{"id":98,"date":"2015-09-29T17:38:31","date_gmt":"2015-09-29T15:38:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mischmash.de\/?p=98"},"modified":"2016-07-06T23:12:21","modified_gmt":"2016-07-06T21:12:21","slug":"karriere-mit-kohlrabi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mischmash.de\/?p=98","title":{"rendered":"Karriere mit Kohlrabi"},"content":{"rendered":"<p>(von Thanassis Kalaitzis)<br \/>\nMara und Timo sind seit 9 Jahren verheiratet. Im Alter von 23 hatten sie kurzen Prozess gemacht und sich f\u00fcr ein Leben ohne b\u00f6se \u00dcberraschungen, also ein gemeinsames entschieden.<\/p>\n<figure id=\"attachment_100\" aria-describedby=\"caption-attachment-100\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.mischmash.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Kohlrabin-in-Handtasche.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-100\" title=\"Ein Kohlrabi in einer Damenhandtasche\" src=\"http:\/\/www.mischmash.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Kohlrabin-in-Handtasche-225x300.jpg\" alt=\"Ein Kohlrabi in einer Damenhandtasche\" width=\"400\" height=\"534\" srcset=\"https:\/\/www.mischmash.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Kohlrabin-in-Handtasche-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.mischmash.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Kohlrabin-in-Handtasche-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.mischmash.de\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Kohlrabin-in-Handtasche.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-100\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 2013 Thanassis Kalaitzis<\/figcaption><\/figure>\n<p>Timo mit Ingenieursausbildung hatte direkt nach dem Studium eine Mittelschichtsstelle mit gut \u00fcber 40Kilo Startgehalt p.a eingefahren, seither hatte sich die Zahlen j\u00e4hrlich um ein paar Kilo erh\u00f6ht auf den Lohnabrechnungen des Energieproduzenten, f\u00fcr den er vor allem Effizient und Auftr\u00e4ge erzeugte.<\/p>\n<p>Mara hatte eine Bankkauffrau abgeheftet im Dokumentenordner und nach nur zwei Jahren in der langweiligsten Filiale der Welt in Friedenau hatte sie gef\u00fchlte 20 Kilo mehr auf der H\u00fcfte als Timo in die Filiale kam. Er plante auf Eigentumswohnung und hatte sich, wie alle Einkommensnachw\u00fcchsler, beraten lassen bis zum Umfallen. Er hatte einen Enthusiasmus und einen Optimismus an den Tag gelegt &#8211; das hatte sie beeindruckt und auch ein wenig verlegen gemacht. Verlegen und auch neidisch, weil sie sich, nur drei Monate \u00e4lter als ihr Kunde, gelegentlich schon den Vorwurf machte, zuviel in den Tag hineinzuleben, zu oft zu machen, wonach ihr gerade war, auch wenn das hie\u00df, nichts zu machen und keinerlei Zukunftspl\u00e4ne zu haben.<\/p>\n<p>Das \u00e4nderte sich, als sie dann mit Timo ging. Sie bewarb sich weg von der Bank und eine Stiftung schickte sie in die Entwicklungshilfe, erst als Buchhalterin f\u00fcr Projekte, dann auch an die Standorte in den Entwicklungsl\u00e4ndern, weil ihr Interesse f\u00fcr die Arbeit vor Ort sichtbar wurde, ebenso wie ihr Gesp\u00fcr f\u00fcr Verhandlung und Strategie. Das waren vier wechselhafte Jahre gewesen, zwei Jahre davon mit mehreren Besuchen in Moldavien und zwei volle Jahre in Myanmar. Danach sollte das Baby kommen. Es wurde eine Fehlgeburt. Timo, der inzwischen selber viel unterwegs war, hing damals gerade in Venezuela fest, Wahlkampf, Streiks, in einem der wichtigsten \u00d6lproduzentenland der Welt kein Flugbenzin. Mara hatte das damals alles nicht verstanden. Was sie in dem einem Jahr Berufspause verstanden hatte war, dass sie nie wieder wegen ihrer eigenen oder wegen der Karriereentscheidung eines anderen Menschen leiden wollte.<\/p>\n<p>Sie hatte in der Stiftung gek\u00fcndigt und sich lokal beworben. Die Ausfl\u00fcge in die weite Welt waren sch\u00f6n und gut. Was sie in den B\u00fcros und den Hotelbars der Welt f\u00fcr Einblicke in die Politik des Managements bekommen hatte, von Firmen und Organisationen, die ihre zuk\u00fcnftigen Arbeitgeber h\u00e4tten werden k\u00f6nnen, hatte ihr auch nach dem besten zureden von Timo nicht gefallen. Timo, der seit Venezuela zwischen Berlin und Br\u00fcssel pendelte, hatte sie lange zu \u00fcberzeugen versucht, dass es wichtiger war, die richtigen Positionen zu suchen und nicht die dazugeh\u00f6rigen Aufgaben. Und Br\u00fcssel hatte seine Lust auf mehr Gr\u00f6\u00dfe und mehr Macht angefacht. Schon nach einem Jahr in der europ\u00e4ischen Hauptstadt war er f\u00fcr Mara eine jener Personen geworden, wegen der sie ihre prestigtr\u00e4chtige Karriere beendet hatte. Maras Ma\u00df war die Herrschsucht dieser meist m\u00e4nnlichen Personen ab, die sich vor allem in ihrer Manager-Sonne sonnten aber wenig W\u00e4rme in die Welt gaben. Sicher war sie sich damals noch nicht, ob Timo schon so einer war. Aber allein dass er ihr immer wieder sagte, dass sie sich nur hocharbeiten m\u00fcsse, fand sie verd\u00e4chtig. Nach der Erfahrung in der Stiftung hatte sie ernsthaft Zweifel, dass allein ihre gute Arbeit sie zu einer Managerin werden lassen w\u00fcrde. Wenn das so einfach war wie Timo immer wieder herunterbetete, wo waren denn die andren Frauen unter der Manager-Sonne? Warum sa\u00dfen in den klimatisierten Eck-B\u00fcros nur klimakterische M\u00e4nner mit entweder \u00dcbergewicht oder \u00dcber-Autos als Erfolgsanzeiger?<\/p>\n<p>Mara entschied sich f\u00fcr das Angebot eines lokalen, sozialen Tr\u00e4gers an. Sie hatte gemischte Aufgaben, die von Antr\u00e4gen \u00fcber Interkultur nach Zielvereinbarungen reichten. Warum sie aber zugesagt hatte waren die w\u00f6chentlichen Besuche von Einrichtungen f\u00fcr Obdachlose, Prostituierte und Fl\u00fcchtlinge. Ihr Job waren Menschen und keine Zahlen. Das wollte sie. Auch wenn es besch\u00e4mend schlecht bezahlt wurde. Sie hatte ja noch Timos Kreditkarte.<\/p>\n<p>Maras heutiger Tag war der Gesundheitsvorsorge f\u00fcr m\u00e4nnliche Sexarbeiter gewidmet. Fast alle kamen aus S\u00fcdosteuropa, nur wenige konnten Deutsch. Mara beriet die meisten mit Hilfe eines Dolmetschers, denn die Risiken dieser Arbeit war fast keinem der Jungs bewusst.<\/p>\n<p>Sie liebte diese Tage mit den Menschen im Gegensatz zu ihrer fr\u00fcheren und jetzigen Papierarbeit. Papier, besonders digitales, war geduldig, es musste nur mit den richtigen Dingen beschrieben werden. Menschen konnte man nicht so passend machen. Und man brauchte nicht nach Moldavien oder Myanmar, Sumatra oder Sudan fahren, um das gleiche Elend, den gleichen Stolz, die gleiche Verzweiflung und den gleichen Lebensmut zu sehen, wie hier mitten in Berlin: in den W\u00e4rmestuben, in den Arztmobilen, in den Kleiderausgaben, in den Notk\u00fcchen. Dort war Mara seit vier Jahren jede Wochen.<\/p>\n<p>Dort wo man sich nicht den n\u00e4chsten Kommissionsjob, den n\u00e4chsten Prestigeposten, den n\u00e4chsten aufgeblasenen Exotikurlaub w\u00fcnschte, sondern sich damit begn\u00fcgte, den n\u00e4chsten Tag heil zu \u00fcberleben, eine Schlafstatt zu haben, die man nicht im Einkaufswagen zum n\u00e4chsten Standort schob, und wo man sich w\u00fcnschte, nicht geschlagen oder vergewaltigt zu werden, nicht beklaut zu werden, unversehrt zu bleiben. Und selbst dieser kleine Wunsch wurde vielen, die Mara besuchte, nicht gew\u00e4hrt. Im Gegensatz zu jenen, die sich unerm\u00fcdlichen als Manager Manager Manager bezeichneten, und die sich mehr einr\u00e4umten, als sie brauchten und verdienten. Timo fand Maras Geisteswandel sch\u00e4big, fand sie unn\u00f6tig sozial, sie solle an sich denken und wohin sie zusammen kommen k\u00f6nnten. Aber f\u00fcr zusammen irgendwo hin kommen, sah Mara zur Zeit gerade nicht den gemeinsamen Weg. Timo machte munter seine Dienstreisen mit 5Sterne \u2013 sie hatten eh kaum Zeit f\u00fcreinander, f\u00fcr gemeinsame Schritte auf einem gemeinsamen Weg.<\/p>\n<p>Als Mara mit ihrem Tag fertig war hatte sie unz\u00e4hlige Gespr\u00e4che im Medizinmobil f\u00fcr die Sexarbeiter gef\u00fchrt. Sie hatte Jungs zwischen 18 und 28 beraten, hatte empfohlen, gemahnt, gefordert, getr\u00f6stet, Ansagen und Mut gemacht oder war einfach nur als Mensch dagewesen, ohne Rang, ohne Machtgef\u00e4lle. Danach beschloss sie, sich ein neues Kleid kaufen, mit der Gold-Kreditkarte Timos und dann zu Freunden in den Garten fahren. Entspannt, sie musste nicht Jemand sein \u2013 eine kleine Pause vom Leben als Administratorin und pausierende Ehefrau.<\/p>\n<p>Mara hatte gute Laune, als sie mit ihrem kleinen Rover an der Bushaltestelle vor dem B\u00fcro die Fenster herunterlie\u00df und den olivh\u00e4utenen und unendlich gut aussehenden jungen Mann fragte, ob sie ihn mitnehmen k\u00f6nne. Sie fahre nach Neuk\u00f6lln Kreuzberg, Sch\u00f6neberg Mitte, sie w\u00fcrde sich freuen. Er stieg tats\u00e4chlich ein und setzte sich mitten auf das blau-wei\u00dfe Erste Hilfe-Paket das Mara seit der letzten Weihnachtsfeier mit Wichtelrunde auf dem Beifahrersitz zum Vergessen geparkt hatte. So lange fuhr sie also schon alleine dieses Auto. Dann wurde es ja Zeit, dass sich das \u00e4nderte. Sie warf das Ding achtlos nach hinten und der junge Mann stellte sich als Mano vor. Ein \u00e4u\u00dferst reizenden Gespr\u00e4ch entspann sich, das, nicht ohne Maras Insistenz, zu einer abendlichen Verabredung wurde. Sie lie\u00df Mano schlie\u00dflich am Kottbusser Tor raus und fuhr mit gel\u00f6ster Stimmung nach F-Hain weiter.<\/p>\n<p>Wer wei\u00df, was morgen passieren w\u00fcrde, vielleicht war heute ihr letzter Tag auf diesem Planeten. So oder \u00e4hnlich sagte das jedenfalls immer ihre 82j\u00e4hrige Nachbarin, die Mara immer eine Lebensweisheit mitgab, wenn sie das eine oder andere aus dem Supermarkt f\u00fcr Fr. Broranke mitbrachte. Fr. Broranke sammelte in ihrem Alter immer noch Flaschen zur Aufbesserung ihrer Rente &#8211; nach 47 Jahren Lebensarbeitszeit. Fr. Broranke hatte auch einen Deal mit der beiliegenden Gartenkolonie, Blumen und Fr\u00fcchte sammeln zu d\u00fcrfen. Was sie verkaufte, durfte sie behalten, was nicht, verbrauchte sie selbst.<\/p>\n<p>Als Mara knapp zwei Stunden sp\u00e4ter in ihrem neuen Kleid vor dem Garten ihrer Freunde ausstieg, war ihr leicht ums Herz. Sie erhielt ein neidloses Lob von der Gastgeberin, die ihr zu dem Schwarzen, sommerlich \u00c4rmellosen gratulierte. Besonders gefielen ihr das diskrete graue Bl\u00e4ttermuster und die silbergrau abgesetzten Kanten. Vom Gastgeber erhielt sie einen Kohlrabi, den er gerade geerntet hatte und eine freundliche Umarmung mit einem Kompliment zu ihrem Aussehen, Dann gab es Kaffee und Gespr\u00e4che, die Sonne schien noch sehr hei\u00df, es w\u00fcrde ein wunderbarer Sommerabend werden. Der Kohlrabi landete in der Handtasche, die sie schon mit noch zu erledigenden Unterlagen vollgestopft hatte. Fr. Broranke w\u00fcrde sich sicher \u00fcber das gem\u00fcsige gr\u00fcne Geschenk freuen. Und ihr wieder einen guten Rat mitgeben. Heute vielleicht: Denken sie auch mal an sich und legen sich einen gutaussehenden Liebhaber zu. Oder: Trennen sie sich endlich von diesem Langweiler. Welchen sollte sie beherzigen?<\/p>\n<p>Vielleicht einfach beide. Fuck Goldkreditkarte. Fuck Timo. And Fuck Mano. Heute abend.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(von Thanassis Kalaitzis) Mara und Timo sind seit 9 Jahren verheiratet. 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