
Coming IN
September 1989. Europa und Deutschland sehnen sich nach Freiheit. Nicht anders Karl Baumeister, der an jenem Freitag Nachmittag am elterlichen Brotzeittisch.
„Hilfst du mir morgen wieder in der Werkstatt?“, fragte ihn sein Vater und biss in eine große Essiggurke.
„Morgen wann?“, fragte Karl zurück. „Ich wollte heute eigentlich noch mal bei Manuela übernachten.“
„So, so, bei dieser Manuela schon wieder. Das ist jetzt das wie vielte Mal in diesen Sommerferien?“
„Komm schon, Johann, warum denn nicht“, unterbrach ihn Mutter Emmi und wandte sich an ihren Sohn: „aber bald musst du uns deine neue Liebe schon mal vorstellen, gell?“
„Bald, ja, irgendwann“, sagte Karl, „und morgen früh um 10 bin ich ja auch wieder daheim!“
Karls Eltern führten eine überaus erfolgreiche Tischlerei am Rande Münchens. Johann war ein gewissenhafter, introvertierter Mensch um am liebsten mit dem Holz und seinen Werkzeugen allein. Seine Frau Emmi, eigentlich studierte Germanistin, führte seit Karls Geburt das Büro. Von früh bis spät telefonierte sie, gab Rechnungen in die Post und faxte Angebote für neue Eichenschrankwände und nussbaumfurnierte Ehebetten an die werte Kundschaft in München und Umgebung. Johann und Emmi waren jeden Tag im Stress, und deshalb froh, dass sie sich um den Sohnemann keine Sorgen zu machen brauchten. Braves Kind, gut in der der Schule, und nun offenbar auf dem Weg, ein ganz normaler Erwachsener zu werden.
„Du Karli, wir gehen gleich noch mal rüber zu den Reinerts. Die machen eine Gartenparty. Grüß mir diese Manuela, gell, aber sag mal, wo genau wohnt die? Vielleicht gibst du mir eine Telefonummer von dort. Wenn was sein sollte.“ „Ja, vielleicht beim nächsten Mal”, sagte Karl, !”die Eltern von der Manuela gehen immer früh ins Bett, und wir sind unten im Hobbykeller und würden das Telefon eh nicht hören.“
„Ach so, ich versteh schon“, zwinkerte Emmi. Sie griff in ihre Handtasche und drückte Karl- vom Vater unbemerkt – ein Kondom in die Hand.
Sofort als er das Gartentor hinter seinen Eltern ins Schloss fallen hörte, stürmte er in sein Zimmer. Was zur Hölle sollte er heute Abend nur anziehen? Er legte sich zwei Outfit-Optionen zurecht, zwischen denen er sich später entscheiden würde. Option 1 war körperbetont: Feinripp-Unterhemd, Lederhalsbändchen mit Silbermond-Anhänger, blaue Stone-Washed-Jeans und Doc Martens. Option 2 war stylish: ein silbern glänzendes Viskose-Hemd, die schwarze Anzughose und darüber den feuerroten Blazer mit Schulterpolstern. Dazu weisse Turnschuhe. Dann ging er ins elterliche Badezimmer, duschte ausgiebig und durchsuchte Mutters Kosmetikschrank nach brauchbaren Produkten.
Fertig gestylt verließ er das Haus – nicht ohne vorher abzuchecken, ob ihn aus den Vorgärten der Nachbarn neugierige Blicke treffen könnten. Er schwang sich aufs Rennrad eilte los. Zufrieden registrierte er, dass die Straße leer war und seine festbetonierten blondierten Haare sich im Fahrtwind keinen Millimeter bewegten.
Am Bahnhof wurde Karl bereits von Robert erwartet: „Oh, the lady in red! Du siehst ja aus wie diese Tussi aus der Drei-Wetter-Taft-Werbung“, gackerte dieser. Robert war ein Jahr älter als Karl. Er ging auf die gleiche Schule, war aber schon bald in der Dreizehnten. Sie hatten sich beim Rauchen vor dem Pausenhof kennengelernt. Karl stand da oft allein. Robert auch. Ein längerer Blickaustausch, ein kurzes Gespräch – dann war alles klar. Sie freundeten sich schließlich an. Robert trug heute eine schwarze Lederjacke mit einem großen Sticker von Billy Idol. Enge Levi’s-Jeans, hohe Nike-Turnschuhe. “Und du, du siehst aus wie so’n Hetero-Rocker auf Abschlepp-Tour”, witzelte Karl zurück.
Die S-Bahn Fahrt zum Marienplatz dauerte 20 Minuten. Von dort schlenderten sie an den Schaufenstern der geschlossenen Läden vorbei in Richtung Sendlinger Tor.
„Wann redest du denn jetzt mit deinen Eltern Klartext?“, fragte Robert. „Du kannst doch nicht ewig bei ‘Manuela’ schlafen und dann heimlich in die Stadt fahren.“
„Ich weiß“, sagte Karl. „Aber ich denke, dass die Zeit ist jetzt noch reif nicht.“
„Ach komm. Das ist nur ne Ausrede. Also entweder hast du einfach Schiss vor den Alten oder willst dir selbst noch eingestehen was bei dir Phase ist.“
„Themawechsel“, sagte Karl, “bitte!”
Robert bot Karl eine Zigarette an. Rauchend bogen Sie in die Sonnenstraße ein und standen kurz darauf vor dem verspiegelten Eingang zum Tanz-Club “Chicago”. „Zutritt erst ab 18!“ warnte ein Schild unmissverständlich und kleine Schweißperlen bildeten sich auf Karls Stirn. Robert klingelte. Ein kleines Guckfenster ging auf. Zwei prüfende Augen scannten Karl und Robert. „Seiz ihr scho 18?“, fragte der Türsteher in breitestem Bayerisch.
Robert nickte selbstbewusst und sagte:”Klar, wir waren doch schon öfter hier! Erkennst uns nicht?”
„Sorry Mädels, hier behauptet jeder, dass er Stammgast ist!” Der Türsteher lachte und gewährte den beiden Einlass.
Die Tanzfläche des Chicago füllte sich an einem Freitag schnell. Eine über die Stadt hinaus gefeierte Licht- und Laseranlage, Kunstnebel und die neuesten House- und Disco-Hits aus Frankfurt, London, Berlin und New York bildeten die perfekte Bühne für die maskuline Selbstdarstellung. Da ein Muskelprotz, der sich selbst in der Spiegelsäule bewunderte, dort ein Banker-Pärchen mit frisch gebügelten und farblich aufeinander abgestimmten Polo-Ralph-Lauren-Hemden.
„Und?“, fragte Robert. „Gefällt dir einer?“
Karl schüttelte den Kopf.
„Nichts dabei. Sind auch jede Woche immer die gleichen Leute.”
„Und der da?“, fragte Robert und zeigte auf einen Typen mit Basecap und dunklem Bart, der einsam an der Bar an einem bunten Cocktail schlürfte.
„Spinnst du?“, rief Karl, „der ist doch mindestens 30. Also auf Opis steh ich nicht.“
„Ich glaub, du musst dich echt locker machen“, sagte Robert. „Ich seh ’ne Menge Typen, die dich anschauen. Aber du guckst sofort in die Ecke und machst ein trauriges Gesicht. So wird das nichts.“
Und: Auch an diesem Abend wurde es nichts. Karl blieb steif am Rand der Tanzfläche stehen während Robert eine beindruckende Tanzeinlagen bot und flirtende Blicke mit Fremden austauschte. “Ich geh mal an die Bar, vielleicht lädt mich ja der Basecap-Opi auf nen Drink ein”, sagte Robert und verschwand. Karl bewegte sich nicht und lutschte den letzten Eiswürfel aus dem Cola-Glas.
Plötzlich, ganz plötzlich, verstummte die Musik. Die Laseranlage ging aus. Der Kunstnebel verflog und helle Neonröhren erleuchteten binnen Sekunden den gesamten Club.
„Achtung! Unsere grünen Freunde sind da!“, rief der DJ durchs Mikro. „Bitte bleibt alle da wo ihr grade seid und haltet eure Ausweise bereit, dann können wir schnell weiter feiern.“ Karls hilflose Blicke suchten nach Robert – doch der war verschwunden.
Dann trat eine “grüner Freund” ans Mikrofon. „Guten Abend! Ich bin Polizeimeisterin Patrizia Meyer und leite diesen Einsatz. Bleiben Sie bitte ganz ruhig. Wir kontrollieren heute nur das Jugendschutzgesetz. Zeigen Sie mir oder meinen Kollegen einfach ihren Ausweis. Und wenn Minderjährige da sind, bitte kommen Sie doch gleich zu mir ans DJ-Pult. Das würde unseren Einsatz hier massiv beschleunigen.“
September 1989. Europa und Deutschland sehnen sich nach Freiheit. Nicht anders Karl Baumeister, der an jenem Freitag Nachmittag am elterlichen Brotzeittisch.
„Hilfst du mir morgen wieder in der Werkstatt?“, fragte ihn sein Vater und biss in eine große Essiggurke.
„Morgen wann?“, fragte Karl zurück. „Ich wollte heute eigentlich noch mal bei Manuela übernachten.“
„So, so, bei dieser Manuela schon wieder. Das ist jetzt das wie vielte Mal in diesen Sommerferien?“
„Komm schon, Johann, warum denn nicht“, unterbrach ihn Mutter Emmi und wandte sich an ihren Sohn: „aber bald musst du uns deine neue Liebe schon mal vorstellen, gell?“
„Bald, ja, irgendwann“, sagte Karl, „und morgen früh um 10 bin ich ja auch wieder daheim!“
Karls Eltern führten eine überaus erfolgreiche Tischlerei am Rande Münchens. Johann war ein gewissenhafter, introvertierter Mensch um am liebsten mit dem Holz und seinen Werkzeugen allein. Seine Frau Emmi, eigentlich studierte Germanistin, führte seit Karls Geburt das Büro. Von früh bis spät telefonierte sie, gab Rechnungen in die Post und faxte Angebote für neue Eichenschrankwände und nussbaumfurnierte Ehebetten an die werte Kundschaft in München und Umgebung. Johann und Emmi waren jeden Tag im Stress, und deshalb froh, dass sie sich um den Sohnemann keine Sorgen zu machen brauchten. Braves Kind, gut in der der Schule, und nun offenbar auf dem Weg, ein ganz normaler Erwachsener zu werden.
„Du Karli, wir gehen gleich noch mal rüber zu den Reinerts. Die machen eine Gartenparty. Grüß mir diese Manuela, gell, aber sag mal, wo genau wohnt die? Vielleicht gibst du mir eine Telefonummer von dort. Wenn was sein sollte.“ „Ja, vielleicht beim nächsten Mal”, sagte Karl, !”die Eltern von der Manuela gehen immer früh ins Bett, und wir sind unten im Hobbykeller und würden das Telefon eh nicht hören.“
„Ach so, ich versteh schon“, zwinkerte Emmi. Sie griff in ihre Handtasche und drückte Karl- vom Vater unbemerkt – ein Kondom in die Hand.
Sofort als er das Gartentor hinter seinen Eltern ins Schloss fallen hörte, stürmte er in sein Zimmer. Was zur Hölle sollte er heute Abend nur anziehen? Er legte sich zwei Outfit-Optionen zurecht, zwischen denen er sich später entscheiden würde. Option 1 war körperbetont: Feinripp-Unterhemd, Lederhalsbändchen mit Silbermond-Anhänger, blaue Stone-Washed-Jeans und Doc Martens. Option 2 war stylish: ein silbern glänzendes Viskose-Hemd, die schwarze Anzughose und darüber den feuerroten Blazer mit Schulterpolstern. Dazu weisse Turnschuhe. Dann ging er ins elterliche Badezimmer, duschte ausgiebig und durchsuchte Mutters Kosmetikschrank nach brauchbaren Produkten.
Fertig gestylt verließ er das Haus – nicht ohne vorher abzuchecken, ob ihn aus den Vorgärten der Nachbarn neugierige Blicke treffen könnten. Er schwang sich aufs Rennrad eilte los. Zufrieden registrierte er, dass die Straße leer war und seine festbetonierten blondierten Haare sich im Fahrtwind keinen Millimeter bewegten.
Am Bahnhof wurde Karl bereits von Robert erwartet: „Oh, the lady in red! Du siehst ja aus wie diese Tussi aus der Drei-Wetter-Taft-Werbung“, gackerte dieser. Robert war ein Jahr älter als Karl. Er ging auf die gleiche Schule, war aber schon bald in der Dreizehnten. Sie hatten sich beim Rauchen vor dem Pausenhof kennengelernt. Karl stand da oft allein. Robert auch. Ein längerer Blickaustausch, ein kurzes Gespräch – dann war alles klar. Sie freundeten sich schließlich an. Robert trug heute eine schwarze Lederjacke mit einem großen Sticker von Billy Idol. Enge Levi’s-Jeans, hohe Nike-Turnschuhe. “Und du, du siehst aus wie so’n Hetero-Rocker auf Abschlepp-Tour”, witzelte Karl zurück.
Die S-Bahn Fahrt zum Marienplatz dauerte 20 Minuten. Von dort schlenderten sie an den Schaufenstern der geschlossenen Läden vorbei in Richtung Sendlinger Tor.
„Wann redest du denn jetzt mit deinen Eltern Klartext?“, fragte Robert. „Du kannst doch nicht ewig bei ‘Manuela’ schlafen und dann heimlich in die Stadt fahren.“
„Ich weiß“, sagte Karl. „Aber ich denke, dass die Zeit ist jetzt noch reif nicht.“
„Ach komm. Das ist nur ne Ausrede. Also entweder hast du einfach Schiss vor den Alten oder willst dir selbst noch eingestehen was bei dir Phase ist.“
„Themawechsel“, sagte Karl, “bitte!”
Robert bot Karl eine Zigarette an. Rauchend bogen Sie in die Sonnenstraße ein und standen kurz darauf vor dem verspiegelten Eingang zum Tanz-Club “Chicago”. „Zutritt erst ab 18!“ warnte ein Schild unmissverständlich und kleine Schweißperlen bildeten sich auf Karls Stirn. Robert klingelte. Ein kleines Guckfenster ging auf. Zwei prüfende Augen scannten Karl und Robert. „Seiz ihr scho 18?“, fragte der Türsteher in breitestem Bayerisch.
Robert nickte selbstbewusst und sagte:”Klar, wir waren doch schon öfter hier! Erkennst uns nicht?”
„Sorry Mädels, hier behauptet jeder, dass er Stammgast ist!” Der Türsteher lachte und gewährte den beiden Einlass.
Die Tanzfläche des Chicago füllte sich an einem Freitag schnell. Eine über die Stadt hinaus gefeierte Licht- und Laseranlage, Kunstnebel und die neuesten House- und Disco-Hits aus Frankfurt, London, Berlin und New York bildeten die perfekte Bühne für die maskuline Selbstdarstellung. Da ein Muskelprotz, der sich selbst in der Spiegelsäule bewunderte, dort ein Banker-Pärchen mit frisch gebügelten und farblich aufeinander abgestimmten Polo-Ralph-Lauren-Hemden.
„Und?“, fragte Robert. „Gefällt dir einer?“
Karl schüttelte den Kopf.
„Nichts dabei. Sind auch jede Woche immer die gleichen Leute.”
„Und der da?“, fragte Robert und zeigte auf einen Typen mit Basecap und dunklem Bart, der einsam an der Bar an einem bunten Cocktail schlürfte.
„Spinnst du?“, rief Karl, „der ist doch mindestens 30. Also auf Opis steh ich nicht.“
„Ich glaub, du musst dich echt locker machen“, sagte Robert. „Ich seh ’ne Menge Typen, die dich anschauen. Aber du guckst sofort in die Ecke und machst ein trauriges Gesicht. So wird das nichts.“
Und: Auch an diesem Abend wurde es nichts. Karl blieb steif am Rand der Tanzfläche stehen während Robert eine beindruckende Tanzeinlagen bot und flirtende Blicke mit Fremden austauschte. “Ich geh mal an die Bar, vielleicht lädt mich ja der Basecap-Opi auf nen Drink ein”, sagte Robert und verschwand. Karl bewegte sich nicht und lutschte den letzten Eiswürfel aus dem Cola-Glas.
Plötzlich, ganz plötzlich, verstummte die Musik. Die Laseranlage ging aus. Der Kunstnebel verflog und helle Neonröhren erleuchteten binnen Sekunden den gesamten Club.
„Achtung! Unsere grünen Freunde sind da!“, rief der DJ durchs Mikro. „Bitte bleibt alle da wo ihr grade seid und haltet eure Ausweise bereit, dann können wir schnell weiter feiern.“ Karls hilflose Blicke suchten nach Robert – doch der war verschwunden.
Dann trat eine “grüner Freund” ans Mikrofon. „Guten Abend! Ich bin Polizeimeisterin Patrizia Meyer und leite diesen Einsatz. Bleiben Sie bitte ganz ruhig. Wir kontrollieren heute nur das Jugendschutzgesetz. Zeigen Sie mir oder meinen Kollegen einfach ihren Ausweis. Und wenn Minderjährige da sind, bitte kommen Sie doch gleich zu mir ans DJ-Pult. Das würde unseren Einsatz hier massiv beschleunigen.“
–
„Herr Baumeister, mögen Sie vielleicht einen Kaffee?“, fragte Patrizia Meyer. Karl saß vor ihr, in sich zusammengesackt auf einem schlichten Holzstuhl im Polizeirevier München 2. Es war halb fünf.
„Gleich mal vorweg, sagte sie, ”für den Diskobesuch bekommen Sie keinen großen Ärger – der Türsteher wahrscheinlich schon eher. Sie sind ja nicht der erste 17-Jährige, den ich aus dem Chicago ziehe. Aber laufen lassen kann ich Sie auch nicht. Ich hab jetzt die Aufgabe, Sie ihren Eltern zu übergeben. Stimmt denn die Adresse in Ihrem Personalausweis?“
„Müssen Sie meinen Eltern denn sagen, in welchem Club ich war?“
„Sie werden mich fragen. Und anlügen darf ich sie nicht. Ist das schlimm?“
Karl begann schlagartig zu zittern und Frau Meyer, die im letzten Jahr eine freiwillige Fortbildung zum „sensiblen Umgang mit Jugendlichen in Problemsituationen“ gemacht hatte, verstand: “Ach so, Ihre Eltern wissen von nichts.“
Karl schüttelte den Kopf und vergrub ihn dann auf dem Polizei-Schreibtisch in seinen verschränkten Armen.
–
Die Sonne lugte schon zwischen den spätsommerlichen Buchenhecken hervor, als der Streifenwagen vor Karls Haus hielt. Frau Meyer klingelte dreimal, dann öffneten die verschlafenen Eltern endlich die Tür.
„Ja was ist denn bloß passiert“, schrie Emmi. „Karl! Ist alles ok?“
„Es ist nichts Schlimmes“, beruhigte Frau Meyer, „wenn Sie nichts dagegen haben, würd ich jetzt den Karl hier erst mal ins Bett schicken. Und vielleicht haben Sie dann noch ein paar Minuten Zeit, dann kann ich Ihnen die Situation gern erklären.“
Karl ging nach oben und warf sich mit den Klamotten aufs Bett und schlief verheult und übermüdet ein.
Als er erwachte, hörte er Kochgeräusche aus der Küche. Er konnte Hühnersuppe riechen. Zaghaft schlich er nach unten.
„Ah, da ist er ja” rief Emmi, “ich dachte schon, du traust dich gar nicht runter. Nachher wenn Papa aus der Werkstatt kommt gibt’s Frikassee. Aber jetzt setz dich erst mal hin!“ Wortlos befolgte Karl die Aufforderung seiner Mutter. Sie striff ihre Hände an der Küchenschürze ab und setzte sich zu ihm „Du warst also gestern Nacht im Chicago, das hat uns zumindest die Frau Meyer von der Polizei berichtet.”
Karl nickte und sagte mit leiser Stimme: „Hat euch die Frau Meyer auch berichtet, was für ein Club das ist?“
Emmi lächelte:„Die Frau Meyer muss mir nicht erklären, was das für ein Club ist. Mein Friseur Pepino schwärmt mir ungefähr alle vier Wochen vor, welcher DJ da wieder aufgelegt hat und welche schillernden Kostümpartys da stattfinden.“
„Ach so“, sagte Karl, „dann wisst ihr also jetzt Bescheid?“
„Ganz ehrlich: Wir hatten schon einen leisen Verdacht. Seit du nachts länger weggeblieben bist, heimlich Klamotten aus meinem Schrank genommen und regelmäßig meine Kosmetik geplündert hast. was in der Richtung erzählt. Immer nur von dieser Manuela. Und dann stehst du heute morgen verheult mit meinem roten Blazer und dieser Polizistin vor der Tür.”
„Ach Mama, diese Manuela gibt es doch gar nicht. Aber bevor du jetzt nachbohrst oder mir wieder Kondome in die Hand drückst: Ich hab auch noch keinen Freund. Ich bin im Moment ganz allein.“
„Stimm nicht, Karli, du hast uns, sagte Emmi energisch, “auch wenn dein Vater den Mund nicht aufkriegt und ich manchmal nicht weiß wo mir der Kopf steht. Wir haben dich lieb – genau so wie du bist.“
Emmi streichelte ihrem Sohn über die Hand, dann über die Wange. So saßen sie eine Weile, bis sie schließlich das Türschloss hörten und der Vater aus der Werkstatt nach Hause kam.
Coming Out
„Herr Baumeister, mögen Sie vielleicht einen Kaffee?“, fragte Patrizia Meyer. Karl saß vor ihr, in sich zusammengesackt auf einem schlichten Holzstuhl im Polizeirevier München 2. Es war halb fünf.
„Gleich mal vorweg, sagte sie, ”für den Diskobesuch bekommen Sie keinen großen Ärger – der Türsteher wahrscheinlich schon eher. Sie sind ja nicht der erste 17-Jährige, den ich aus dem Chicago ziehe. Aber laufen lassen kann ich Sie auch nicht. Ich hab jetzt die Aufgabe, Sie ihren Eltern zu übergeben. Stimmt denn die Adresse in Ihrem Personalausweis?“
„Müssen Sie meinen Eltern denn sagen, in welchem Club ich war?“
„Sie werden mich fragen. Und anlügen darf ich sie nicht. Ist das schlimm?“
Karl begann schlagartig zu zittern und Frau Meyer, die im letzten Jahr eine freiwillige Fortbildung zum „sensiblen Umgang mit Jugendlichen in Problemsituationen“ gemacht hatte, verstand: “Ach so, Ihre Eltern wissen von nichts.“
Karl schüttelte den Kopf und vergrub ihn dann auf dem Polizei-Schreibtisch in seinen verschränkten Armen.
–
Die Sonne lugte schon zwischen den spätsommerlichen Buchenhecken hervor, als der Streifenwagen vor Karls Haus hielt. Frau Meyer klingelte dreimal, dann öffneten die verschlafenen Eltern endlich die Tür.
„Ja was ist denn bloß passiert“, schrie Emmi. „Karl! Ist alles ok?“
„Es ist nichts Schlimmes“, beruhigte Frau Meyer, „wenn Sie nichts dagegen haben, würd ich jetzt den Karl hier erst mal ins Bett schicken. Und vielleicht haben Sie dann noch ein paar Minuten Zeit, dann kann ich Ihnen die Situation gern erklären.“
Karl ging nach oben und warf sich mit den Klamotten aufs Bett und schlief verheult und übermüdet ein.
Als er erwachte, hörte er Kochgeräusche aus der Küche. Er konnte Hühnersuppe riechen. Zaghaft schlich er nach unten.
„Ah, da ist er ja” rief Emmi, “ich dachte schon, du traust dich gar nicht runter. Nachher wenn Papa aus der Werkstatt kommt gibt’s Frikassee. Aber jetzt setz dich erst mal hin!“ Wortlos befolgte Karl die Aufforderung seiner Mutter. Sie striff ihre Hände an der Küchenschürze ab und setzte sich zu ihm „Du warst also gestern Nacht im Chicago, das hat uns zumindest die Frau Meyer von der Polizei berichtet.”
Karl nickte und sagte mit leiser Stimme: „Hat euch die Frau Meyer auch berichtet, was für ein Club das ist?“
Emmi lächelte:„Die Frau Meyer muss mir nicht erklären, was das für ein Club ist. Mein Friseur Pepino schwärmt mir ungefähr alle vier Wochen vor, welcher DJ da wieder aufgelegt hat und welche schillernden Kostümpartys da stattfinden.“
„Ach so“, sagte Karl, „dann wisst ihr also jetzt Bescheid?“
„Ganz ehrlich: Wir hatten schon einen leisen Verdacht. Seit du nachts länger weggeblieben bist, heimlich Klamotten aus meinem Schrank genommen und regelmäßig meine Kosmetik geplündert hast. was in der Richtung erzählt. Immer nur von dieser Manuela. Und dann stehst du heute morgen verheult mit meinem roten Blazer und dieser Polizistin vor der Tür.”
„Ach Mama, diese Manuela gibt es doch gar nicht. Aber bevor du jetzt nachbohrst oder mir wieder Kondome in die Hand drückst: Ich hab auch noch keinen Freund. Ich bin im Moment ganz allein.“
„Stimm nicht, Karli, du hast uns, sagte Emmi energisch, “auch wenn dein Vater den Mund nicht aufkriegt und ich manchmal nicht weiß wo mir der Kopf steht. Wir haben dich lieb – genau so wie du bist.“
Emmi streichelte ihrem Sohn über die Hand, dann über die Wange. So saßen sie eine Weile, bis sie schließlich das Türschloss hörten und der Vater aus der Werkstatt nach Hause kam.
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