„Sonnenallee: The Augmented Reality“

Schilder, Schaufenster, Schnapsleichen, Scheißhäuser, Schulen, Schischabars, Schwerlaster, Schreibfehler, Schimmel, Schwabenküche, Shiiten, Schlagsahne, Schamlose, Schlechtwertterstimmung, Schalömchen, Schnellimbiss-Schickeria. Das alles und noch viel mehr ist die Sonnenallee.

MischMasch hat bei einem Abendspaziergang duzende Schnappschüsse auf der Sonnenallee geschossen – Momentaufnahmen eines Boulevards, der wie kaum ein anderer die raue Seele Neuköllns offenbart. Doch MischMash macht sich mit den Bildern auf die Suche nach einer neuen Wahrheit. Dazu wenden wir Techniken der Augmented Reality an. Farb- und Verfremdungsfilter, wie wir sie von Snapchat, Instagram und Facebook kennen, Emoticons und Sticker sowie das das Kombinieren der Bilder zu Stories lassen Drehbücher für neue Kurzgeschichten entstehen. Die Wahrheit dieser Kurzgeschichten ist unantastbar, denn sie ist eine literarische Wahrheit. Und so wie die Wahrheit nun mal ist, führen in eine Geschichte viele Wege hinein und alle Geschichten führen zur Sonnenallee zurück.

MischMash tritt mit „Sonnenallee: The Augmented Reality“ mit dem Publikum in Dialog. Welche Wahrheit ist echt und wie das funktioniert mit der Echtheit in Zeiten von Social Bubbles, Filtern und Fake News? Was macht Augmented Reality mit der Echtheit? Wird sie zerstört, verfremdet, oder wird hinter all den Farbfiltern, Verzerrungen und Ergänzungen eine neue Echtheit offenbar, die echter ist, als das ursprüngliche Bild?

Wir sind gespannt

Random Acts of Kindness

Zwei Frauen stehen vor der Rolltreppe
mit einem Fuß fast auf den singenden Stufen
Und plaudern
über Duisburg und Tobias‘ Projektjob
Die Rentnerin mit Stock muss die Beiden ansprechen
Den Weg freizugeben
Sie schafft die tote Treppe nicht,
Braucht die selbststeigenden Stufen,
sie wird mit einem „Entschuldigung-wir-sind-nur-Mädchen-Lächeln“
und einem Achtel-Schritt zur Seite
ignoriert.

Dann ist Tim in Augsburg dran, in der Redaktion dieses Regionalmagazins
eigenes Ressort? nein Volontariat,
dann Merle in Brüssel,
macht einen Kurzfilm? Festival? nein, Werbung,
Die hat da Leute kennengelernt von der europäischen Lebensmittelkontrolle!
Der Tätowierte mit Hund wird unwirsch mit einem spitzen Blick
und einer Kopfdrehung zur Seite nach oben
ignoriert.

Zwei Frauen stehen vor der Rolltreppe,
und plaudern.
Zwei telefonierende Frauen mit Kopftuch
sagen irgendetwas,
die beiden Frauen haben es mit einem „ich verstehe gar nicht was sie sagen“ in den rollenden Augen
ignoriert.

Dann weiter Fragen und Antworten nach Marc, Sina, Björn, Mari
und Unana.
„Was ist das denn für ein Name,
Vater aus Liberia, Mutter Italienerin, abgekürzt Una, du verstehst,
und wolltest du nicht ein Kind, du bist doch schon Mitte dreißig.“
Ein Moment steht die Welt still.
„Seit Ari im FameLab in Jena präsentiert hat, ist er viel unterwegs mit seinem Doktorthema.
Ich will schon, dass das Kind einen Vater hat.“

Zwei Frauen stehen vor der Rolltreppe
und plaudern.
Jemand brüllt. Es klingt wie ein*e ungeduldige*r Berliner*in.
Gemeint sind die beiden Frauen.
Sie zucken zusammen. Sie verstehen irgendwie nicht, was diese drängenden Menschen eigentlich von ihnen wollen.
Sie würden ja so gern zur Seite,
aber da stehen doch schon so viele Menschen, die auf die Rolltreppe wollen.

Sie stellen sich mit stolzem Blick auf die stählernen Stufen,
aufwärts fahrend und blickend,
als wären es die Menschen, die auf die Rolltreppe wollen,
die mit dem Problem.

„Na jedenfalls werden wir das Kind nicht hier haben“ sagt die Mutterwollende
und schwenkt
den Hermannplatz mit gehobenen Brauen überfliegend
den Kopf
über die soziale Randwelt
die sie heute noch mit ihrer Präsenz beehrt
und die morgen nicht mehr gut genug für sie und ihr Kind sein wird.

„Der neue Schuhladen in der Weserstrafle oder erst was essen im Bioladen?“
„Warum nicht beides, wir haben doch nichts zu tun.“

Große Werke in Kurzform

von Thanassis Kalaitzis
Zutaten: Preisgekrönte Leichtigkeiten zum Mitnehmen
Inspiration: Tiny Tales – Romane in 140 Zeichen

Tolstoi:
Mein Leben ist gescheitert. Ein unmoralisches Experiment? Wronskij liebt mich nicht. Sie sprang in den Dampf des Zuges. Anna war sofort tot.

Steinbeck:
Wo sie hinwollten blühten Orangen. Wo sie herkamen, wuchs Armut. Eine Familie verfiel dem Hunger. Wer Gewalt säte, erntete Mord und Rache.

Golding;
Who will join my tribe? Der Anführer rief die Jungen zusammen. Die gestrandeten Kinder begannen ihren Krieg. Was könnte sie nun noch retten?

Goethe:
Einen Vertrag mit Blut zeichnen? Wenn der Sex mit Gretchen besser wurde-gern! Ruhm war Faust egal-außer wenn dadurch der Sex mit Gretchen…

Dafoe:
Tagelang sammeln. Monatelang Bauen. 28 Jahre Überleben. Nie wieder Inseln dachte er und klopfte Freitag freundschaftlich auf die Schulter.

 

präsentiert bei MischMashDeli – Literaturhäppchen to go – ein Literaturprojekt von MischMash für 48 Stunden Neukölln 2016

Tanka Mochi – Kleine Leckerbissen aus großer LIteratur

von Thanassis Kalaitzis
Zutaten: feine Reime mit einem Aroma von Weisheit

Dostojewski – Mochi

Das Gewissen schreit.
Die Vermieterin schreit auch.
Die Axt saust herab.

Das Gefängnis klärt den Kopf;
Ein Leben verschenkt durch Zorn.

Gustave Flaubert – Mochi

Sehnsucht nach mehr Welt;
Liebe, Besitz, Ansehen.
Es fehlt, es schmerzt, ach.

Emmas Lüge offenbar;
Gift und Leben sind tödlich.

John Steinbeck – Mochi

The power to choose
Is a gift given from god
used everyday

How does it make us human
in a life east of eden?

tbc.

 

Mehr Lesen:

Tanka Lyrik auf Wikipedia

Tanka Wissen und Beispiele

Nataschas Erbsensuppe

(von Jörg Olvermann)
Zutaten: Krieg und Frieden, Zeitgeschichte, Schicksal
Kulturkoloss: „Krieg und Frieden“ von Leo Tolstoi

Nataschas ErbsensuppeAm Cadillac Square in Downtown Detroit reiht sich zur Mittagszeit Food Truck an Food Truck. Umsäumt von den Hochhäusern der ehemals glanzvollen Autometropole warten sie geduldig auf die ersten Hungrigen, die gegen halb eins ihre mittelmäßig bezahlten Bürojobs verlassen, um sich ein bisschen frische Luft, einen Pulled Pork Burger oder ein paar fettige Enchiladas zu gönnen.
Natascha wischte sich die Finger an der weißen Spitzenschürze ab, zählte das Wechselgeld und fluchte leise. Warum nur, ähnelten sich diese verdammten Dollarscheine so sehr?
„Come on Natascha, relax!“, sagte Fürst André, zupfte sich die goldene Schärpe über der Zarenuniform zurecht, und winkte eine übergewichtige Passantin heran. Mit ausladender Geste verbeugte er sich und überreichte ihr einen Flyer.
Die zückte ihr Handy, machte mit Fürst André ein Selfie und versprach, in den nächsten Tagen auf jeden Fall vorbeizukommen, denn so einen Food Truck, nein also so einen, den habe sie hier noch nie gesehen.
Natascha beobachtete die beiden, vergaß darüber das Geldzählen und das Fluchen und hielt für einen Moment inne. Hätte man ihr noch vor sieben Monaten gesagt, wo sie heute stünde, sie hätte den- oder diejenige für verrückt erklärt. Für so verrückt, wie sie sich selbst damals gerne hätte erklären lassen wollen, um ihrer Strafe zu entgehen. Aber daraus wurde nichts.

6 Monate ohne Bewährung – wegen Beihilfe zur Brandstiftung im Zusammenhang mit einer politisch motivierten Straftat. Und das alles nur, weil sie Silvio die Garage überließ und, naja, und 50 Kanister Benzin.
Aber das war ihr altes Leben, und davor hatte sie ein ganz altes und davor eins, an das sie sich nur noch erinnern konnte, wenn sie ihr Fotoalbum hervorkramte, eines der wenigen Erinnerungsstücke, das sie nach Detroit mitnahm.
Erst am Vorabend hatte sie mit Fürst Andrés Tochter Caitlin darin geblättert.
Seite 1: Natascha als 8-jährige, auf einer Wiese zwischen blühenden Apfelbäumen. Das war einige Jahre nach ihrer Ankunft in der Soldatenstadt Wünsdorf bei der Berlin.
Seite 2: Natascha als 12-jährige, auf dem Schoß ihrer Großmutter, im Hintergrund die Orden des Großvaters, der im großen Vaterländischen Krieg bis nach Berlin marschierte und der dann so stolz darauf war, dass sein Sohn als General in die DDR entsandt wurde.
Ab Seite 7 änderte sich die Qualität der Bilder. Aus den instagramfiltergleich vergilbten Fotos des Kommunismus wurden beängstigend farbtreue Glanzabzüge der Nachwendezeit.

Die 90er Jahre, das war Nataschas Kriegszeit. Kaum vorbereitet auf das kapitalistische Deutschland sprang sie von Job zu Job, von Lover zu Lover. Anatol, ihr erster Mann, ein Spätaussiedler auf dem Donezk, schlug sie. Ricardo, ihr zweiter, hinterließ 50.000 Mark Schulden und eine Hepatitis B, die nur schwer ausheilte.
Und nach dem Krieg. Kam Silvio. Ihre Liebe zu ihm war so groß wie sein Bizeps, und so breit wie sein selbstsicheres Lachen. Silvio fuhr einen BMW, managte Fitnessstudios und verkaufte Sportnahrung. Fast 15 Jahre lang sah es so aus, als hätte Natascha das Glück gefunden. Sie waren mehr als ein Paar. Sie waren ein Team. Wenn die beiden nicht gemeinsam im Fitnessstudio waren, dann saßen sie in Nataschas Küche und tüftelten an neuen Kochrezepten für Leistungssportler. Und wenn Silvio nach stundenlangem Rühren, Kochen und Probieren genug hatte, dann holte er eine Konserve aus der kleinen Speisekammer und sagte zu Natascha:
„Proteine hin oder her, die beste Nahrung für einen Sportler ist und bleibt immer noch Erbsensuppe mit Schweinebauch.“
Es war so friedlich zwischen ihnen. Warum ist es einfach nicht so geblieben?

Dann stand plötzlich die Staatsanwältin auf und stach mit dem schwarzen Kugelschreiber in Nataschas Richtung:
„Sie, Frau Rostova, Sie haben durch Ihr Handeln in besonderer Weise dazu beigetragen, dass Menschen, die in unserem Land Schutz vor Krieg und Verfolgung suchen, lebensgefährlich verletzt wurden. Es ist bewiesen, dass sie im Auftrag ihres Lebenspartners Silvio Zeller 500 Liter Benzin in kleinen Rationen beschafften und in ihrer Garage für ihn lagerten. Sie haben Herrn Zeller auch eine alte NVA-Feldküche zur Verfügung gestellt, und das, obwohl sie gewusst haben mussten, dass Herr Zeller das Benzin in der Feldküche erhitzen würde, um es im Eingangsbereich der Erstaufnahmeeinrichtung an der Käthe-Kollwitz-Straße zu entzünden. Dass in den Etagen darüber bereits 35 Personen wohnten, dürften sie ebenfalls gewusst haben. Und sie wussten natürlich auch, dass Herr Zeller in der rechtsextremen Szene kein Unbekannter ist. Sie selbst haben ihn nach Zeugenaussagen immer wieder zu den Pegida-Demonstrationen nach Dresden begleitet.“ Natascha weinte. Ja, sie wusste es. Aber gleichzeitig wusste sie es auch nicht. Silvio hatte nie direkt über seine Pläne gesprochen. Er sagte nur: „Ich verteidige mein Vaterland, so wie es mein und dein Großvater getan haben.“ Natascha fand daran irgendwie nichts Schlechtes.

Am Tag ihrer Entlassung aus dem Gefängnis flog Natascha mit der ersten freien Maschine nach Moskau. Da saß sie nun, bei Tante Irina im 12. Stock eines Sowjetneubaus. Tante Irina goss Tee ein. Ihre Hände zitterten. Sie vergoss die Hälfte auf den Tisch.
„Was ist Tantchen, bist du nervös?“, fragte Natascha. „Hast du etwa Angst vor mir, weil ich im Gefängnis war? Es war eine dumme Sache, ich weiß. Ich habe meine Strafe abgesessen. Ich werde hier in Moskau ein neues Leben anfangen.“
„Hier in Moskau?“, Irina riss die ungläubig die Arme hoch, „Siehst du nicht, wie schlecht es uns allen geht? Es gibt kaum Arbeit, alles wird teurer. Wovon willst du leben?“
Natascha wischte mit einer roten Papierserviette den ausgegossenen Tee von der Tischplatte und ging schweigend in die Küche.
Tante Irina folgte ihr und legte die Arme um sie.
„Du hast ja Recht, Natascha. Ich bin aufgeregt. Aber nicht wegen dir, sondern wegen Fürst André.“
Natascha löste sich aus der Umarmung und drehte sich mit großen Augen zu Irina um. Irina lachte:
„Ja, meine Kleine, Fürst André ist in Moskau und als ich ihm sagte, dass du hierher kommst, da hat er sich sofort ins Auto gesetzt. So der Moskauer Verkehr will, ist er in einer halben Stunde hier!“
Fürst André war ein Cousin zweiten Grades und Nataschas große Jugendliebe. Sie lernten sich in der Soldatenstadt Wünsdorf kennen, als André dort einen Sommer bei den Rostovs verbrachte. All die Jahre hatte Natascha, wenn sie an ihn dachte, noch den Duft der Lindenbäume in der Nase, die in jener Sommernacht blühten, als sie sich hinter dem Offizierskasino zum ersten und einzigen mal liebten.
„Ach, Fürst André“, sagte Natascha betont ungerührt, „ich dachte der lebt jetzt in Chicago“.
„Detroit, mein Schatz, er lebt in Detroit,“ sagte Irina. „Er ist nur für ein paar Tage hier -geschäftlich. Er hat einen florierenden Handel mit alten Zarenuniformen aufgebaut, musst du wissen. Nur schade, dass er schon Witwer ist. Seine Frau hat sich wahrlich tot gefressen. Eine dicke Amerikanerin, die jeden Tag kiloweise Schokolade und süße Limonade in sich reingestopft hat. Über 250 Kilo soll sie am Schluss gewogen … Mit einem Kran haben sie die Leiche… Die Beerdigung musste ein Tierbestatter, einer der sonst mit Nilpferdleichen und so was… Also nein, Natascha, das kannst du dir nicht vorstellen.“
Natascha schaute prüfend an ihrem Körper herab. 54 war sie nun. Auch im Gefängnis hatte sie ihr Fitnessprogramm eisern durchgezogen. Ihr Körper war so ziemlich das einzige, worauf sie stolz war.

Als Fürst André in Irinas Wohnung trat, füllte seine Statur den ganzen Türrahmen aus. Verborgen in seinem dichten, mattgrauen Rauschebart erkannte Natascha sinnliche Lippen und Andrés zartgrüne Augen zeigten immer noch diese Mischung aus Sanftheit und Stärke, in die sich Natascha damals verliebt hatte.
Beide setzen sich an niedrigen Wohnzimmertisch. Tante Irina lief in die Küche.
„Unterhaltet euch“, sagte sie, „ihr habt euch ja so lange nicht gesehen.“
Aber Fürst André und Natascha sprachen kein Wort. Sie schauten sich nur in die Augen. Dabei war nicht zu erkennen, ob es peinlich leere oder unendlich bedeutungsschwangere Blicke waren, die beide austauschten.
Irgendwann, endlich, brach Fürst André das Schweigen:
„Weißt du, Natascha,“ sagte er, „ich könnte dich jetzt fragen, wie es dir in Deutschland in all den Jahren erging, warum du im Gefängnis warst und was du jetzt in Moskau vorhast. Und du könntest mich fragen, wie es mir in Detroit geht, wie ich über den Tod meiner Frau hinweggekommen bin und wie meine Geschäfte laufen. Wir könnten auch über unseren Sommer in Deutschland sprechen, über die Nacht hinter dem Offizierskasino und warum wir uns danach aus den Augen verloren haben. Liebe Natascha, wir könnten über so vieles reden, was das Leben uns Gutes und Schlechtes beschert hat. Aber weißt du, das ist alles wertlos. Denn immer gibt es irgendwo einen Krieg und irgendwo endet einer. In meinem Leben, in deinem, in dem Leben von 7 Milliarden Menschen gibt es so viel Elend und so viel Glück zur gleichen Zeit.“
Er nahm Nataschas Hand: „Ich halte es da lieber mit Tolstoi: Das Schwierigste, aber das Wichtigste ist, das Leben an sich zu lieben, auch wenn wir leiden. Denn das Leben ist alles. Das Leben ist Gott. Und das Leben zu lieben bedeutet, Gott zu lieben. Und deshalb frage ich dich, Natascha: Liebst du das Leben?“
Bevor Natascha antworten konnte, platzte Irina mit einer dampfenden Schüssel herein.
„Entschuldigt, dass es so lange gedauert hat“, sagte sie und füllte die tiefen Teller randvoll mit Pelmeni.

Die drei aßen schnell und viel. Dabei führte Irina einen nervösen und belanglosen Monolog über Putin, Obama und wie der Westen und die Moslems die russische Kultur zerstörten. Fürst André verabschiedete sich bald, sagte, er würde in einem nahe gelegenen Hotel übernachten und am Morgen zum Frühstück noch einmal wiederkommen. Nachdem er fort war, gingen Natascha und Irina ins Bett. Die Pelmeni lagen schwer im Magen.

In dieser Nacht hatte Natascha einen merkwürdigen Traum. Sie würde Fürst André nach Detroit folgen. Sie würde dort Erbsensuppe mit Schweinebauch in der alten NVA-Feldküche aufwärmen und an übergewichtige Amerikaner verkaufen. Fürst André würde in einer Zarenuniform neben der Feldküche stehen und Werbezettel verteilen. Sie wären glücklich. Und alles, was sie bisher in ihrem Leben erlebt hatte, würde einen Sinn ergeben.
Natascha wachte auf. Sie schlug die viel zu warme Bettdecke zurück und ging ans Fenster. Hinter den rauchenden Schornsteinen konnte sie die hellen Lichter Moskaus sehen. „Ja, ich liebe das Leben“ sagte sie und lachte.

Karriere mit Kohlrabi

(von Thanassis Kalaitzis)
Mara und Timo sind seit 9 Jahren verheiratet. Im Alter von 23 hatten sie kurzen Prozess gemacht und sich für ein Leben ohne böse Überraschungen, also ein gemeinsames entschieden.

Ein Kohlrabi in einer Damenhandtasche
© 2013 Thanassis Kalaitzis

Timo mit Ingenieursausbildung hatte direkt nach dem Studium eine Mittelschichtsstelle mit gut über 40Kilo Startgehalt p.a eingefahren, seither hatte sich die Zahlen jährlich um ein paar Kilo erhöht auf den Lohnabrechnungen des Energieproduzenten, für den er vor allem Effizient und Aufträge erzeugte.

Mara hatte eine Bankkauffrau abgeheftet im Dokumentenordner und nach nur zwei Jahren in der langweiligsten Filiale der Welt in Friedenau hatte sie gefühlte 20 Kilo mehr auf der Hüfte als Timo in die Filiale kam. Er plante auf Eigentumswohnung und hatte sich, wie alle Einkommensnachwüchsler, beraten lassen bis zum Umfallen. Er hatte einen Enthusiasmus und einen Optimismus an den Tag gelegt – das hatte sie beeindruckt und auch ein wenig verlegen gemacht. Verlegen und auch neidisch, weil sie sich, nur drei Monate älter als ihr Kunde, gelegentlich schon den Vorwurf machte, zuviel in den Tag hineinzuleben, zu oft zu machen, wonach ihr gerade war, auch wenn das hieß, nichts zu machen und keinerlei Zukunftspläne zu haben.

Das änderte sich, als sie dann mit Timo ging. Sie bewarb sich weg von der Bank und eine Stiftung schickte sie in die Entwicklungshilfe, erst als Buchhalterin für Projekte, dann auch an die Standorte in den Entwicklungsländern, weil ihr Interesse für die Arbeit vor Ort sichtbar wurde, ebenso wie ihr Gespür für Verhandlung und Strategie. Das waren vier wechselhafte Jahre gewesen, zwei Jahre davon mit mehreren Besuchen in Moldavien und zwei volle Jahre in Myanmar. Danach sollte das Baby kommen. Es wurde eine Fehlgeburt. Timo, der inzwischen selber viel unterwegs war, hing damals gerade in Venezuela fest, Wahlkampf, Streiks, in einem der wichtigsten Ölproduzentenland der Welt kein Flugbenzin. Mara hatte das damals alles nicht verstanden. Was sie in dem einem Jahr Berufspause verstanden hatte war, dass sie nie wieder wegen ihrer eigenen oder wegen der Karriereentscheidung eines anderen Menschen leiden wollte.

Sie hatte in der Stiftung gekündigt und sich lokal beworben. Die Ausflüge in die weite Welt waren schön und gut. Was sie in den Büros und den Hotelbars der Welt für Einblicke in die Politik des Managements bekommen hatte, von Firmen und Organisationen, die ihre zukünftigen Arbeitgeber hätten werden können, hatte ihr auch nach dem besten zureden von Timo nicht gefallen. Timo, der seit Venezuela zwischen Berlin und Brüssel pendelte, hatte sie lange zu überzeugen versucht, dass es wichtiger war, die richtigen Positionen zu suchen und nicht die dazugehörigen Aufgaben. Und Brüssel hatte seine Lust auf mehr Größe und mehr Macht angefacht. Schon nach einem Jahr in der europäischen Hauptstadt war er für Mara eine jener Personen geworden, wegen der sie ihre prestigträchtige Karriere beendet hatte. Maras Maß war die Herrschsucht dieser meist männlichen Personen ab, die sich vor allem in ihrer Manager-Sonne sonnten aber wenig Wärme in die Welt gaben. Sicher war sie sich damals noch nicht, ob Timo schon so einer war. Aber allein dass er ihr immer wieder sagte, dass sie sich nur hocharbeiten müsse, fand sie verdächtig. Nach der Erfahrung in der Stiftung hatte sie ernsthaft Zweifel, dass allein ihre gute Arbeit sie zu einer Managerin werden lassen würde. Wenn das so einfach war wie Timo immer wieder herunterbetete, wo waren denn die andren Frauen unter der Manager-Sonne? Warum saßen in den klimatisierten Eck-Büros nur klimakterische Männer mit entweder Übergewicht oder Über-Autos als Erfolgsanzeiger?

Mara entschied sich für das Angebot eines lokalen, sozialen Trägers an. Sie hatte gemischte Aufgaben, die von Anträgen über Interkultur nach Zielvereinbarungen reichten. Warum sie aber zugesagt hatte waren die wöchentlichen Besuche von Einrichtungen für Obdachlose, Prostituierte und Flüchtlinge. Ihr Job waren Menschen und keine Zahlen. Das wollte sie. Auch wenn es beschämend schlecht bezahlt wurde. Sie hatte ja noch Timos Kreditkarte.

Maras heutiger Tag war der Gesundheitsvorsorge für männliche Sexarbeiter gewidmet. Fast alle kamen aus Südosteuropa, nur wenige konnten Deutsch. Mara beriet die meisten mit Hilfe eines Dolmetschers, denn die Risiken dieser Arbeit war fast keinem der Jungs bewusst.

Sie liebte diese Tage mit den Menschen im Gegensatz zu ihrer früheren und jetzigen Papierarbeit. Papier, besonders digitales, war geduldig, es musste nur mit den richtigen Dingen beschrieben werden. Menschen konnte man nicht so passend machen. Und man brauchte nicht nach Moldavien oder Myanmar, Sumatra oder Sudan fahren, um das gleiche Elend, den gleichen Stolz, die gleiche Verzweiflung und den gleichen Lebensmut zu sehen, wie hier mitten in Berlin: in den Wärmestuben, in den Arztmobilen, in den Kleiderausgaben, in den Notküchen. Dort war Mara seit vier Jahren jede Wochen.

Dort wo man sich nicht den nächsten Kommissionsjob, den nächsten Prestigeposten, den nächsten aufgeblasenen Exotikurlaub wünschte, sondern sich damit begnügte, den nächsten Tag heil zu überleben, eine Schlafstatt zu haben, die man nicht im Einkaufswagen zum nächsten Standort schob, und wo man sich wünschte, nicht geschlagen oder vergewaltigt zu werden, nicht beklaut zu werden, unversehrt zu bleiben. Und selbst dieser kleine Wunsch wurde vielen, die Mara besuchte, nicht gewährt. Im Gegensatz zu jenen, die sich unermüdlichen als Manager Manager Manager bezeichneten, und die sich mehr einräumten, als sie brauchten und verdienten. Timo fand Maras Geisteswandel schäbig, fand sie unnötig sozial, sie solle an sich denken und wohin sie zusammen kommen könnten. Aber für zusammen irgendwo hin kommen, sah Mara zur Zeit gerade nicht den gemeinsamen Weg. Timo machte munter seine Dienstreisen mit 5Sterne – sie hatten eh kaum Zeit füreinander, für gemeinsame Schritte auf einem gemeinsamen Weg.

Als Mara mit ihrem Tag fertig war hatte sie unzählige Gespräche im Medizinmobil für die Sexarbeiter geführt. Sie hatte Jungs zwischen 18 und 28 beraten, hatte empfohlen, gemahnt, gefordert, getröstet, Ansagen und Mut gemacht oder war einfach nur als Mensch dagewesen, ohne Rang, ohne Machtgefälle. Danach beschloss sie, sich ein neues Kleid kaufen, mit der Gold-Kreditkarte Timos und dann zu Freunden in den Garten fahren. Entspannt, sie musste nicht Jemand sein – eine kleine Pause vom Leben als Administratorin und pausierende Ehefrau.

Mara hatte gute Laune, als sie mit ihrem kleinen Rover an der Bushaltestelle vor dem Büro die Fenster herunterließ und den olivhäutenen und unendlich gut aussehenden jungen Mann fragte, ob sie ihn mitnehmen könne. Sie fahre nach Neukölln Kreuzberg, Schöneberg Mitte, sie würde sich freuen. Er stieg tatsächlich ein und setzte sich mitten auf das blau-weiße Erste Hilfe-Paket das Mara seit der letzten Weihnachtsfeier mit Wichtelrunde auf dem Beifahrersitz zum Vergessen geparkt hatte. So lange fuhr sie also schon alleine dieses Auto. Dann wurde es ja Zeit, dass sich das änderte. Sie warf das Ding achtlos nach hinten und der junge Mann stellte sich als Mano vor. Ein äußerst reizenden Gespräch entspann sich, das, nicht ohne Maras Insistenz, zu einer abendlichen Verabredung wurde. Sie ließ Mano schließlich am Kottbusser Tor raus und fuhr mit gelöster Stimmung nach F-Hain weiter.

Wer weiß, was morgen passieren würde, vielleicht war heute ihr letzter Tag auf diesem Planeten. So oder ähnlich sagte das jedenfalls immer ihre 82jährige Nachbarin, die Mara immer eine Lebensweisheit mitgab, wenn sie das eine oder andere aus dem Supermarkt für Fr. Broranke mitbrachte. Fr. Broranke sammelte in ihrem Alter immer noch Flaschen zur Aufbesserung ihrer Rente – nach 47 Jahren Lebensarbeitszeit. Fr. Broranke hatte auch einen Deal mit der beiliegenden Gartenkolonie, Blumen und Früchte sammeln zu dürfen. Was sie verkaufte, durfte sie behalten, was nicht, verbrauchte sie selbst.

Als Mara knapp zwei Stunden später in ihrem neuen Kleid vor dem Garten ihrer Freunde ausstieg, war ihr leicht ums Herz. Sie erhielt ein neidloses Lob von der Gastgeberin, die ihr zu dem Schwarzen, sommerlich Ärmellosen gratulierte. Besonders gefielen ihr das diskrete graue Blättermuster und die silbergrau abgesetzten Kanten. Vom Gastgeber erhielt sie einen Kohlrabi, den er gerade geerntet hatte und eine freundliche Umarmung mit einem Kompliment zu ihrem Aussehen, Dann gab es Kaffee und Gespräche, die Sonne schien noch sehr heiß, es würde ein wunderbarer Sommerabend werden. Der Kohlrabi landete in der Handtasche, die sie schon mit noch zu erledigenden Unterlagen vollgestopft hatte. Fr. Broranke würde sich sicher über das gemüsige grüne Geschenk freuen. Und ihr wieder einen guten Rat mitgeben. Heute vielleicht: Denken sie auch mal an sich und legen sich einen gutaussehenden Liebhaber zu. Oder: Trennen sie sich endlich von diesem Langweiler. Welchen sollte sie beherzigen?

Vielleicht einfach beide. Fuck Goldkreditkarte. Fuck Timo. And Fuck Mano. Heute abend.

Stachelbeeren und Melonentorte

(von Jörg Olvermann)

Stachelbeeren im Schwalbennest

Abends schrieb Lena in ihr Tagebuch:
–    Eine Scheibe Pumpernickel
–    Ein halber Apfel
–    100 Gramm Magerquark
ist gleich 189 Kilokalorien.
Das war unter 200. Das war gut. Die 200er Marke hatte sie erst vor einigen Wochen aufgestellt. Davor waren es 250 und davor 300. Angefangen hatte sie irgendwann mal mit 1.000 Kalorien pro Tag, aber das musste schon Monate her sein.

Am nächsten Morgen stellte sich Lena auf die Waage. Ihre Mutter heulte bereits, bevor die elektronische Anzeige das Ergebnis verkündete: 39,8 Kilo. Lena betrachtete sich im Spiegel. Dort, wo ihre Mutter nur noch die abgemagerten Reste ihrer 14 jährigen Tochter erkannte, sah sie ein trauriges Mädchen, das ihr immer noch ein wenig zu dick erschien. Trotzdem war sie auch ein bisschen stolz.
Unter 40 – das war die magische Pforte, an der die elterliche Fürsorge, das Bitten und Betteln der Oma, doch endlich anständig zu essen und der wöchentliche Gang zum  Kinderpsychologen ein Ende hatten. Lena wurde in eine Spezial-Klinik eingewiesen – weit weg von zu Hause. Und alles ging viel schneller, als sie es erwartete. Die Ärzte sprachen von „Lebensgefahr“, „ernsthaften Entwicklungsstörungen“, einer Situation, die so „nicht hinnehmbar“ war.

Und so begab es sich, dass sich die gesamte Familie nur 3 Tage später in den Zug setze und die lange Fahrt in die große Stadt auf sich nahm. Sie hatten ein ganzes Abteil für sich. Lenas Mutter weinte, Papa vergrub sein Gesicht hinter der Sportbild, Lenas Schwester whats appte mit ihren Freundinnen und stöhnte in regelmäßigen Abständen, wenn es kein Netz gab.
Dabei griff sie immer wieder in Omas Tupperware-Schüssel mit dem Streuselkuchen, von dem Oma eigentlich hoffte, dass Lena ihn aß. Opa nahm auch ein Stück heraus, hielt es Lena unter die Nase und sagte:
„Du musst doch nur essen, mein Schatz, dann wird alles gut.“
Darauf hin rastete Lenas Mutter endgültig aus, sprang auf und schrie:
„Ihr macht es euch doch alle viel zu einfach!“

Die Klinik, in die Lena gebracht wurde, war auf essgestörte Kinder und Jugendliche spezialisiert. Lena zog in die Wohngruppe „Schwalbennest“ im zweiten Stock eines freundlichen Neubaus, dessen Rückseite an einen kleinen Park grenzte. Neben Lena wohnten hier sieben weitere Kinder, deren Namen sie schon kurz nach der Ankunft auswendig kannte, ebenso wie deren Kurzbiographien. Da gab es Dennis, den Psycho der schon mal geritzt hat, Nele, die mit 17 immer noch nicht ihre Tage hatte und ihre Zimmernachbarin, Maria, die mit den rot unterlaufenen Augen, die auch 14 war aber bulemisch, also im Gegensatz zu ihr nicht zu wenig aß, sondern sehr viel, das dann aber wieder auskotzte. Deshalb blieb das Bad ihrem Zimmer auch abschlossen. Lena und Maria durften nur hinein, wenn ein Betreuer dabei war.

Der Tagesablauf im Schwalbennest war straff organisiert. Morgenrunde, Frühstück, Einzeltherapie, Ruhezeiten, Zwischenmahlzeit, Gruppentherapie und so weiter.
Das Klinikgelände verlassen durfte man für 2 Stunden am Nachmittag, aber nur, wenn die festgelegten Gewichtsziele erreicht wurden.
Die Mahlzeiten waren reichhaltig und mussten immer gemeinsam eingenommen werden.  Mit dem Essen tat sich Lena furchtbar schwer. Manchmal dauerte es über 30 Minuten, bis sie ein halbes Brötchen aufessen konnte. In ihren Gedanken kreiste danach alles darum, wie sie die gerade verspeisten 160 kcal am schnellsten wieder loswerden konnte. Sport war im Schwalbennest aber streng verboten und dazu zählte schon schnelles Gehen auf dem Flur oder Seilhüpfen im Park.
Trotzdem: Lena hatte hier zum ersten Mal seit langer Zeit das Gefühl, ein wenig zur Ruhe zu kommen. Außerdem waren die Betreuer cool! Sie waren viel jünger als die Eltern, hießen Eva, Jonas, Josy und Ben und sie redeten mit ihr wie mit einer Erwachsenen.
Und dann gab es natürlich Amira. Amira, die war nun wirklich super mega terra endcool. Lena fand, dass sie aussah wie die Caro aus „Berlin Tag und Nacht“, mit den langen schwarzen Haaren, dem Nasenring und dem tätowierten Schwarzen Adler am Hals. Die vielen Festivalbändchen am Armgelenk kündeten außerdem von einem ausschweifenden Party-Leben.
Amira war die Leiterin der so genannten Genussgruppe. Hier sollten die Kinder lernen, Lebensmittel nicht nur auf ihren Kaloriengehalt zu reduzieren, sondern wieder Freude finden am Riechen, Schmecken und Essen. Immer montags, mittwochs und samstags kam Amira auf die Station und brachte einen großen Weidenkorb mit, der mit einem karierten Tuch bedeckt war. Sie erzählte, dass Sie gerade von einem Wochenmarkt, von einem Bio-Bauern oder aus einer Gärtnerei kam. Amira verband dann allen die Augen und bat die Kinder, eine Hand auszustrecken, in die sie dann etwas aus dem Weidenkorb legte.
„Fühlt mal vorsichtig, was da in Hand liegt. Nehmt euch Zeit, es anzufassen“, sagte Amira, die mit einem merkwürdigen Akzent sprach, den Lena nicht zuordnen konnte.
Vorsichtig betastete Lena den Inhalt ihrer Hand. Er war rund und prall. Etwa so groß wie eine Murmel. Aber viel leichter. Und ein bisschen haarig. An einem Ende hatte die Kugel eine kleine Einkerbung, an der anderen Seite so etwas wie einen Stachel – Ja, es war eine Stachelbeere.
„Wenn ihr Lust habt, nehmt es Mund und beisst hinein. Konzentriert euch darauf, wie es sich anfühlt und wie es schmeckt“, sagte Amira weiter.
Lena war aufgeregt. Sicher, 100 Gramm Stachelbeeren hatten nur 44 Kalorien, diese eine, die ja höchstens 5 Gramm wog dann ja nur etwa 2. Aber je mehr sich Lena vorstellte, die Frucht tatsächlich essen zu müssen, umso größer wurde sie in ihrer Vorstellung. Auf ihrer Stirn bildeten sich Schweissperlen. Ihre Hand verkrampfte, so dass sie die Beere fast zerdrückte. Schließlich stopfte sich die Stachelbeere in den Mund und begann, mit großen Kaubewegungen auf der Frucht herumzubeissen. Die Frucht platzte und die schleimigen Samen füllten ihren Gaumen. Lena kaute immer schneller und die Menge an Fruchtfleisch schien jetzt immer größer und größer zu werden. Schließlich kam es ihr vor, als hätte sie eine ganze Wassermelone im Mund. Sie wollte jetzt nur schnell runterschlucken und Amira anlächeln, aber statt dessen gab sie ein alienmäßiges Würgegeräusch von sich und spuckte alles in hohem Bogen aus.
Maria, die ihr gegenüber saß, schrie auf und wischte sich Stachelbeerschleim aus dem Gesicht:
„Lena, du Spast! Überlass das Kotzen einfach mir, okay?!“, rief sie genervt.
Zuhause wäre das jetzt stundenlang Thema gewesen. Hier im Schwalbennest machte niemand um so eine Sache großen Wirbel. Amira wischte mit einem Taschentuch die Reste vom Boden, lächelte Lena an und fragte:
„Möchtest du uns erzählen, was du gerade erlebt?“
Lena schüttelte ihren hochroten Kopf. Damit war die Sache erledigt.

Das heißt nicht ganz. Im Schwalbenest wurden Vorfälle wie das Stachelbeerkotzen natürlich genau registriert. Bei der nächsten Einzeltherapie hakte Frau Dr. Schmalenberg  – die Therapieverantwortliche und einzige im Betreuer-Team, die nicht geduzt werden durfte – nach:
„Lena, versetz dich noch mal hinein in die Situation in der Genussgruppe. Was war das Schlimmste für dich?“
Lena musste lange nachdenken. Dann sagte sie:
„Ich habe Amira enttäuscht.“
„Glaubst du denn, du musst essen, damit Menschen um dich herum nicht enttäuscht sind?“, fragte die Schmalenberg.
„Klar, meine Mutter ist ja auch traurig, weil ich nicht esse“, antwortete Lena.
Nehmen wir mal an, Amira oder deiner Mutter wäre es total egal, wie, wann wieviel oder was du isst? Und sie würden dich trotzdem mögen, so wie du bist? Wäre es dann leichter?“ Die Schmalenberg nagte nun an ihren Bleistift und wartete gespannt auf Lenas Antwort.
„Ich weiß es nicht, aber vielleicht sollte ich mich gar nicht um so sehr andere kümmern, sondern eher alleine für mich entscheiden?“, fragte Lena unsicher zurück.
„Das solltest du einfach mal ausprobieren“, sagte Frau Dr. Schmalenberg zufrieden und notierte mit dem Bleistift etwas auf dem Zettel, der in ihrem Schoß lag.

Und dann kam der Nachmittag, an dem Lena die Klinik zum ersten Mal allein verlassen durfte. Auf dem Bürgersteig vor dem Schwalbennest fielen ihr zunächst die Pflastersteine auf. Hier waren sie rautenförmig angeordnet, zu Hause hingegen in geraden Linien verlegt.  Lena begann die Pflastersteine auf ihrem Weg zu zählen. 1,2,3,4,5,6. Natürlich kam sie beim Zählen immer wieder durcheinander. Sie begann dann einfach wieder von vorne.
Und dann kam sie auf eine Idee: Die höchste Zahl, die sie heute „er-zählte“ wollte sie sich merken, und dann etwas essen, das genau jene Anzahl an Kalorien besaß.
Als Lena bei etwa 370 wieder einmal beim Zählen durcheinander geriet, blickte sie auf. Sie stand vor der Eingangstür eines Cafés mit einer riesigen Kuchentheke.
Sie ging hinein.
„Was darf‘s denn sein?“, fragte die Verkäuferin, die einen Nasenring trug genau wie Amira.
„Ein Stück Stachelbeerkuchen“, sagte Lena.
„Gern. Mit Sahne?“, fragte die Verkäuferin.
Lena schüttelte energisch den Kopf. 370 Kalorien hatte der Kuchen sicher schon alleine.
„Jut, bring ick dir, meine Kleene“, sagte die Verkäuferin und drehte sich Richtung Kuchentheke.
Lena legte das Geld auf den Tresen und setzte sich an einen der kleinen Bistro-Tischchen am Rande.
Sie war jetzt wirklich aufgeregt.

Melonentorte im Goldbrunnen

„Ich bin Jüdin“, sagte sie.
„Und ich war ein echter Nazi, sagte er.
„Du warst kein echter Nazi. Du warst ja noch ein Kind“, sagte sie und lächelte.
„Welches Baujahr bist du?“, fragte sie weiter.
„28. Mein Bruder Siggi ist Jahrgang 23. Mein Vater ließ ihn am Abend der Machtergreifung mit einer Fackel durchs Dorf marschieren. Ich durfte mit, obwohl es schon spät war. Mitten auf dem Dorfplatz lief er im Kreis. Und ich stand mit Vati und unserer polnischen Magd Agnieszka am Rand und applaudierten“.
„Ihr hattet eine polnische Magd?“, fragte sie.
„Ja, wir lebten doch in Westpreussen nahe der Grenze. Viele Polen lebten dort. Agnieszka war wunderbar. Nach dem frühen Tod meiner Mutter war sie wie eine Ersatzmutter für uns.“
„Und was ist dann während der Nazi-Zeit mit ihr passiert?“, fragte sie und schob sich ein Stück Melonentorte in den Mund.
„Sie blieb bis 39 bei uns. Ein, zwei Tage nach Kriegsausbruch ist sie dann verschwunden. Mein Vater hat nie darüber gesprochen, aber ich glaube er hat sie weggeschickt. Es wurde zu gefährlich für sie. Sie zog zurück zu ihren Eltern nach Krakau. Ihr Bruder war Pfarrer. Sie hat den Krieg wohl überlebt“, sagte er.
„Jaja, damals ging es nur ums Überleben“, sagte sie.

Nachdem Rosa diesen Satz gesagt hatte, wurden Gustavs Augen feucht.  Er schaute sich um. In den kleinen Café, in dem er sich mit Rosa verabredet hatte, waren kaum Tische besetzt um diese Zeit. Nur direkt neben ihnen saß ein schüchternes Mädchen vor einem Stück Stachelbeerkuchen und starrte aus dem Fenster. Dann wandte sich Gustav wieder an Rosa:
„Und, Rosa, wenn du Jüdin bist, wie hast du denn überlebt?“
Rosa legte die Kuchengabel aus der Hand und tupfte sich den Mund mit einer Serviette ab.
„Meine Eltern, also mein Vater und mein Onkel, die hatten ja ein großes Herren-Ausstatter-Geschäft am Hackeschen Markt. Der Laden ging über 4 Etagen. Unterwäsche, Hemden, Hosen, Anzüge, Fracks, Hüte und so weiter.  Unser Glück war, dass meine Oma eine sehr kluge Frau war. Sie hat Hitlers Aufstieg schon früh vorhergesagt und meinte immer: Wenn der dran kommt, dann sind wir alle tot. Ich glaube sie war die einzige in Deutschland, die „Mein Kampf“ wirklich gelesen hat“, sagte Rosa.
„Ja und dann? Was habt ihr gemacht, als Hitler an die Macht kam?“, wollte Gustav wissen.
„Erst mal nichts,“ sagte Rosa, „bis 1938 erst mal gar nichts. Mein Vater war stur und wollte in Berlin bleiben. Es war ja seine Heimat. Erst nach der Kristallnacht konnte sich meine Oma durchsetzen. Wir haben das Geschäft an einen befreundeten Kaufmann verkauft. Herrmann Kugler. Der hatte schon ein Damenmodegeschäft in der Linienstraße. Er hat uns einen guten Preis bezahlt.“
„Und dann seid ihr ausgewandert? Nach Montevideo?“, fragte Gustav.
„Nicht so schnell Gustav, nicht so schnell. Wie heißt es doch: So schnell schießen die Preussen nicht!“, sagte Rosa. Sie lehnte sich zurück und nahm einen Schluck Kaffee.
„Herrlich,“ sagte sie, „fast so wie gut wie in Südamerika. Nur diese Melonentorte – die schmeckt nach gar nichts. Ich hätte besser Stachelbeere genommen,“ sagte Rosa und deutete auf den Nachbartisch, wo der Stachelbeerkuchen immer noch unberührt auf dem Kuchenteller vor dem jungen Mädchen lag.

Gustav und Rosa kannten sich seit etwa 6 Stunden. Erst am Morgen dieses schönen Sommertages hat er sie gesehen. Sie trug ein strahlend weißes Sommerkleid mit Spitzenbesatz und beige Damenhandschuhe.
„Willkommen in ihrem neuen Zuhause, Frau Perlzweig“, begrüßte sie der Portier der Senioren-Residenz Goldbrunnen.
Die Residenz war in einem frisch renovierten Altbau der Universitätsklinik untergebracht und bestand aus großzügigen 2-Zimmer-Wohnungen, die nach modernstem Standard barrierefrei und pflegegerecht ausgebaut worden waren. Hinter dem Gebäude lag ein kleiner Park, zu dem auch die neu angebrachten Balkone ausgerichtet waren. Im Goldbrunnen gab es 24 Stunden Full Hotel Service und beste medizinische Versorgung. So versprach es zumindest die Broschüre.
Gustav, der gerade von einem kleinen Spaziergang im Park zurückkehrte traf also im Foyer auf Rosa und der Portier witterte sogleich die Chance, die beiden bekannt zu machen.
„Herr Schulz, darf ich Ihnen unsere neueste Bewohnerin vorstellen. Frau Perlzweig.“
„Angenehm, sagte Gustav. Ich heiße Gustav Schulz und wohne im 2. Stock. Parkseite.“
„Angenehm, Rosa Perlzweig. Ich komme aus Montevideo.“
„Montevideo. Und was verschlägt sie dann nach Berlin.“
„Das ist eine lange Geschichte, Herr Schulz. Aber wenn sie mir Gelegenheit geben, mich ein paar Stunden auszuruhen, dann können wir uns gern zu einem Nachmittagscafé verabreden, sofern ihre Gattin nichts dagegen hat.“
„Äußerst gerne, liebe Frau Perlzweig“, sagte Gustav, „meine Gattin hat mir auf dem Sterbebett zugeredet, ich möge nach ihrem Tod noch viele schöne Jahre haben. Um 15 Uhr also im Café hier vorne an der Ecke?“. Sein Herz pochte. Rosa nickte und erschien Punkt 15 Uhr in einem gestreiften Kostüm und einem rosé farbenen Damenhut.

„Also lieber Gustav,“ setzte Rosa ihre Geschichte fort, „als mein Vater das Geschäft 38 verkaufte, da ließ er sich den Kaufpreis vom Kugler in Gold auszahlen. Mit den Reichsmark hätten wir ja woanders nur schwer was anfangen können. Meine Eltern und mein Onkel sind dann zuerst nach Lissabon gezogen. Dort war es für Juden einigermaßen sicher und meine Mutter wollte sowieso schon immer ans Meer. Um aber bei der Ausreise nicht aufzufallen sollten meine Schwester und ich über einen anderen Weg dorthin gelangen. Uns schickte man deshalb zu einem befreundeten Diamantenhändler nach Antwerpen. Wir kamen im August 39 dort an und wenige Tage später brach der Krieg aus.
„1. September 39“, fiel ihr Gustav ins Wort. „Mein Bruder war gerade 16 geworden und war so traurig, dass er noch zu jung war für die Wehrmacht und nicht mit einmarschieren durfte in Polen“.
„Und wir, wir waren voller Angst, weil alle ahnten, dass Hitler bald auch in Frankreich und Belgien einmarschieren würde. Es wurde zu gefährlich für uns. Aber es dauerte dann aber über ein halbes Jahr, bis wir endlich gefälschte Pässe in der Hand hatten und gefahrlos nach Lissabon weiterreisen konnten. Von dort, sind wir auch direkt aufs Schiff nach Südamerika“.
„Was für ein Glück ihr doch hattet“, sagte Gustav.
„Ja, die Perlzweigs haben immer Massel. „ Die Masselzweigs“ hat uns unsere Mutter genannt. Und weißt du, wie wird das Gold vom Kugler durch die Welt geschmuggelt haben? Mein Vater hat‘s in die Koffer einnähen lassen. Münze für Münze. In Montevideo hat er einfach die Koffernähte aufgetrennt und das Gold wieder rausgeholt.
„Mein Vater hat mit dem Krieg alles verloren. Das Gutshaus in Preussen, das Aktienvermögen. Und alles, woran er geglaubt hat. Zum Glück ist es mir besser ergangen. Ich habe in Westberlin nach dem Krieg ein Autohaus gegründet.“
„Sag mal Gustav,“, unterbrach ihn Rosa und flüsterte. „Das Mädel neben uns sitzt jetzt schon seit einer halben Stunde und hat noch nicht mal die Hälfte von ihrem Kuchen aufgegessen. Ob ihr schlecht ist? Sie ist ja so mager, als käm sie grad aus dem KZ.“
„Ach, die jungen Leute heutzutage. Wer weiß, was sie hat. Und wenn man sich einmischt, dann is es auch nicht recht“, murmelte Gustav.
„Leiser Gustav, sie kann uns doch hören.“ Rosa überprüfte ihre Vermutung und schaute das Mädchen jetzt direkt an. Das Mädchen lief rot an und schaute schnell wieder in die andere Richtung.
„Montevideo. Wie ist es euch dort ergangen?“, fragte Gustav.
Rosa nahm Gustavs Hand:
„Wie soll es denn Masselzweigs schon ergehen. Mein Vater hat wieder Herren-Geschäfte eröffnet, und Damen-Geschäfte, und Hut-Geschäfte. Mein Gott. Er hat viel gearbeitet aber er hat auch viel, viel Geld verdient.“
„Und warum ziehst du nach Berlin,“ fragte Gustav.
„In Montevideo is ja keiner mehr. Meine Eltern und mein Onkel sind lange tot. Meine Schwester auch. Mein Sohn Yossi ist in den 80ern nach Israel ausgewandert. Aber da ist es mir zu heiß. Außerdem lebt meine Enkelin hier.“
„Rosa zog ein Foto aus ihrer Handtasche.
„Schau, da ist sie. Das ist Amira.“
Gustav bemerkte, wie die Blicke des jungen Mädchens vom Nachbartisch langsam zu ihnen herüber wanderten.
„Sie ist ein gutes Mädchen. Ach, Mädchen. 30 mag sie jetzt auch schon sein. Vor 6 Jahren ist sie aus Tel Aviv nach Berlin gezogen. Sie hat‘s nicht mit den Männern weiß du, und soe lebt mit einer Frau zusammen. Yossi hat deshalb ein Theater gemacht. Aber ich halte zu ihr. Wenn nur dieser Indianderschmuck nicht wäre, grauenhaft, oder? Wie sich die jungen Leute zurichten.“ Rosa deutete auf das Foto von Amira, die einen Nasenring trug und einen tätowierten Schwarzen Adler am Hals.
„Gustav, ich hab eine Idee. Amira weiß noch nichts von meiner Ankunft, aber ich weiß wo sie arbeitet. In der Klinik hinter der Residenz Goldbrunnen. Wollen wir sie da morgen überraschen?“, schlug Rosa vor.
Plötzlich mischte sich das Mädchen vom Nachbartisch ein:
„Morgen ist Amira nicht da. Sie kommt erst am Mittwoch wieder!“, sagte das Mädchen und fuhr fort:
„Ich bin Lena, und ich wohne gerade in der Klinik, in der Amira arbeitet, wissen Sie?“
„Ach, so ein Zufall. Du kennst Amira also?“, fragte Rosa und schob das Foto Lena entgegen.
„Ja, das ist sie. Sie ist so cool!“, sagte Lena.
„Und sag mal, mein Liebes, warum wohnst du dort in der Klinik?“, fragte Rosa
„Ich muss lernen, wieder normal zu essen“, sagte Lena und senkte den Kopf
Rosa schaute auf Lenas leeren Teller.
„Na schau,“ sagte Rosa, „der Stachelbeerkuchen hat dir schon mal geschmeckt.“
Lena nickte und begann zu lächeln.
Dann verließen die drei gemeinsam das Café und verabredeten sich für Mittwoch in dem kleinen Park, der zwischen der Klinik und der Residenz Goldbrunnen lag.

Im Schacht

(von Judith H. Strohm)

Apfelbaum gab das Rufen auf, zumindest für den Moment. Später würde er es noch einmal versuchen, aber jetzt fürchtete er, dass er gleich heiser würde, wenn er seine Stimme weiter entlang der gemauerten Wände Richtung Himmel schickte.

Fünfzehn Meter war der Schacht wohl tief, vielleicht sogar zwanzig, aus rotbraunem Ziegelstein gemauert. Vor hundert oder hundertfünfzig Jahren gebaut, schätzte Apfelbaum. Es war kühl dort unten, es roch ein wenig nach vermoderten Blättern und Lehm und so vermutete Apfelbaum, dass der Schacht wohl tief in die Erde reichte, vielleicht ein ehemaliger Brunnen.

Apfelbaum hatte keine Ahnung, wie er hier hineingeraten war. Das letzte, woran er sich erinnerte war, dass er sich auf dem grünen Sofa in seinem Wohnzimmer zum Mittagsschlaf hingelegt hatte, so, wie er es an jedem Sonntagnachmittag tat. Nur dass er nicht auf seinem bequemen Sofa aufgewacht war, sondern in diesem gemauerten Schacht, über dem die Sonne gerade günstig stand und ihn wärmte.

Apfelbaum setzte sich auf den trockenen Schachtboden und betrachtete die Asseln und Käfer, die auf den Ziegelsteinen an den Wänden herumkrabbelten und in den Ritzen verschwanden. Was um alles in der Welt hatte ihn hierhin verschlagen?

Mit einem Satz sprang Apfelbaum auf. Wenn er hier unten nicht elendig verdursten wollte, musste er schleunigst einen Weg nach draußen finden. Er begann, die Wände nach einem Vorsprung abzutasten, irgendetwas, das ihm Halt geben, an dem er sich Richtung Himmel ziehen konnte. Doch wo er auch fühlte und tastete, es gab nichts anderes als glatte Ziegel und Mörtel dazwischen. Kein Halt, nirgends.

Noch einmal begann Apfelbaum zu rufen: „Hilfe! – Ich bin hier unten! – Kommen Sie hierher! – Retten Sie mich!“ Alleine – so laut er auch rief, sein Flehen blieb ohne Antwort.

Apfelbaum wurde wütend. Er begann gegen die Wand zu treten, bis seine Zehen schmerzten und gegen die Ziegelsteine zu schlagen und zu boxen, bis seine Hände von blutigen Rissen überzogen waren. Erschöpft setzte er sich wieder auf den Boden und weinte. Bis zum Abend beobachtete er teilnahmslos die Asseln und Käfer, die die Mörtelfugen offenbar den Steinen vorzogen, er folgte den Schatten, die über die Mauer wanderten und schlief schließlich ein, den Kopf auf die an den Körper gezogenen Knie gelegt.

Am nächsten Morgen erwachte er mit steifem Nacken und drehte den Kopf so lange in alle Richtungen, bis er den Blick wieder bis ganz nach oben richten konnte, dorthin, wo zarte Wolken über den blassblauen Himmel wanderten. Wieder verbrachte er eine Weile mit Rufen, wieder war es ergebnislos. Irgendetwas musste er sich einfallen lassen, die Zeit drängte.

Doch zu seiner Überraschung stelle Apfelbaum fest, dass er weder Hunger noch Durst verspürte. Er fühlte sich vielmehr so, als hätte er eben erst die Frikadellen, das Kartoffelpüree und die gemischten Erbsen und Möhren verspeist, sein Lieblingsgericht, das er gerne Sonntags aß, bevor er sich auf dem grünen Sofa zum Mittagsschlaf legte.

Apfelbaum betrachtete weiter die Insekten an der Wand, irgendwoher tauchte eine Spinne auf. Doch vor allem war es eine Maus, die ihn jäh aus seinen Gedanken riss. Ohne ihn weiter zu beachten, lief sie von rechts nach links an ihm vorbei, hielt zwischendurch kurz inne, schnupperte und verschwand dann in einem Loch zwischen zwei Mauersteinen. Als Apfelbaum bemerkte, dass seine angeschlagenen Hände viel schneller als üblich geheilt waren und dass die Maus auch an den folgenden Tagen exakt so wie beim ersten Mal von rechts nach links an ihm vorbeilief, kam ihm allmählich der Gedanke, dass er nicht bereits tagelang hier unten saß, sondern den gleichen Tag immer und immer wieder erlebte. Jedes Mal, wenn er erwachte, hatte er also erst kurz zuvor Frikadellen, Kartoffelpüree sowie Erbsen und Möhren gegessen, und diese Tatsache beruhigte Apfelbaum sehr.

Um seine These zu überprüfen beobachtete er die Asseln und Käfer genau, gab ihnen Namen, ebenso benannte er die Mörtelfugen, auf denen sie wanderten und nach wenigen Tagen sagte er nur Sekunden bevor eine Assel vorbeilief voraus: „Nun läuft Egbert die Brunnengasse entlang bis zur Mäuseallee, biegt dort nach rechts und verschwindet schließlich in einem Hauseingang auf der Käferstraße.“ Als Apfelbaum die Vorgänge dann genauso beobachtete, klatschte er begeistert in die Hände.

Es folgten Tage der intensiven Beschäftigung. Apfelbaum beobachtete jetzt nicht mehr nur das Geschehen am Grunde des Schachtes, irgendwann hatte er allen dort sichtbaren Lebewesen Namen gegeben. Schließlich richtete er seine Aufmerksamkeit auch zu diesem kleinen, weit entfernten Himmelsfenster. Auch den vorbeiziehenden Wolkenformationen gab er Namen – ein Schaf, Frankreich, eine Banane – und bezog sie in seine Vorhersagen mit ein: „Egbert wird von der Brunnengasse zur Mäuseallee laufen, während oben das sechseckige Frankreich vorüberzieht.“

Auf Tage der begeisterten Beschäftigung folgten Tage des resignierten Nichtstuns. Manchmal rollte er sich einfach nur am Boden des Schachtes zusammen und dämmerte der nächsten Nacht entgegen.

Eines Tages, Apfelbaum lag schon seit Stunden auf dem Rücken und betrachtete den Himmel, entdeckte er dort oben, sehr weit entfernt einen Vogel und war plötzlich sehr aufgeregt.

Wie lange saß er nun schon hier unten? Hatte sich der Tag schon zwanzig Mal oder gar dreißig Mal wiederholt? Wie hatte er diesen großen Vogel, vermutlich war es eine Wildgans, bislang nicht entdecken können? Oder hieß das etwa, dass sich nun etwas ändern würde, dass es nicht mehr derselbe, sondern ein anderer, ein neuer Tag war? Apfelbaum schöpfte Hoffnung. Doch am nächsten Tag musste er feststellen, dass die Wildgans wieder vorbeiflog und wohl schon immer zu dem Wolkenbild Birne dazugehört hatte. Er hatte sie bisher einfach übersehen.

Dennoch verfing sich das Bild der Gans, die mit kräftigen Flügelschlägen durch das Himmelsfenster flog, in Apfelbaums Gedanken.

„So wie diese Gans“, dachte Apfelbaum, „genauso müsste ich fliegen können.“ Doch sofort wischte er diesen absurden Gedanken beiseite. Eigentlich neigte er nicht zu solch lächerlichen Ideen.

„Menschen, die fliegen“, dachte Apfelbaum, „was für ein Quatsch!“

Und doch ließ ihn diese Idee nicht mehr los.

„Können Mäuse fliegen?“, fragte er die Maus, als sie an diesem Tag pünktlich wie immer von rechts nach links lief und ihn wie üblich keines Blickes würdigte.

Noch mehrmals suchte er die Wände nach Klettermöglichkeiten ab. Tagelang verbrachte er damit, um Hilfe zu rufen, zu flehen, zu betteln. Doch auch wenn seine Stimme stetig kräftiger wurde und sein Rufen immer lauter, so blieb es doch weiterhin offensichtlich ungehört.

Und irgendwann, Apfelbaum konnte nicht sagen, ob es einen konkreten Anlass gab, irgendwann, dachte er, dass er sich diesen absurden Gedanken ans Fliegen, wohl doch zugestehen musste, wenn er jemals wieder hier herauskommen wollte. Und so begann Apfelbaum, sich das Fliegen vorzustellen. Apfelbaum überlegte, wie er seine Arme großen Schwingen gleich zu beiden Seiten des Körpers auffalten, wie er damit in der Luft rudern und tatsächlich so etwas wie Halt finden würde. Er stellte sich vor, wie er mit nur wenigen Armschlägen die Schachtmauern empor und dem Himmel entgegenfliegen würde und träumte davon, wie eine warme Brise ihn weit weg trug.

Tagsüber stand Apfelbaum jetzt am Grund des Schachtes und übte die Bewegungen. Was ihm zunächst lächerlich, um nicht zu sagen wahnsinnig vorkam, entwickelte sich zu einem gewissenhaften Training. Die wenigen Minuten, in denen die Gans am Himmelsfenster vorbeizog, wurden zu den wichtigsten des Tages. Apfelbaum versuchte, immer neue Details ihrer Bewegungen zu erkennen und diese in sein Übungsprogramm zu übernehmen. Und je mehr er übte, desto mehr glaubte Apfelbaum schließlich, dass er es eines Tages schaffen, dass er wirklich aus diesem Schacht hinausfliegen würde.

„Ich kann fliegen“, sagte er irgendwann voller Überzeugung zu sich selbst und schlief sehr zufrieden ein.

Blut und Wasser

(von Thanassis Kalaitzis)

Auf einer Landstrasse zwischen Edirne und Kastania treffen zwei Familien aufeinander.
Die eine Familie mit einem Pferdewagen. In dem sitzen die Alten, zwei Frauen zwei Männer, ein kleine Plane schützt sie, eine Ikone und ein mit einem Tuch bedecktes Fass vor dem kühlen Herbstregen. Dieser Wagen, neben dem eine ältere Frau und zwei als Jungen verkleidete Mädchen laufen und auf dessen Bock wohl neben dem Vater zwei Jungs hin und her rutschen, fährt in Richtung Westen.
Die andere Familie trägt ihre Habseligkeiten auf dem Rücken, die Alten wie die Jungen. Stühle, ein Bilderrahmen, ein Gebetsteppich, Geschirr und ein Tisch zieht ein schwächelnder Esel vor einem zweirädrigen Karren, den Esel zieht ein neunjähriger Knabe. Sie alle ziehen in Richtung Osten.
Es ist November und beide Familien sind seit Wochen unterwegs. Sie haben alles verloren. Nur was sie zum Überleben brauchen und was sie nicht in der Heimat zurücklassen wollten, haben sie mitgenommen.
Im Pferdewagen beginnt eine der beiden Frauen beim Anblick der anderen Familie zu klagen. Eine hohe Stimme schallt in den dünnen Regen. Die Atemlosigkeit und die kurzen Sätze lassen ahnen, dass sie die Anderen beschimpft. Einer der alten Männer zupft an ihrem schmutzigen Kleid und ruft ihr mit einer Handbewegung, die zum Karren hinüberzeigt, etwas zu. Er zeigt auf den Karren, auf die Menschen, auf die baren Füße, die wenigen Habseligkeiten, den mageren Esel und spricht. Die alte Frau verstummt für einen Moment und bricht dann mit markerschütterndem Heulen zusammen.
Vom Lärm erschrocken stoppt der ostwärts ziehende Esel vor dem Karren. Seine Unwilligkeitsschreie mischen sich mit dem Heulen der Alten vom Pferdewagen. Der Kutscher bringt die nach Westen ziehenden Pferde und den Wagen zu einem Halt. Die Familien stehen – nebeneinander. Auf einem schlammigen Weg, barfuss. Beide Familien sprechen die Sprache der Anderen und wissen dennoch nicht, was es zu sagen gäbe.
Nach einer Weile regt sich der Alte, der gerade am Kleid seiner Alten gezupft und zu ihr gesprochen hatte, unter der Plane auf dem Pferdewagen. Er macht das Fass frei und taucht einen Krug in das wenige Wasser. Dann steigt er unter Mühen herab und reicht den wassergefüllten Scherben der anderen Familie. Jeder erhält einen Schluck. Dann steigt er zurück auf den Wagen und gibt dem Kutscher erschöpft ein Signal zum Aufbruch.
Der Junge zupft am Seil, mit dem er den Esel führt bis der seinen ersten von vielen weiteren Schritten macht.
Beide Familien ziehen in ihre Richtung weiter, mit der Hoffnung, die neue Heimat noch vor dem Winter zu erreichen. Die jetzt nur noch leise schluchzende alte Frau unter der Plane wünscht sich ein besseres Leben für ihre Kinder und Kindeskinder. Sie wünscht sich und ihren Nachkommen ein zu Hause, dass niemand gegen deren Willen verlassen muss. Sie wünscht sich, das die Vielen, wegen eines dummen Bedürfnisses zu herrschen und zu siegen eines Einzigen, nicht alles verlieren müssen was sie besitzen; ihre Vergangenheit und ihre Zukunft.
Ihr Wunsch erfüllt sich schließlich 90 Jahre später als ihr Urenkel eine Zwei-Raum 1555 Kilometer weiter nordwestlich in Neukölln findet (nach P-Berg/F-Hain und kurz in Moabit) und sich zum ersten mal so richtig zu Hause fühlt. Niemand weiß mehr von dem Wunsch einer vertriebenen alten Frau im Jahr der „kleinasiatischen Katastrophe“ — 1922.

Der Schwimmer

(von Ricarda Brücke)

Kate Bush – Hounds of Love

Oh, here I go!
Don’t let me go!
Hold me down!
It’s coming for me through the trees.
Help me, darling,
Help me, please!

Das Fünfzig-Meter-Becken lag vor ihr im sommerlichen Morgenlicht. Das türkisblaue Leuchten und der Chlorgeruch begrüßten sie verheißungsvoll. Um diese Zeit waren außer ihr nur ein paar Rentner im Freibad, die frühe Stunde auskostend, bevor der Mob der Ferienkinder einfiel. Links im Becken schwammen die zwei Frauen mit den turbanartigen Badekappen, rot und weiß, so wie die Pommes am Kiosk. Es gab keine Badekappenpflicht, aber vermutlich war das Gewohnheitssache. Einmal Badekappe, immer Badekappe. Lara selbst, die nun einen Zeh ins Wasser steckte, um die Temperatur zu prüfen, hasste es, wenn sie beim Schulschwimmen im Hallenbad gezwungen wurde, so ein Ding aufzusetzen. Dass man unmöglich damit aussah, konnte man noch verkraften, aber es verhinderte den direkten Kontakt zum Wasser und erzeugte das Gefühl, der Kopf würde nicht zum Rest des Körpers gehören. Auf der Bahn ganz rechts außen befand sich, wie immer, der alte Mann mit dem buschigen weißen Schnurrbart. Sie hatten begonnen sich zu grüßen, nachdem klar war, dass Lara während der Sommerferien jetzt auch jeden Tag hier herkam. Außer dem Bademeister, der in seiner weißen Kabine am Beckenrand saß und Zeitung las, war sonst niemand da. Lara hatte also reichlich Platz in der Mitte des Schwimmbeckens. Sie stieg auf den Startblock und machte einen Köpper. Die Kälte traf sie wie ein Schlag und brachte ihre Nerven zum Schreien. Sie begann zu kraulen, wechselte jedoch nach zwei Bahnen zu Brust. Hier konnte sie ihren Rhythmus besser halten und lange, kraftvolle Züge machen. Der Mann mit dem buschigen Schnurrbart, der wie der eines Walrosses im Wasser hing, kam ihr entgegen. Er schnaubte zum Gruß. Seine Augen lächelten. Lara lächelte zurück, mit dem Mund, bevor dieser im Zuge der Vorwärtsbewegung der Arme wieder unter Wasser verschwand. Sie schwamm neunzehn Bahnen. Am Ende von Bahn zwanzig angelangt, stieß sie sich rücklings vom Beckenrand ab, um die Kühle des Wassers am Hinterkopf zu spüren: „Ah!“ Hübsche kleine weiße Wolken hingen am Himmel über ihr. Rückenschwimmen war noch weniger ihr Ding als Kraulen. Nachher würde die sportliche Frau mit der dünnen, arztgrünen Gummibadekappe kommen, die die ganze Zeit nur Rücken schwamm. Lara erreichte nicht annähernd ihre Grazie.

Als sie sich zurück auf den Bauch drehte, befand Lara sich schon nah am Beckenrand. Über sich nahm sie einen Schatten wahr und als sie nach oben blickte, sah sie gerade noch behaarte Unterschenkel und zwei große Füße an sich vorbeifliegen. Sie drehte sich um. Dunkles Haar und das blaue Band einer Schwimmbrille. Lara kam jetzt seit zwei Wochen hier her und kannte die meisten Leute, die vormittags zum Schwimmen da waren. Dieser war neu. Was machte ein junger Typ hier um diese Zeit und dann auch noch auf ihrer Bahn? Wo es doch mehr als genügend Platz gab. Sie wurde wütend. Diese Kerle mit ihrer Angebermasche konnte sie nicht ab. Neben den Ferienkindern waren sie der Grund, warum Lara nicht mehr nachmittags hierher kam. Die Typen stürzten sich draufgängerisch ins Wasser, schwammen zwei Bahnen in einem Affentempo ohne Rücksicht auf Verluste und meinten damit ihre immense Sportlichkeit unter Beweis zu stellen. Dann hingen sie am Beckenrand rum um zu schauen, welches Mädchen sie mit ihrer Vorstellung beeindruckt hatten. Es war einfach nur lächerlich! Der Typ hatte bereits gewendet und kam auf sie zu. Gut, das einzig Vernünftige in einem solchen Fall war: ignorieren. Sie wanderte am Beckenrand eine Bahn nach links und begann wieder zu schwimmen. Noch fünf Bahnen. Sie konzentrierte sich vollständig auf die Bewegung und das Dahingleiten im Wasser. Als sie ihr Pensum erfüllt hatte und mit der Hand nach dem Beckenrand griff, sah sie wie der Kerl neben ihr eine Kehrtwende vollführte und mit langsamen, regelmäßigen Kraulschlägen davonschwamm. Lara hangelte sich hinüber zur Leiter und stieg aus dem Wasser. Ihre Beine waren schwer und fühlten sich an wie Gummi.

Am nächsten Tag hing eine dichte Wolkendecke am Himmel und es war drückend warm. Lara stellte ihre Tasche hinter einer Hecke ab, zog T-Shirt und Shorts aus und machte sich auf den Weg zum Becken. Dort angekommen, musste sie lächeln. Pommes rot-weiß links, Walross rechts. Sie fühlte das Wasser, ließ etwas davon über ihren Körper laufen und sprang. Sie war noch nicht einmal fünf Minuten geschwommen, da überholte sie jemand mit schnellen Kraulzügen. Dunkle Haare und blaue Schwimmbrille. Als er am Beckenrand Pause machte, um sich das Haar nach hinten zu streifen, sah sie breite Schultern und Teile seines Oberkörpers aus dem Wasser ragen. Lara schätzte, dass er in etwa im Alter ihres Bruders sein musste. Bestimmt ein Student, der Semesterferien hatte. Christian war am Wochenende nach Brasilien geflogen, für zwei Monate, und das war nicht mal die volle Zeit seiner Ferien. Lara fand das irre. Warum konnte sie nicht schon studieren? Drei Jahre noch bis zum Abitur. Drei lange Jahre und Sommerferien, die zu kurz waren, um die Leiden des Schuljahres aufzuwiegen. Und auch während dieser sechs Wochen kam sie nicht raus. Ihre Mutter konnte sich keinen Urlaub leisten und war außerdem zu krank, um wegzufahren. Und Lara konnte keinen Ferienjob annehmen, weil sie ihre Mutter nicht so lange allein lassen durfte. Das einzige, was blieb, war diese eine Stunde im Schwimmbad jeden Morgen.

Der Schwimmer kam ihr entgegen. Da waren die leeren Klötze der Schwimmbrille und das Gefühl, dass sie aus der dunkelblauen Tiefe heraus etwas anstarrte. Ihr Gesicht wurde heiß. Hatte sie ihn etwa zu auffällig beobachtet? Er dachte doch jetzt wohl nicht, dass sie auf ihn stehen würde, oder so? Sie blickte nach vorn. Einfach weiter schwimmen, gar nicht beachten. Sie überlegte, ob sie die Bahn wechseln sollte. Nein, das war zu auffällig. Und auch ein wenig kindisch. Wahrscheinlich hatte er sie gar nicht angeschaut. Als er wieder auf ihrer Höhe war, kam sein Kopf zum Ausatmen aus dem Wasser. Sie sah seinen geöffneten Mund. Es hatte etwas Gieriges, wie er nach Luft schnappte. Plötzlich streifte etwas ihren Oberschenkel. Ein Schauer durchlief sie. Er schwamm weiter, so als sei nichts passiert, genauso ruhig und gleichmäßig wie zuvor. Lara brauchte eine ganze Bahn, um sich zu beruhigen. Viel zu schnell kam der Schwimmer wieder auf sie zu. Als er etwa drei Meter von ihr entfernt war, tauchte er unter. Sie sah ihn in einem Abstand von zwei Metern unter sich vorbei gleiten. Lara fühlte seine Blicke auf ihrem Körper. Oh mein Gott, er checkte ihre Figur ab! Sie musste raus aus dem Wasser. Sie steuerte die nächstgelegen Leiter an und stieg empor. Als sie sich noch einmal kurz umdrehte, sah sie den Schwimmer am Beckenrand, den Kopf in ihre Richtung gewandt. Schnell ging sie zum Duschbecken. Hier war das Wasser noch kälter und löschte für einen Moment den Eindruck, den der Schwimmer auf sie gemacht hatte. Sie holte ihre Sachen und verschwand damit in einer Kabine. Ihr fiel auf, dass sie Gänsehaut hatte. Lara zog den nassen Badeanzug aus und griff nach ihrem Handtuch. Dabei fiel ihr Blick in den Spiegel, der an der Kabinentür angebracht war. Was sie sah, gefiel ihr nicht besonders. Die breite Hüfte, die kräftigen Oberschenkel und die kleinen Brüste. Sie blickte schnell wieder weg. Als sie sich angezogen hatte, hörte sie in knapper Entfernung eine Frau schreien. Lara packte ihre Sachen zusammen und ging hinaus, um nachzusehen, was passiert war. Die ältere Dame mit der roten Badekappe saß auf einer Bank, neben ihr die Freundin, kniend auf dem Boden vor ihr, ihren Fuß in der Hand haltend, der Bademeister. Die Frau war von einer Wespe gestochen worden. Laras Mutter hatte sie gewarnt, dass sich hier Wespen im Gras versteckten, sie solle nie barfuß über den Schwimmbadrasen laufen. Genau das hatte sie eben getan. Es hätte ebenso ihr passieren können. Walross kam, Wasser triefend, vom Becken und gesellte sich zu der Versammlung. Er zwinkerte Lara zu und wandte sich mit einem guten Ratschlag an das Wespenopfer. Lara konnte sehen, dass auch der junge Mann auf den Schrei hin das Becken verlassen hatte und nun aus der Entfernung herüberblickte. Ihr fiel auf wie groß er war, bestimmt ein Meter neunzig. In diesem Moment kam, zum ersten Mal an diesem Morgen, die Sonne hinter den Wolken hervor und schien auf seinen Körper: die muskulösen Arme, die schmalen Hüften. Er trug eine blaue, enge Badehose. Lara drehte sich um und ging zum Ausgang.

Am darauffolgenden Morgen hatte ein frischer Wind die Schwüle des Vortags vertrieben. Graue Wolken rasten am Himmel entlang und der Wind zerrte an den Bäumen. Ihre Mutter hatte sie fragend angeschaut, als Lara gesagt hatte, dass sie jetzt Schwimmen fuhr: „Dich kann wohl nichts aufhalten, was?“ Als Lara ihr Fahrrad unter den Pappeln vor dem Schwimmbad abstellte, war sie für einen Augenblick gefangen in deren Rauschen. Sie schloss die Augen und sah die tosenden Wellen des Ozeans vor sich. Das Getöse trug sie empor. Sie öffnete die Augen, griff nach ihrer Tasche im Gepäckträger und machte sich auf den Weg zum Eingang. Als sie zum Becken kam, schwamm dort nur Walross auf seiner angestammten Bahn. Pommes rot-weiß gönnten sich wohl eine bienenstichbedingte Auszeit. Lara nahm auf dem Startblock an der Beckenmitte Platz und hielt ihre Füße ins Wasser. Heute erschien es ihr geradezu warm. Walross, der sie entdeckt hatte, hob eine Hand und rief zu ihr rüber „Nur wir zwei, der harte Kern, was? Von so ’m bisschen Wind lassen wir uns doch nicht beeindrucken, oder?“ „Nein!“, rief Lara zurück. Der Bademeister in seiner Kabine warf ihnen einen entnervten Blick zu. Wahrscheinlich hätte er den Laden für heute lieber dicht gemacht. Lara ließ sich vom Startblock sachte ins Wasser gleiten. Sie stellte fest, dass sie sich leichter fühlte als sonst, das Wasser schien weicher zu sein und sie besser zu tragen. Das war seltsam. Diese sanfte Ruhe unterhalb der Wasseroberfläche, während oberhalb Aufruhr herrschte. Sie genoss das Dahingleiten im Wasser noch mehr als sonst. Als sie eine Weile geschwommen war, ertappte sie sich bei einem Blick auf die große Uhr oberhalb des Kiosks und dem Gedanken an ihn. Die Minuten vergingen. Sie hatte schon nicht mehr mit ihm gerechnet, als sie hinter sich das Geräusch aufspritzenden Wassers hörte. Einige Sekunden später überholte er sie mit seinen gemessenen Kraulzügen.

Als sie am Beckenrand ankam und sich umdrehte, befand sich der Schwimmer schon am anderen Ende. Während sie sich nun auf ihn zu bewegte, rührte er sich nicht von der Stelle. Er stand auf dem Absatz und schien zu warten. Sie schaute sich nach Walross um, aber der war verschwunden. Wie konnte der denn so urplötzlich weg sein? Sie schaute zum Bademeister. Auch der war nicht an seinem Platz. Sie waren allein. Als sie am Beckenrand ankam, setzte sich der Schwimmer in Bewegung. Wieder dieser Blick aus dunkelblauen Klötzen, diesmal ganz nah. Er hatte eine große Nase, mit einem breiten Nasenbein und volle, weiche Lippen. Lara hielt sich an der Wand fest, blickte nach unten und nahm ein paar tiefe Atemzüge. Waren das Regentropfen, die sie auf ihrem Gesicht spürte? Sie stieß sich mit beiden Beinen ab und ließ sich auf dem Rücken liegend treiben. Am Himmel türmten sich dunkle Wolkenberge. Ihr war, als würde sie ein fernes Grollen vernehmen. Noch eine Bahn und sie hatte ihr Pensum für heute erfüllt. Die wollte sie auf dem Rücken schwimmen. Nach einigen Metern traf sie mit dem Kopf auf einen Widerstand. Ihre Beine sanken herab. Sie spürte eine gleitende Bewegung an ihrem Rücken; ihr Körper am Körper eines anderen. Sie begann wild zu strampeln. Arme umschlossen ihre Taille. Die Arme zogen sie zurück an den Rand. Der Schwimmer setzte die Schwimmbrille ab und Lara blickte in zwei blaue Augen, klar wie eine karibische Lagune. Er grinste: „Du weißt schon, dass diejenigen, die in Panik geraten, als erste untergehen, oder?“ Sie schaute ihn nur an. Er umschloss ihre Taille fester. Es fing an wie aus Kübeln zu regnen.