{"id":93,"date":"2015-09-26T12:00:23","date_gmt":"2015-09-26T10:00:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mischmash.de\/?p=93"},"modified":"2015-11-12T09:43:43","modified_gmt":"2015-11-12T08:43:43","slug":"stachelbeeren-und-melonentorte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mischmash.de\/?p=93","title":{"rendered":"Stachelbeeren und Melonentorte"},"content":{"rendered":"<p><em>(von J\u00f6rg Olvermann)<strong><br \/>\n<\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Stachelbeeren im Schwalbennest<\/strong><em><strong><br \/>\n<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Abends schrieb Lena in ihr Tagebuch:<br \/>\n&#8211;\u00a0\u00a0 \u00a0Eine Scheibe Pumpernickel<br \/>\n&#8211;\u00a0\u00a0 \u00a0Ein halber Apfel<br \/>\n&#8211;\u00a0\u00a0 \u00a0100 Gramm Magerquark\u2028ist gleich 189 Kilokalorien.<br \/>\nDas war unter 200. Das war gut. Die 200er Marke hatte sie erst vor einigen Wochen aufgestellt. Davor waren es 250 und davor 300. Angefangen hatte sie irgendwann mal mit 1.000 Kalorien pro Tag, aber das musste schon Monate her sein.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen stellte sich Lena auf die Waage. Ihre Mutter heulte bereits, bevor die elektronische Anzeige das Ergebnis verk\u00fcndete: 39,8 Kilo. Lena betrachtete sich im Spiegel. Dort, wo ihre Mutter nur noch die abgemagerten Reste ihrer 14 j\u00e4hrigen Tochter erkannte, sah sie ein trauriges M\u00e4dchen, das ihr immer noch ein wenig zu dick erschien. Trotzdem war sie auch ein bisschen stolz.<br \/>\nUnter 40 &#8211; das war die magische Pforte, an der die elterliche F\u00fcrsorge, das Bitten und Betteln der Oma, doch endlich anst\u00e4ndig zu essen und der w\u00f6chentliche Gang zum\u00a0 Kinderpsychologen ein Ende hatten. Lena wurde in eine Spezial-Klinik eingewiesen &#8211; weit weg von zu Hause. Und alles ging viel schneller, als sie es erwartete. Die \u00c4rzte sprachen von \u201eLebensgefahr\u201c, \u201eernsthaften Entwicklungsst\u00f6rungen\u201c, einer Situation, die so \u201enicht hinnehmbar\u201c war.<\/p>\n<p>Und so begab es sich, dass sich die gesamte Familie nur 3 Tage sp\u00e4ter in den Zug setze und die lange Fahrt in die gro\u00dfe Stadt auf sich nahm. Sie hatten ein ganzes Abteil f\u00fcr sich. Lenas Mutter weinte, Papa vergrub sein Gesicht hinter der Sportbild, Lenas Schwester whats appte mit ihren Freundinnen und st\u00f6hnte in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden, wenn es kein Netz gab.<br \/>\nDabei griff sie immer wieder in Omas Tupperware-Sch\u00fcssel mit dem Streuselkuchen, von dem Oma eigentlich hoffte, dass Lena ihn a\u00df. Opa nahm auch ein St\u00fcck heraus, hielt es Lena unter die Nase und sagte:<br \/>\n\u201eDu musst doch nur essen, mein Schatz, dann wird alles gut.\u201c<br \/>\nDarauf hin rastete Lenas Mutter endg\u00fcltig aus, sprang auf und schrie:<br \/>\n\u201eIhr macht es euch doch alle viel zu einfach!\u201c<\/p>\n<p>Die Klinik, in die Lena gebracht wurde, war auf essgest\u00f6rte Kinder und Jugendliche spezialisiert. Lena zog in die Wohngruppe \u201eSchwalbennest\u201c im zweiten Stock eines freundlichen Neubaus, dessen R\u00fcckseite an einen kleinen Park grenzte. Neben Lena wohnten hier sieben weitere Kinder, deren Namen sie schon kurz nach der Ankunft auswendig kannte, ebenso wie deren Kurzbiographien. Da gab es Dennis, den Psycho der schon mal geritzt hat, Nele, die mit 17 immer noch nicht ihre Tage hatte und ihre Zimmernachbarin, Maria, die mit den rot unterlaufenen Augen, die auch 14 war aber bulemisch, also im Gegensatz zu ihr nicht zu wenig a\u00df, sondern sehr viel, das dann aber wieder auskotzte. Deshalb blieb das Bad ihrem Zimmer auch abschlossen. Lena und Maria durften nur hinein, wenn ein Betreuer dabei war.<\/p>\n<p>Der Tagesablauf im Schwalbennest war straff organisiert. Morgenrunde, Fr\u00fchst\u00fcck, Einzeltherapie, Ruhezeiten, Zwischenmahlzeit, Gruppentherapie und so weiter.<br \/>\nDas Klinikgel\u00e4nde verlassen durfte man f\u00fcr 2 Stunden am Nachmittag, aber nur, wenn die festgelegten Gewichtsziele erreicht wurden.<br \/>\nDie Mahlzeiten waren reichhaltig und mussten immer gemeinsam eingenommen werden.\u00a0 Mit dem Essen tat sich Lena furchtbar schwer. Manchmal dauerte es \u00fcber 30 Minuten, bis sie ein halbes Br\u00f6tchen aufessen konnte. In ihren Gedanken kreiste danach alles darum, wie sie die gerade verspeisten 160 kcal am schnellsten wieder loswerden konnte. Sport war im Schwalbennest aber streng verboten und dazu z\u00e4hlte schon schnelles Gehen auf dem Flur oder Seilh\u00fcpfen im Park.<br \/>\nTrotzdem: Lena hatte hier zum ersten Mal seit langer Zeit das Gef\u00fchl, ein wenig zur Ruhe zu kommen. Au\u00dferdem waren die Betreuer cool! Sie waren viel j\u00fcnger als die Eltern, hie\u00dfen Eva, Jonas, Josy und Ben und sie redeten mit ihr wie mit einer Erwachsenen.<br \/>\nUnd dann gab es nat\u00fcrlich Amira. Amira, die war nun wirklich super mega terra endcool. Lena fand, dass sie aussah wie die Caro aus \u201eBerlin Tag und Nacht\u201c, mit den langen schwarzen Haaren, dem Nasenring und dem t\u00e4towierten Schwarzen Adler am Hals. Die vielen Festivalb\u00e4ndchen am Armgelenk k\u00fcndeten au\u00dferdem von einem ausschweifenden Party-Leben.<br \/>\nAmira war die Leiterin der so genannten Genussgruppe. Hier sollten die Kinder lernen, Lebensmittel nicht nur auf ihren Kaloriengehalt zu reduzieren, sondern wieder Freude finden am Riechen, Schmecken und Essen. Immer montags, mittwochs und samstags kam Amira auf die Station und brachte einen gro\u00dfen Weidenkorb mit, der mit einem karierten Tuch bedeckt war. Sie erz\u00e4hlte, dass Sie gerade von einem Wochenmarkt, von einem Bio-Bauern oder aus einer G\u00e4rtnerei kam. Amira verband dann allen die Augen und bat die Kinder, eine Hand auszustrecken, in die sie dann etwas aus dem Weidenkorb legte.<br \/>\n\u201eF\u00fchlt mal vorsichtig, was da in Hand liegt. Nehmt euch Zeit, es anzufassen\u201c, sagte Amira, die mit einem merkw\u00fcrdigen Akzent sprach, den Lena nicht zuordnen konnte.<br \/>\nVorsichtig betastete Lena den Inhalt ihrer Hand. Er war rund und prall. Etwa so gro\u00df wie eine Murmel. Aber viel leichter. Und ein bisschen haarig. An einem Ende hatte die Kugel eine kleine Einkerbung, an der anderen Seite so etwas wie einen Stachel &#8211; Ja, es war eine Stachelbeere.<br \/>\n\u201eWenn ihr Lust habt, nehmt es Mund und beisst hinein. Konzentriert euch darauf, wie es sich anf\u00fchlt und wie es schmeckt\u201c, sagte Amira weiter.<br \/>\nLena war aufgeregt. Sicher, 100 Gramm Stachelbeeren hatten nur 44 Kalorien, diese eine, die ja h\u00f6chstens 5 Gramm wog dann ja nur etwa 2. Aber je mehr sich Lena vorstellte, die Frucht tats\u00e4chlich essen zu m\u00fcssen, umso gr\u00f6\u00dfer wurde sie in ihrer Vorstellung. Auf ihrer Stirn bildeten sich Schweissperlen. Ihre Hand verkrampfte, so dass sie die Beere fast zerdr\u00fcckte. Schlie\u00dflich stopfte sich die Stachelbeere in den Mund und begann, mit gro\u00dfen Kaubewegungen auf der Frucht herumzubeissen. Die Frucht platzte und die schleimigen Samen f\u00fcllten ihren Gaumen. Lena kaute immer schneller und die Menge an Fruchtfleisch schien jetzt immer gr\u00f6\u00dfer und gr\u00f6\u00dfer zu werden. Schlie\u00dflich kam es ihr vor, als h\u00e4tte sie eine ganze Wassermelone im Mund. Sie wollte jetzt nur schnell runterschlucken und Amira anl\u00e4cheln, aber statt dessen gab sie ein alienm\u00e4\u00dfiges W\u00fcrgeger\u00e4usch von sich und spuckte alles in hohem Bogen aus.<br \/>\nMaria, die ihr gegen\u00fcber sa\u00df, schrie auf und wischte sich Stachelbeerschleim aus dem Gesicht:<br \/>\n\u201eLena, du Spast! \u00dcberlass das Kotzen einfach mir, okay?!\u201c, rief sie genervt.<br \/>\nZuhause w\u00e4re das jetzt stundenlang Thema gewesen. Hier im Schwalbennest machte niemand um so eine Sache gro\u00dfen Wirbel. Amira wischte mit einem Taschentuch die Reste vom Boden, l\u00e4chelte Lena an und fragte:<br \/>\n\u201eM\u00f6chtest du uns erz\u00e4hlen, was du gerade erlebt?\u201c<br \/>\nLena sch\u00fcttelte ihren hochroten Kopf. Damit war die Sache erledigt.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft nicht ganz. Im Schwalbenest wurden Vorf\u00e4lle wie das Stachelbeerkotzen nat\u00fcrlich genau registriert. Bei der n\u00e4chsten Einzeltherapie hakte Frau Dr. Schmalenberg\u00a0 &#8211; die Therapieverantwortliche und einzige im Betreuer-Team, die nicht geduzt werden durfte &#8211; nach:<br \/>\n\u201eLena, versetz dich noch mal hinein in die Situation in der Genussgruppe. Was war das Schlimmste f\u00fcr dich?\u201c<br \/>\nLena musste lange nachdenken. Dann sagte sie:<br \/>\n\u201eIch habe Amira entt\u00e4uscht.\u201c<br \/>\n\u201eGlaubst du denn, du musst essen, damit Menschen um dich herum nicht entt\u00e4uscht sind?\u201c, fragte die Schmalenberg.<br \/>\n\u201eKlar, meine Mutter ist ja auch traurig, weil ich nicht esse\u201c, antwortete Lena.<br \/>\nNehmen wir mal an, Amira oder deiner Mutter w\u00e4re es total egal, wie, wann wieviel oder was du isst? Und sie w\u00fcrden dich trotzdem m\u00f6gen, so wie du bist? W\u00e4re es dann leichter?\u201c Die Schmalenberg nagte nun an ihren Bleistift und wartete gespannt auf Lenas Antwort.<br \/>\n\u201eIch wei\u00df es nicht, aber vielleicht sollte ich mich gar nicht um so sehr andere k\u00fcmmern, sondern eher alleine f\u00fcr mich entscheiden?\u201c, fragte Lena unsicher zur\u00fcck.<br \/>\n\u201eDas solltest du einfach mal ausprobieren\u201c, sagte Frau Dr. Schmalenberg zufrieden und notierte mit dem Bleistift etwas auf dem Zettel, der in ihrem Scho\u00df lag.<\/p>\n<p>Und dann kam der Nachmittag, an dem Lena die Klinik zum ersten Mal allein verlassen durfte. Auf dem B\u00fcrgersteig vor dem Schwalbennest fielen ihr zun\u00e4chst die Pflastersteine auf. Hier waren sie rautenf\u00f6rmig angeordnet, zu Hause hingegen in geraden Linien verlegt.\u00a0 Lena begann die Pflastersteine auf ihrem Weg zu z\u00e4hlen. 1,2,3,4,5,6. Nat\u00fcrlich kam sie beim Z\u00e4hlen immer wieder durcheinander. Sie begann dann einfach wieder von vorne.<br \/>\nUnd dann kam sie auf eine Idee: Die h\u00f6chste Zahl, die sie heute \u201eer-z\u00e4hlte\u201c wollte sie sich merken, und dann etwas essen, das genau jene Anzahl an Kalorien besa\u00df.<br \/>\nAls Lena bei etwa 370 wieder einmal beim Z\u00e4hlen durcheinander geriet, blickte sie auf. Sie stand vor der Eingangst\u00fcr eines Caf\u00e9s mit einer riesigen Kuchentheke.<br \/>\nSie ging hinein.<br \/>\n\u201eWas darf\u2018s denn sein?\u201c, fragte die Verk\u00e4uferin, die einen Nasenring trug genau wie Amira.<br \/>\n\u201eEin St\u00fcck Stachelbeerkuchen\u201c, sagte Lena.<br \/>\n\u201eGern. Mit Sahne?\u201c, fragte die Verk\u00e4uferin.<br \/>\nLena sch\u00fcttelte energisch den Kopf. 370 Kalorien hatte der Kuchen sicher schon alleine.<br \/>\n\u201eJut, bring ick dir, meine Kleene\u201c, sagte die Verk\u00e4uferin und drehte sich Richtung Kuchentheke.<br \/>\nLena legte das Geld auf den Tresen und setzte sich an einen der kleinen Bistro-Tischchen am Rande.<br \/>\nSie war jetzt wirklich aufgeregt.<\/p>\n<p><strong>Melonentorte im Goldbrunnen<\/strong><\/p>\n<p>\u201eIch bin J\u00fcdin\u201c, sagte sie.<br \/>\n\u201eUnd ich war ein echter Nazi, sagte er.<br \/>\n\u201eDu warst kein echter Nazi. Du warst ja noch ein Kind\u201c, sagte sie und l\u00e4chelte.<br \/>\n\u201eWelches Baujahr bist du?\u201c, fragte sie weiter.<br \/>\n\u201e28. Mein Bruder Siggi ist Jahrgang 23. Mein Vater lie\u00df ihn am Abend der Machtergreifung mit einer Fackel durchs Dorf marschieren. Ich durfte mit, obwohl es schon sp\u00e4t war. Mitten auf dem Dorfplatz lief er im Kreis. Und ich stand mit Vati und unserer polnischen Magd Agnieszka am Rand und applaudierten\u201c.<br \/>\n\u201eIhr hattet eine polnische Magd?\u201c, fragte sie.<br \/>\n\u201eJa, wir lebten doch in Westpreussen nahe der Grenze. Viele Polen lebten dort. Agnieszka war wunderbar. Nach dem fr\u00fchen Tod meiner Mutter war sie wie eine Ersatzmutter f\u00fcr uns.\u201c<br \/>\n\u201eUnd was ist dann w\u00e4hrend der Nazi-Zeit mit ihr passiert?\u201c, fragte sie und schob sich ein St\u00fcck Melonentorte in den Mund.<br \/>\n\u201eSie blieb bis 39 bei uns. Ein, zwei Tage nach Kriegsausbruch ist sie dann verschwunden. Mein Vater hat nie dar\u00fcber gesprochen, aber ich glaube er hat sie weggeschickt. Es wurde zu gef\u00e4hrlich f\u00fcr sie. Sie zog zur\u00fcck zu ihren Eltern nach Krakau. Ihr Bruder war Pfarrer. Sie hat den Krieg wohl \u00fcberlebt\u201c, sagte er.<br \/>\n\u201eJaja, damals ging es nur ums \u00dcberleben\u201c, sagte sie.<\/p>\n<p>Nachdem Rosa diesen Satz gesagt hatte, wurden Gustavs Augen feucht.\u00a0 Er schaute sich um. In den kleinen Caf\u00e9, in dem er sich mit Rosa verabredet hatte, waren kaum Tische besetzt um diese Zeit. Nur direkt neben ihnen sa\u00df ein sch\u00fcchternes M\u00e4dchen vor einem St\u00fcck Stachelbeerkuchen und starrte aus dem Fenster. Dann wandte sich Gustav wieder an Rosa:<br \/>\n\u201eUnd, Rosa, wenn du J\u00fcdin bist, wie hast du denn \u00fcberlebt?\u201c<br \/>\nRosa legte die Kuchengabel aus der Hand und tupfte sich den Mund mit einer Serviette ab.<br \/>\n\u201eMeine Eltern, also mein Vater und mein Onkel, die hatten ja ein gro\u00dfes Herren-Ausstatter-Gesch\u00e4ft am Hackeschen Markt. Der Laden ging \u00fcber 4 Etagen. Unterw\u00e4sche, Hemden, Hosen, Anz\u00fcge, Fracks, H\u00fcte und so weiter.\u00a0 Unser Gl\u00fcck war, dass meine Oma eine sehr kluge Frau war. Sie hat Hitlers Aufstieg schon fr\u00fch vorhergesagt und meinte immer: Wenn der dran kommt, dann sind wir alle tot. Ich glaube sie war die einzige in Deutschland, die \u201eMein Kampf\u201c wirklich gelesen hat\u201c, sagte Rosa.<br \/>\n\u201eJa und dann? Was habt ihr gemacht, als Hitler an die Macht kam?\u201c, wollte Gustav wissen.<br \/>\n\u201eErst mal nichts,\u201c sagte Rosa, \u201ebis 1938 erst mal gar nichts. Mein Vater war stur und wollte in Berlin bleiben. Es war ja seine Heimat. Erst nach der Kristallnacht konnte sich meine Oma durchsetzen. Wir haben das Gesch\u00e4ft an einen befreundeten Kaufmann verkauft. Herrmann Kugler. Der hatte schon ein Damenmodegesch\u00e4ft in der Linienstra\u00dfe. Er hat uns einen guten Preis bezahlt.\u201c<br \/>\n\u201eUnd dann seid ihr ausgewandert? Nach Montevideo?\u201c, fragte Gustav.<br \/>\n\u201eNicht so schnell Gustav, nicht so schnell. Wie hei\u00dft es doch: So schnell schie\u00dfen die Preussen nicht!\u201c, sagte Rosa. Sie lehnte sich zur\u00fcck und nahm einen Schluck Kaffee.<br \/>\n\u201eHerrlich,\u201c sagte sie, \u201efast so wie gut wie in S\u00fcdamerika. Nur diese Melonentorte &#8211; die schmeckt nach gar nichts. Ich h\u00e4tte besser Stachelbeere genommen,\u201c sagte Rosa und deutete auf den Nachbartisch, wo der Stachelbeerkuchen immer noch unber\u00fchrt auf dem Kuchenteller vor dem jungen M\u00e4dchen lag.<\/p>\n<p>Gustav und Rosa kannten sich seit etwa 6 Stunden. Erst am Morgen dieses sch\u00f6nen Sommertages hat er sie gesehen. Sie trug ein strahlend wei\u00dfes Sommerkleid mit Spitzenbesatz und beige Damenhandschuhe.<br \/>\n\u201eWillkommen in ihrem neuen Zuhause, Frau Perlzweig\u201c, begr\u00fc\u00dfte sie der Portier der Senioren-Residenz Goldbrunnen.<br \/>\nDie Residenz war in einem frisch renovierten Altbau der Universit\u00e4tsklinik untergebracht und bestand aus gro\u00dfz\u00fcgigen 2-Zimmer-Wohnungen, die nach modernstem Standard barrierefrei und pflegegerecht ausgebaut worden waren. Hinter dem Geb\u00e4ude lag ein kleiner Park, zu dem auch die neu angebrachten Balkone ausgerichtet waren. Im Goldbrunnen gab es 24 Stunden Full Hotel Service und beste medizinische Versorgung. So versprach es zumindest die Brosch\u00fcre.<br \/>\nGustav, der gerade von einem kleinen Spaziergang im Park zur\u00fcckkehrte traf also im Foyer auf Rosa und der Portier witterte sogleich die Chance, die beiden bekannt zu machen.<br \/>\n\u201eHerr Schulz, darf ich Ihnen unsere neueste Bewohnerin vorstellen. Frau Perlzweig.\u201c<br \/>\n\u201eAngenehm, sagte Gustav. Ich hei\u00dfe Gustav Schulz und wohne im 2. Stock. Parkseite.\u201c<br \/>\n\u201eAngenehm, Rosa Perlzweig. Ich komme aus Montevideo.\u201c<br \/>\n\u201eMontevideo. Und was verschl\u00e4gt sie dann nach Berlin.\u201c<br \/>\n\u201eDas ist eine lange Geschichte, Herr Schulz. Aber wenn sie mir Gelegenheit geben, mich ein paar Stunden auszuruhen, dann k\u00f6nnen wir uns gern zu einem Nachmittagscaf\u00e9 verabreden, sofern ihre Gattin nichts dagegen hat.\u201c<br \/>\n\u201e\u00c4u\u00dferst gerne, liebe Frau Perlzweig\u201c, sagte Gustav, \u201emeine Gattin hat mir auf dem Sterbebett zugeredet, ich m\u00f6ge nach ihrem Tod noch viele sch\u00f6ne Jahre haben. Um 15 Uhr also im Caf\u00e9 hier vorne an der Ecke?\u201c. Sein Herz pochte. Rosa nickte und erschien Punkt 15 Uhr in einem gestreiften Kost\u00fcm und einem ros\u00e9 farbenen Damenhut.<\/p>\n<p>\u201eAlso lieber Gustav,\u201c setzte Rosa ihre Geschichte fort, \u201eals mein Vater das Gesch\u00e4ft 38 verkaufte, da lie\u00df er sich den Kaufpreis vom Kugler in Gold auszahlen. Mit den Reichsmark h\u00e4tten wir ja woanders nur schwer was anfangen k\u00f6nnen. Meine Eltern und mein Onkel sind dann zuerst nach Lissabon gezogen. Dort war es f\u00fcr Juden einigerma\u00dfen sicher und meine Mutter wollte sowieso schon immer ans Meer. Um aber bei der Ausreise nicht aufzufallen sollten meine Schwester und ich \u00fcber einen anderen Weg dorthin gelangen. Uns schickte man deshalb zu einem befreundeten Diamantenh\u00e4ndler nach Antwerpen. Wir kamen im August 39 dort an und wenige Tage sp\u00e4ter brach der Krieg aus.<br \/>\n\u201e1. September 39\u201c, fiel ihr Gustav ins Wort. \u201eMein Bruder war gerade 16 geworden und war so traurig, dass er noch zu jung war f\u00fcr die Wehrmacht und nicht mit einmarschieren durfte in Polen\u201c.<br \/>\n\u201eUnd wir, wir waren voller Angst, weil alle ahnten, dass Hitler bald auch in Frankreich und Belgien einmarschieren w\u00fcrde. Es wurde zu gef\u00e4hrlich f\u00fcr uns. Aber es dauerte dann aber \u00fcber ein halbes Jahr, bis wir endlich gef\u00e4lschte P\u00e4sse in der Hand hatten und gefahrlos nach Lissabon weiterreisen konnten. Von dort, sind wir auch direkt aufs Schiff nach S\u00fcdamerika\u201c.<br \/>\n\u201eWas f\u00fcr ein Gl\u00fcck ihr doch hattet\u201c, sagte Gustav.<br \/>\n\u201eJa, die Perlzweigs haben immer Massel. \u201e Die Masselzweigs\u201c hat uns unsere Mutter genannt. Und wei\u00dft du, wie wird das Gold vom Kugler durch die Welt geschmuggelt haben? Mein Vater hat\u2018s in die Koffer einn\u00e4hen lassen. M\u00fcnze f\u00fcr M\u00fcnze. In Montevideo hat er einfach die Koffern\u00e4hte aufgetrennt und das Gold wieder rausgeholt.<br \/>\n\u201eMein Vater hat mit dem Krieg alles verloren. Das Gutshaus in Preussen, das Aktienverm\u00f6gen. Und alles, woran er geglaubt hat. Zum Gl\u00fcck ist es mir besser ergangen. Ich habe in Westberlin nach dem Krieg ein Autohaus gegr\u00fcndet.\u201c<br \/>\n\u201eSag mal Gustav,\u201c, unterbrach ihn Rosa und fl\u00fcsterte. \u201eDas M\u00e4del neben uns sitzt jetzt schon seit einer halben Stunde und hat noch nicht mal die H\u00e4lfte von ihrem Kuchen aufgegessen. Ob ihr schlecht ist? Sie ist ja so mager, als k\u00e4m sie grad aus dem KZ.\u201c<br \/>\n\u201eAch, die jungen Leute heutzutage. Wer wei\u00df, was sie hat. Und wenn man sich einmischt, dann is es auch nicht recht\u201c, murmelte Gustav.<br \/>\n\u201eLeiser Gustav, sie kann uns doch h\u00f6ren.\u201c Rosa \u00fcberpr\u00fcfte ihre Vermutung und schaute das M\u00e4dchen jetzt direkt an. Das M\u00e4dchen lief rot an und schaute schnell wieder in die andere Richtung.<br \/>\n\u201eMontevideo. Wie ist es euch dort ergangen?\u201c, fragte Gustav.<br \/>\nRosa nahm Gustavs Hand:<br \/>\n\u201eWie soll es denn Masselzweigs schon ergehen. Mein Vater hat wieder Herren-Gesch\u00e4fte er\u00f6ffnet, und Damen-Gesch\u00e4fte, und Hut-Gesch\u00e4fte. Mein Gott. Er hat viel gearbeitet aber er hat auch viel, viel Geld verdient.\u201c<br \/>\n\u201eUnd warum ziehst du nach Berlin,\u201c fragte Gustav.<br \/>\n\u201eIn Montevideo is ja keiner mehr. Meine Eltern und mein Onkel sind lange tot. Meine Schwester auch. Mein Sohn Yossi ist in den 80ern nach Israel ausgewandert. Aber da ist es mir zu hei\u00df. Au\u00dferdem lebt meine Enkelin hier.\u201c<br \/>\n\u201eRosa zog ein Foto aus ihrer Handtasche.<br \/>\n\u201eSchau, da ist sie. Das ist Amira.\u201c<br \/>\nGustav bemerkte, wie die Blicke des jungen M\u00e4dchens vom Nachbartisch langsam zu ihnen her\u00fcber wanderten.<br \/>\n\u201eSie ist ein gutes M\u00e4dchen. Ach, M\u00e4dchen. 30 mag sie jetzt auch schon sein. Vor 6 Jahren ist sie aus Tel Aviv nach Berlin gezogen. Sie hat\u2018s nicht mit den M\u00e4nnern wei\u00df du, und soe lebt mit einer Frau zusammen. Yossi hat deshalb ein Theater gemacht. Aber ich halte zu ihr. Wenn nur dieser Indianderschmuck nicht w\u00e4re, grauenhaft, oder? Wie sich die jungen Leute zurichten.\u201c Rosa deutete auf das Foto von Amira, die einen Nasenring trug und einen t\u00e4towierten Schwarzen Adler am Hals.<br \/>\n\u201eGustav, ich hab eine Idee. Amira wei\u00df noch nichts von meiner Ankunft, aber ich wei\u00df wo sie arbeitet. In der Klinik hinter der Residenz Goldbrunnen. Wollen wir sie da morgen \u00fcberraschen?\u201c, schlug Rosa vor.<br \/>\nPl\u00f6tzlich mischte sich das M\u00e4dchen vom Nachbartisch ein:<br \/>\n\u201eMorgen ist Amira nicht da. Sie kommt erst am Mittwoch wieder!\u201c, sagte das M\u00e4dchen und fuhr fort:<br \/>\n\u201eIch bin Lena, und ich wohne gerade in der Klinik, in der Amira arbeitet, wissen Sie?\u201c<br \/>\n\u201eAch, so ein Zufall. Du kennst Amira also?\u201c, fragte Rosa und schob das Foto Lena entgegen.\u2028\u201eJa, das ist sie. Sie ist so cool!\u201c, sagte Lena.<br \/>\n\u201eUnd sag mal, mein Liebes, warum wohnst du dort in der Klinik?\u201c, fragte Rosa<br \/>\n\u201eIch muss lernen, wieder normal zu essen\u201c, sagte Lena und senkte den Kopf<br \/>\nRosa schaute auf Lenas leeren Teller.<br \/>\n\u201eNa schau,\u201c sagte Rosa, \u201eder Stachelbeerkuchen hat dir schon mal geschmeckt.\u201c<br \/>\nLena nickte und begann zu l\u00e4cheln.<br \/>\nDann verlie\u00dfen die drei gemeinsam das Caf\u00e9 und verabredeten sich f\u00fcr Mittwoch in dem kleinen Park, der zwischen der Klinik und der Residenz Goldbrunnen lag.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(von J\u00f6rg Olvermann) Stachelbeeren im Schwalbennest Abends schrieb Lena in ihr Tagebuch: &#8211;\u00a0\u00a0 \u00a0Eine Scheibe Pumpernickel &#8211;\u00a0\u00a0 \u00a0Ein halber Apfel &#8211;\u00a0\u00a0 \u00a0100 Gramm Magerquark\u2028ist gleich 189 Kilokalorien. Das war unter 200. Das war gut. 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