{"id":694,"date":"2025-01-17T19:28:44","date_gmt":"2025-01-17T18:28:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mischmash.de\/?p=694"},"modified":"2025-01-17T19:31:27","modified_gmt":"2025-01-17T18:31:27","slug":"fake-news-eighty-five","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mischmash.de\/?p=694","title":{"rendered":"Fake News Eighty Five"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-embed is-provider-soundcloud wp-block-embed-soundcloud\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"fakenewsaightyfive by J\u00f6rg Olvermann\" width=\"500\" height=\"400\" scrolling=\"no\" frameborder=\"no\" src=\"https:\/\/w.soundcloud.com\/player\/?visual=true&#038;url=https%3A%2F%2Fapi.soundcloud.com%2Ftracks%2F2011375615&#038;show_artwork=true&#038;maxheight=750&#038;maxwidth=500\"><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Sensationsreporterin Karla Klartext bahnt sich den Weg durch eine dichte Menschentraube vor dem Berliner Amtsgericht. Wir schreiben den 28. August 1985. Der erste Tag der Berliner Funkausstellung und der dritte Tag des Kabelpilotprojekts Berlin-West. Aus dem Sendezentrum gibt der Produktionsleiter letzte Anweisungen:\u201eAuf Sendung in 5, 4, 3, 2, 1 \u2013 live!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLiebe Zuseherinnen und Zuseher in den \u00fcber 200.000 angeschlossenen Haushalten des Kabelfernsehens! Ich begr\u00fc\u00dfe sie zur Weltpremiere des Berliner Privatfernsehens. Herzlich Willkommen zu <em>Klartext live &#8211; dem Magazin f\u00fcr Themen, die die Menschen wirklich interessieren<\/em>. Wir berichten f\u00fcr Sie heute direkt vom ersten Verhandlungstag im so genannten T\u00fcrentod-Prozess, wo wir der spannenden Frage nachgehen, ob eine verhexte Eichent\u00fcr den Witwer Adolf Deutschmann auf dem Gewissen hat. Sind die Aussagen der umstrittenen Augenzeugin Ingeborg Kasupke glaubw\u00fcrdig? Oder war es doch nur ein tragischer Unfall, wie es der Anwalt der Verteidigung, Dr. Thomas Held, behauptet? Pikantes Detail: Held ist bekennender Homosexueller und ebenso wie die beiden Angeklagten Herbert M. und Detlef T. Teil des Sch\u00f6neberger Milieus, in dem aktuell die Lustseuche Aids immer mehr grausame Todesopfer fordert. Auch hier k\u00f6nnte es m\u00f6glicherweise einen Zusammenhang \u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas ist doch kompletter Schwachsinn!\u201c sch\u00e4umt eine aufgebrachte Stimme aus der Menschentraube.<br>\u201eKommen Sie n\u00e4her und trauen Sie sich vor die Kamera!\u201d, ruft Karla und zerrt ein dunkelblaues Sakko ins Bild. \u201eSie sind doch der Anwalt von Herbert M. und Detlef T., richtig?\u201c<br>\u201eGlasklar erkannt, Frau Klartext\u201c, sagt Held, \u201eund zun\u00e4chst einmal m\u00f6chte ich meiner Missbilligung Ausdruck verleihen, wie Sie mit Ihrem Sensationsjournalismus Hass und Unruhe gegen meine Mandanten sch\u00fcren. Die Aussagen der Ingeborg Kasupke sind komplett abwegig!\u201c<br>\u201eEs war also ein Unfall?\u201c<br>\u201eNat\u00fcrlich. Meine Mandanten haben im letzten Jahr ihre Wohnung in Sch\u00f6neberg fachgerecht renoviert. Dazu geh\u00f6rte auch der Einbau einer schweren Eichent\u00fcr zur Abtrennung des Arbeitszimmers.\u201c<br>\u201eArbeitszimmer! Der l\u00fccht! \u2019N Puff war dit!\u201c Eine \u00e4ltere Dame in blumenbemusterter Kittelsch\u00fcrze dr\u00e4ngt Karla Klartext aus dem Bild: Ingeborg Kasupke.<br>\u201eHerbert und Deeeetlef! Die beeden kenn\u2019 wa hier im Kiez. Mit ihrer \u00c4ds-Hilfe hamse uns die Hinterlader ins Haus jeschleppt! Und dit Virus, dit uns alle krank macht. Ne Schande sind se!\u201c<br>\u201eFrau Klartext\u201c, ruft Anwalt Held, \u201estellen Sie das sofort richtig! Die Immunschw\u00e4che AIDS wird nicht durch das Organisieren von Selbsthilfegruppen \u00fcbertragen! Meine beiden Mandanten machen sich mit ihrer Aufkl\u00e4rungsarbeit f\u00fcr alle Betroffenen sehr verdient.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Karla boxt Kasupke und Held zur Seite. \u201eLiebe Zuschauer: Genau diese sogenannte Aufkl\u00e4rungsarbeit hat den Nachbarn Adolf Deutschmann gest\u00f6rt. Mehrfach hat er Besucher der Selbsthilfegruppe im Treppenhaus beschimpft und mutma\u00dflich auch mit Exkrement gef\u00fcllten Luftballons beworfen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEr war \u2019n unverbesserlicher Nazi\u201c, f\u00e4llt ihr Held ins Wort. \u201eDas best\u00e4tigen ja auch alle Nachbarn. Herr Deutschmann hat bereits in den 30er Jahren Homosexuelle denunziert. Es ist aktenkundig, dass er als junger SS Offizier f\u00fcr mehrere Deportationen nach Sachensausen verantwortlich war. Und seit mehr als einem Jahr hat er meine Mandanten bedroht und die Besucher der Selbsthilfegruppe immer wieder bis in die Wohnung der beiden verfolgt.\u201c<br>Kasupke platzt der Kragen: \u201eEr war \u2019n uffrechter Doitscher, der Adi! Er wollte bloss keen Jesindel im Haus!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Karla schiebt sich erneut vor die Linse: \u201eKommen wir doch jetzt zu den eigentlichen Ereignissen vom Gr\u00fcndonnerstag, den 4. April. Gegen 16 Uhr trafen drei Mitglieder der AIDS-Selbsthilfegruppe ein \u2013 allesamt Herren, die von der Krankheit teilweise schwer gezeichnet &#8230;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Held entrei\u00dft Karla das Mikrofon. \u201eWas hat das damit zu tun, wie krank oder gesund \u2026 Herr Deutschmann hat an diesem Nachmittag den besagten Personen aufgelauert und sie aufs \u00dcbelste beschimpft! Er folgte ihnen dann in die Wohnung und bewarf sie dort mit Kotbeuteln.\u201c<br>\u201eDit war Heilerde! Um dit Virus aus die Luft zu ziehn!\u201c, ruft Kasupke.<br>Held redet weiter: \u201eUm sich vor den Attacken des Angreifers zu sch\u00fctzen, verbarrikadierten sich meine Mandanten und ihre Besucher im Arbeitszimmer. Beim hastigen Schlie\u00dfen der schweren Eichent\u00fcr muss diese aus der Angel gesprungen und auf Adolf Deutschmann gefallen sein.\u201c&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Entnervt \u00fcbergibt Held das Mikrofon an Karla zur\u00fcck<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGut gut. Genau diese Darstellung kennen wir ja bereits\u201c, sagt Karla, \u201eaber Frau Kasupke hat aus ihrer Hinterhofwohnung etwas ganz anderes gesehen!\u201c&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie wendet sich Kasupke zu: \u201cErz\u00e4hlen Sie, was Sie ihre Geschichte, Frau Kasupke, das interessiert unsere Zuschauer wirklich sehr!\u201d<br>\u201eAlso, ick wollt an dem Nachmittag jrad \u2019n Eisbein kochen, da h\u00f6r ick n Fauchen und Schrein aus\u2019m Vorderhaus. Von meener K\u00fcche aus kann ick ja direkt ins Arbeitszimmer von den beeden Homos kieken. Ick kieck also r\u00fcb\u2019r und seh, wie diese T\u00fcr in Flammen steht! Janz hell! Und ick h\u00f6r janz deutlich, wie zwei M\u00e4dels rufen: \u201aNieder mit dir! Nieder! Brennen sollste!\u2018 Dit Feua ging bis an die Decke! Ja, und dann war pl\u00f6tzlich alles still!\u201c<br>\u201eM\u00f6gen Sie unseren Zuschauern erz\u00e4hlen, was Ihr Eindruck ist? Warum musste Adolf sterben?!\u201c<br>\u201eDie beeden warmen Br\u00fcder ham die T\u00fcr verhext! Dit sin janz b\u00f6se Menschen. Wahrscheinlich ham die ooch dit AIDS fabriziert &#8230; und wolln uns alle umbringen wollen die uns.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Thomas Held dr\u00e4ngt sich zwischen Kasupke und Klartext. \u201eBeenden Sie diese Sendung sofort. Ich werde Sie, Frau Kasupke, wegen Verleumdung, und Sie, Frau Klartext, wegen Verbreitens von L\u00fcgen verklagen. Alle Untersuchungen, die direkt nach dem Ereignis eingeleitet wurden, kommen zum Ergebnis, dass es einfach ein Unfall war. Kein Feuer, kein Fauchen, Keine M\u00e4dchen. Nichts! Und ich hoffe wirklich, dass private Fernsehsender in Zukunft dazu verpflichtet werden, Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt zu \u00fcberpr\u00fcfen. Sonst sehe ich f\u00fcr dieses Medium wirklich schwarz. Ganz schwarz.\u201c&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Held tritt ver\u00e4rgert aus dem Bild.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Karla Klartext wendet sich ein letztes Mal der Kamera zu:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDanke, f\u00fcr diese Meinung, Herr Held. Wir vom Privatfernsehen glauben, dass wir mehr Pluralismus brauchen und dass die Menschen ein Recht darauf haben, alternative Wahrheiten zu erfahren! Das, meine Damen und Herren, war die erste Ausgabe von Klartext live! Ich gebe zur\u00fcck ins Sendezentrum.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Sensationsreporterin Karla Klartext bahnt sich den Weg durch eine dichte Menschentraube vor dem Berliner Amtsgericht. Wir schreiben den 28. August 1985. 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