorbeigekommen auf dem Weg von der Kriegsgefangenschaft in Russland nach Hause\u201c, sagte er. \u201eDas hier war ein Behelfskrankenhaus f\u00fcr Typhuskranke.\u201c<br \/>\n\u201eWas?\u201c, meinte ich wieder.<br \/>\n\u201eBin nat\u00fcrlich nicht rein. Eine Ansteckung mit Typhus auf den letzten Metern, das konnte ich nun wirklich nicht gebrauchen.\u201c Er zeigte seine braunen Z\u00e4hne.<br \/>\n\u201eSetzt dich doch, Kind\u201c, meinte er zu mir. Ich lie\u00df mich neben ihn auf den Boden plumpsen. Er t\u00e4tschelte mir das Knie.<br \/>\n\u201eSieht so aus, als br\u00e4uchtest du meine Hilfe\u201c, sagte er.<br \/>\nMir stiegen Tr\u00e4nen in die Augen.<br \/>\n\u201eOpa Kurt, warum hab ich so &#8217;ne Macke?\u201d, fragte ich. Er lachte.<br \/>\n\u201eDie hast du geerbt, meine Kleine\u201c, sagte er. \u201eDieser ganze Schwachsinn hier \u2013 er zeigte hinter sich &#8211; dieser Krieg, der hat uns allen den Boden unter den F\u00fc\u00dfen weggerissen. Wir kamen zur\u00fcck und haben damals so getan, als w\u00e4re nix passiert. Unsere Kinder haben so getan, als w\u00e4re nix passiert. Aber ihr k\u00f6nnt jetzt einfach nicht mehr so tun.\u201c<br \/>\n\u201eIch versteh&#8216; das nicht\u201c, meinte ich.<br \/>\n\u201eDu hast Angst, oder? Angst, dass du den Boden unter den F\u00fc\u00dfen verlierst\u201c, meinte er. Ich zog die Beine an und vergrub mein Gesicht in meinen Armen. Mein Gro\u00dfvater legte seine Hand auf meinen R\u00fccken. Minuten vergingen.<\/p>\n<p>Dann h\u00f6rte ich mit einem Mal Eddies Stimme.<br \/>\n\u201e<em>I\u2019ve been looking for you, babe!<\/em>\u201c<br \/>\nAls ich aufschaute, sah ich Eddies l\u00e4chelndes Gesicht. Ich blickte mich um. Mein Gro\u00dfvater war verschwunden.<br \/>\n\u201eAlles gut?\u201c, fragte Eddie.<br \/>\n\u201eJa\u201c, sagte ich und stand auf. Eddie nahm meine Hand und wir gingen zur\u00fcck zum Schloss. Im Restaurant a\u00dfen wir Spargel mit Schnitzel. Das Leibgericht meines Opas. Dazu tranken wir eine Flasche Grauburgunder. Ich trank schnell.<br \/>\n\u201e<em>You seem a little freaked out<\/em>, Prinzessin\u201d, meinte Eddie. \u201c<em>You sure, everything&#8217;s fine?<\/em>\u201c<br \/>\n\u201e<em>My grandpa<\/em>\u201c, sagte ich. Und dann nichts mehr.<br \/>\n\u201c<em>Your grandpa, yeah?<\/em>\u201d<br \/>\n\u201c<em>My grandpa came here after the war when he returned fro<\/em><em>m Russia.<\/em>\u201d<br \/>\n\u201c<em>Oh, really?<\/em> <em>Why didn\u2019t you tell me before<\/em>?\u201d<br \/>\n\u201c<em>I didn\u2019t know.\u201d<br \/>\n<\/em>Eddie schaute mich ernst an und nickte.<\/p>\n<p>In der Welt meiner Tr\u00e4ume erwartete mich in dieser Nacht ein Flammeninferno. Ich war umringt von einem Kreis aus Feuer, in dem Familienmitglieder brannten. Auf der einen Seite die Familie meines Vaters. Ich sah den Vater meines Vaters, sein schmerzverzerrtes Gesicht. Die Schreie, die ich h\u00f6rte, waren die seiner Frau, meiner Gro\u00dfmutter. Ich wollte helfen, doch ich wusste nicht, wie. Auf der anderen Seite die Familie meiner Mutter. Meine Gro\u00dfmutter, in Tr\u00e4nen aufgel\u00f6st. Ihr Bruder und ihr erster Mann brannten lichterloh. Vor unseren Augen l\u00f6sten sie sich beide auf in schwarzen Rauch. Dann sah ich Opa Kurt, eingeschlossen von den Flammen, dem Untergang geweiht. Ein Gef\u00fchl von endloser Ohnmacht und ewigem Verlust senkte sich auf mich herab. Ich war \u00fcberzeugt, dass auch er verloren war. Doch Opa Kurt sprang \u00fcber den Feuersturm hinweg, rannte auf mich zu und ergriff meine Hand. Wir liefen schneller als der Wind, schneller als der Schall, schneller als Lichtgeschwindigkeit. Alles um uns herum l\u00f6ste sich auf.<\/p>\n<p>Keuchend schreckte ich hoch.<br \/>\n\u201e<em>What is it<\/em>?\u201c, fragte mich Eddie, den ich aufgeweckt hatte. Ich atmete ein paar Mal tief ein und aus.<br \/>\n\u201eIch bin hier. Ich bin endlich hier\u201d, sagte ich und musste lachen, so unglaublich erschien es mir.<br \/>\nEddie k\u00fcsste mich auf die Stirn.<br \/>\n\u201cSo ein Zufall. <em>I am here, too.\u201d <\/em><br \/>\nAls ich ihn zu mir heranzog, sp\u00fcrte ich das Herz in seiner Brust schlagen. Und ich f\u00fchlte das Bett unter uns, die Verbindung des Bettes zu den Holzdielen, ihre Verbindung zu den W\u00e4nden des Hauses und den Kontakt des Bauwerks zur Erde. Ich konnte es sp\u00fcren. Er war da, der Boden unter mir.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(von Ricarda Br\u00fccke) Mir schwante nichts Gutes. Eddie hatte mich f\u00fcrs Wochenende auf Schloss Schwante eingeladen. Ich hatte einfach \u201eJa!\u201c gesagt, ohne \u00fcberhaupt dar\u00fcber nachzudenken. 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