{"id":62,"date":"2015-07-03T15:50:28","date_gmt":"2015-07-03T13:50:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-rinnsteins.de\/?p=62"},"modified":"2016-07-06T23:36:00","modified_gmt":"2016-07-06T21:36:00","slug":"dj-peter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mischmash.de\/?p=62","title":{"rendered":"DJ Peter (oder warum ich die Berliner Clublandschaft dann doch nicht revolutionierte)"},"content":{"rendered":"<p>(von J\u00f6rg Olvermann &#8211; 2012)<\/p>\n<p>Die kalte Spree zieht mich nach unten. Das braune Wasser schmeckt nach Regen. Ich tauche wieder auf, schnappe nach Luft. Besorgte Touristen stehen auf der Oberbaumbr\u00fccke.<\/p>\n<p>Wie konnte es nur so weit kommen?<br \/>\nAlles begann am vergangenen Donnerstag in der Mittagspause. Ich lie\u00df mich auf die s\u00fcdlichen Seite der Hochbahn am Kottbusser Tor treiben, dorthin, wo es noch nicht so hip und in ist. Am Kotti-Imbiss kostet die Currywurst seit Jahren 1,20 und den Fettgeruch gibt\u2018s gratis dazu. An der Scheibe neben der Durchreiche fiel mir ein verwitterter Zettel auf. Im unverwechselbaren Copy Shop-Stil der \u201eWohnung gesucht\u201c &#8211; \u201eKatze vermisst &#8211; \u201eSchl\u00fcssel gefunden\u201c- Anzeigen hing dort die schlichte Annonce: \u201eDJ Peter spielt auch auf Ihrer Feier. Schlager, Klassiker, 80er &#8211; Plattenunterhaltung auf h\u00f6chstem Niveau. Komisch, dachte ich, dass es so was noch gibt, und riss einen der 12 vertikal angeordneten Streifen mit einer Berliner Umland Telefonnummer ab.<\/p>\n<p>Eilig verschlang ich die Wurst und machte mich auf den Weg zum Heinrichplatz. Ins B\u00fcro wollte ich n\u00e4mlich noch nicht zur\u00fcck. Und ich konnte es mir erlauben, meine Mittagspause etwas auszudehnen. Schlie\u00dflich hatte mich der Chef erst gestern zum besten Vertriebler der Versicherungs-Agentur gekr\u00f6nt. 15 Berufsunf\u00e4higkeitsversicherungen in einer Woche. \u201eSo wie du laberst, kannst du einem Blinden \u2018nen Flat-Screen aufschwatzen\u201c, kommentierte Kollegin Hildemann eifers\u00fcchtig meinen Erfolg. Trotz Lorbeeren vom Chef hasste ich meinen Job. Ich f\u00fchrte ein absolutes Langeweiler-Dasein w\u00e4hrend alle anderen in dieser coolen Stadt sich total selbst verwirklichten. Der beste Ort, um die zu beobachten, die ein viel geileres Leben haben als ich, ist das Cafe \u201eBateau Ivre\u201c am Heinrichplatz . Da sitzen kalifornische Designer, die sich gerade f\u00fcr ein crossmediales Kunstprojekt in einem Shared Office Space eingemietet haben neben skandinavischen Musikern, die auf der Suche nach einem Platten-Vertrag bei einem Major Label in Berlin abh\u00e4ngen und alles total \u201eawesome\u201c finden. Sie fr\u00fchst\u00fccken um 14.30 Uhr und sehen dabei so verdammt glaubw\u00fcrdig gerade erst aufgestanden aus. Ich setzte mich, bestellte bei der gelangweilt am Tresen lungernden Kellnerin einen Esspresso Macchiato und beobachtete mein Umfeld wie eine gierige Elster.<\/p>\n<p>Am Nachbartisch sa\u00df der absolute Wichtigtuer. Schon ein bisschen verlebt, aber total gut aussehend. Die schwarze Hornbrille verlieh im die n\u00f6tige Strenge, die er in seinem sicherlich total schicken Business brauchen w\u00fcrde. Ich bewunderte ihn auf den ersten Blick. Ich hasste ihn. \u201eMc Wichtig\u201c, wie ich ihn in Gedanken taufte, telefonierte hektisch: \u201eOh meine Schei\u00dfe, das kann doch nicht wahr sein. nd_baumdecker kann nicht auflegen? Is mir doch schei\u00dfegal, ob in Beirut eine Bombe hoch gegangen ist. Was machen wir denn jetzt im Watergate am Samstag ohne DJ! Ich brauch jemand End-Geilen, h\u00f6rst du!\u201c McWichtig legte auf und orderte einen Rotwein. Ich stand auf und blieb vor McWichtig stehen: \u201eDu brauchst jemand End-geilen?\u201c, fragte ich betont l\u00e4ssig und lie\u00df DJ Peters Nummer auf den Tisches fallen. Ich hob eine Augebraue. \u201eMuss ma nur schnell aufs Klo. Komm gleich wieder.\u201c Auf dem Weg zur Toilette schaute ich mich noch mal kurz um. McWichtig musterte den Zettel. Dann begann er, wild auf seinem iPhone rumzuhacken.<\/p>\n<p>Als ich zur\u00fcckkehrte schaute mich McWichtig sehr komisch an: \u201eSoll das ein Witz sein? DJ Peter. Der Zettel sieht aus, als h\u00e4tt\u2018ste ihn von \u2018ner Laterne abgerissen.\u201c Ich schaute sehr komisch zur\u00fcck und stellte mich als K\u00fcnstler-Agent Miki P. vor. \u201eHallooooo? DJ Peter ist absoluter Underground! Seine Homebase ist Kiew und Manila und er legt krass geilen Elektro-Minimal-Clash auf. Warum das Speed von gestern kaufen wenn du das Koks von morgen ziehen kannst?\u201c Ich streichelte mit den Zeigefinger unter meiner Nase entlang &#8211; so wie damals bei Wickie und die starken M\u00e4nner. Dann zeigte ich auf den Papier-Streifen: \u201eUnd du musst zugeben. Die V-Card ist absoluter Kult. Retro-Recycle-Paper-Look. Total South American Street Art, sag ich dir.\u201c Mc Wichtig blieb skeptisch. Miles, so stellte er sich jetzt vor, war erst vor wenigen Wochen in die Stadt gezogen und arbeitete als Booking Manager im Watergate &#8211; dem coolsten Club der Stadt. Es dauerte echt noch drei Glas Rotwein und einen gro\u00dfen Joint auf der Stra\u00dfe bis er sich endlich \u00fcberzeugen lie\u00df, dass DJ Peter nun wirklich der absolute Shooting-Star der DJ Szene war.<\/p>\n<p>Das war Donnerstag.\u00a0 Und jetzt, etwas mehr als 48 Stunden sp\u00e4ter rudere ich bei 6 Grad in der Spree. Dass die Sache nicht gut gehen konnte, h\u00e4tte ich vorhin schon an Miles Gesicht erkennen k\u00f6nnen. Vor der engen Kurve direkt vor der Oberbaumbr\u00fccke hielt ein mintgr\u00fcner Toyota Corolla mit dem Ortskennzeichen \u201eLDS\u201c. Ein \u201eBaby an Board\u201c -Aufkleber hing vergilbt am Kofferraum. DJ Peter, der eigentlich Peter Klatschke hei\u00dft, war ein Mann in den fr\u00fchen 60ern. Er stieg bed\u00e4chtig aus dem Auto und wuchtete unter angestrengtem St\u00f6hnen einen hellbraunen Kunstleder-Koffer vom R\u00fccksitz. Miles stand am Eingang und starrte seinen Star des Abends ungl\u00e4ubig an. Dj Peter blieb ganz unger\u00fchrt. Er hatte schon auf zu vielen Kleingartenfesten, Goldenen Hochzeiten und Betriebsfeiern aufgelegt, als dass er sich von den Blicken ein paar \u201ejungen Leuten\u201c verr\u00fcckt machen lie\u00df. \u201eIs hier det Water-Gate?\u201c, fragte er und quetschte sich am aufgepumpten Security-Bodybuilder vorbei.<\/p>\n<p>Als dann um 22 Uhr DJ Peter den Abend mit Cindy und Berts \u201eHund von Baskerville\u201c er\u00f6ffnete, verschluckten die k\u00fchlen Mager-Models und ihre in Skinny-Jeans gezw\u00e4ngten Begleiter gleichzeitig die Zitronen-Scheiben an ihren Red Bull-Wodkas. Der T\u00fcrsteher verdrehte die Augen in Richtung Club-Manager, der gerade mit dem Garderoben-M\u00e4del knutschte. Dort, wo sonst die Elite der Electro-DJs auflegte, geh\u00f6rte heute die Tanzfl\u00e4che dem deutschen Schlager. Noch glaubten alle an einen Gag. Doch sp\u00e4testens als DJ Peter durch das Mikro die erste Kuschelrunde mit Nicoles \u201eEin bisschen Frieden\u201c einl\u00e4utete, platze Miles der Kragen.<\/p>\n<p>Ich stand am Rand der Tanzfl\u00e4che, nippte an meinem Moscow Mule und genoss die hilflosen Gesichter, da tauchte wie aus dem Nichts Miles&#8216; hochroter Kopf neben mir auf. Er buxierte mich hinaus auf die gro\u00dfe Holzterrasse \u00fcber der Spree. \u201eWarum hast du mich so in die Schei\u00dfe geritten? Der Abend kostet mich meinen Job!\u201c, schrie er und packte mich am Arm. Er schob er mich ganz an den Rand.Seine Stimme wurde ruhiger, fast traurig: \u201eBist du echt so erb\u00e4rmlich, dass dir einer abgeht, wenn du jemanden verarschen kannst?\u201c<\/p>\n<p>Ich mochte Miles. Ich wollte so sein, wie er.<br \/>\nDann stie\u00df er mich ins Wasser.<br \/>\nVielleicht erfrier ich jetzt.<br \/>\nEgal &#8211; ich hab mich noch nie so lebendig gef\u00fchlt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(von J\u00f6rg Olvermann &#8211; 2012) Die kalte Spree zieht mich nach unten. Das braune Wasser schmeckt nach Regen. Ich tauche wieder auf, schnappe nach Luft. Besorgte Touristen stehen auf der Oberbaumbr\u00fccke. Wie konnte es nur &hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-62","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-joerg-olvermann"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mischmash.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/62","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mischmash.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mischmash.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mischmash.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mischmash.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=62"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.mischmash.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/62\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":63,"href":"https:\/\/www.mischmash.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/62\/revisions\/63"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mischmash.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=62"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mischmash.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=62"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mischmash.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=62"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}