Bis dass der Tod uns scheidet

 (von Jörg Olvermann)

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 „Kolja, endlich bist du da, mein Kolja“ sagte Charlotte zärtlich, als ich ihre Hand drückte.
„Ich bin nicht Kolja, ich bin Max“, antwortete ich verdutzt. „Wer ist denn Kolja?“
Ich bekam keine Antwort.
Charlotte lag im Sterben. Hirntumor. Sie war 93 Jahre alt und ich kannte sie jetzt ein halbes Jahr. Ich war ihr „Sterbebegleiter“. Oder „ehrenamtlicher Lebensbegleiter“ wie es die Leitung des Treptower Helenenstifts nannte.
Auch bei meinem nächsten Besuch ein paar Tage später erkannte sie mich nicht.
„Kolja, Kolja, so lange hast du mich warten lassen. Aber nun bist du ja endlich da!“
Charlotte war verwirrt. Aber sie schien zufrieden zu sein. Zum ersten Mal seit langer Zeit.
Vor sechs Monaten lernte ich Charlotte kennen. Sie war eine schlecht gelaunte alte Dame.
„Ich brauche keinen Aufpasser“, sagte sie schroff, als ich mich ihr als Begleiter vorstellte. „Ich bin immer alleine zurechtgekommen!“
Erst als ich ihr versicherte, dass ich nicht auf sie aufpassen, sondern sie nur ab und an beim Spazierengehen begleiten wollte, lenkte sie schließlich ein.
„Also gut. Wenn Sie mir versprechen, mit mir einmal die Woche in den Treptower Park zu den Schwänen zu gehen, dann bitte, begleiten Sie mich.“
Von da an holte ich Charlotte dienstags um 15 Uhr ab. Sie wartete schon im Foyer auf mich, ungeduldig, und beide Hände fest um den Rollator geklammert. Für den guten Kilometer zum Treptower Park brauchten wir eine knappe Stunde. Wir redeten kaum. Ihre Schmerzen beim Gehen verbarg sie hinter einem regungslosen Gesicht. Erst als wir am Treptower Hafen ankamen, wurde sie gesprächiger:
„Kommen Sie Max, gehen wir zu den Schwänen!“
Ich führte sie vorsichtig ans Ufer und als sie den ersten Schwan erblickte, zeigte sich in ihrem Gesicht eine Art Lächeln. Wir fütterten die Schwäne mit Haferflocken. Auf dem Weg nach Hause sagte sie dann:
„Schwäne sind die erhabensten Tiere. Sie bleiben ein Leben lang zusammen. Und wenn ein Schwan stirbt, wartet der andere auf seine Rückkehr. Sie bleiben lieber alleine, als untreu zu werden!“

Nach einigen wöchentlichen Spaziergängen rief mich Charlottes Ärztin an:
„Sie können mit Frau Schulz nicht mehr spazieren gehen. Ihr Hirntumor wird größer.“
Von da an erkannte mich Charlotte nicht mehr.
„Kolja, Kolja. Wann heiraten wir endlich? Du hast es mir versprochen.“ Charlotte begann zu weinen, als ich bei meinem nächsten Besuch an ihr Bett trat. Als ich ihr die Tränen abwischen wollte, wehrte sie meine Hand ab.
„Lass mich in Ruhe, du wirst es ja doch nicht tun. Du hast bestimmt schon ein russisches Flittchen!“ Dann begann sie laut zu schreien. Eine Pflegerin eilte herbei und sagte gelassen:
„Ach, das kennen wir jetzt schon bei ihr. Ich gebe ihr ein paar Tropfen und dann hört das Theater gleich auf.“
Ich suchte Charlottes Ärztin auf. Konnte es nicht doch sein, dass dieser Kolja, für den sie mich hielt, ein Mensch in ihrem Leben war? Vielleicht konnte man ihn ja ausfindig machen?
„Geben Sie sich keine Mühe“, sagte die Ärztin und machte keinen Hehl daraus, dass sie meine Frage für naiv hielt. „Ein Hirntumor ist wie ein Computer-Virus, der den ganzen Speicher durcheinander bringt. Es kann gut sein, dass dieser Kolja einfach nur eine Figur aus einem Märchen ist, das sie mal als Kind gelesen hat.“
Auch mit der Heimleitung machte ich nochmal einen Termin.
„Ich glaube, dieser Kolja ist ein wichtiger Mann für Charlotte gewesen. Sehen Sie keine Möglichkeit, vielleicht doch etwas herauszufinden?“, fragte ich nach.
„Herr Meininger!“, herrschte mich die Heimleiterin an, „die Ärztin hat Sie doch nun mehrmals über die Auswirkungen des Tumors aufgeklärt. Charlotte Schulz fantasiert. Konzentrieren Sie sich bitte auf die reine Sterbebegleitung und spielen Sie nicht Detektiv im Leben einer sterbenden Bewohnerin.“
Ihre Worte klangen wie eine Drohung.
Über eine Anfrage beim Einwohnermeldeamt erfuhr ich Charlottes letzte Meldeadresse.
Das Haus Heidelberger Ecke Lohmühlenstraße war ein renovierter Plattenbau. Auf einigen Balkonen waren Gartenzwerge und Deutschlandfahnen zu sehen.
Ich klingelte im Erdgeschoss. Eine Frau in den 60ern öffnete neugierig die Tür.
„Guten Tag, sagte ich, „ich bin Max Meininger und bin auf der Suche nach Informationen über eine ehemalige Nachbarin.“
„Ach, kommen Sie von SAT 1? Bitte melde dich? Wo ist denn die Julia Leischick?“
„Äh, ja, also nein. Ich wollte nur etwas erfahren über Charlotte Schulz. Sie muss bis vor etwa 3 Jahren hier im Haus…“
„Sie meinen olle Stasi-Schulz?“
„Charlotte Schulz war bei der Stasi?“, fragte ich.
„Die Schulz? Na klar. Eine feine Person war die. Also die hätte ihre eigenen Kinder an der Mauer erschossen. Zum Glück hatte sie keine, das Aas. Die ganze Nachbarschaft hat sie ausspioniert. War mit den Grenzern vorne an der Mauer per Du. Gewohnt hat sie direkt über mir. Pass ma uff, hab ich immer zu mein Mann gesagt. Unsere Decke hat Ohren. Hab immer den Rias in der Küche leiser gedreht, wenn ick wusste, dass sie zu Hause war!“
Verstört ließ ich die Frau stehen und stieg ein Stockwerk höher.
Auch hier öffnete mir eine Frau die Tür. Sie war etwa in meinem Alter und reagierte sehr viel ruhiger auf meine Nachfrage nach Charlotte. Sie stellte sich als Frauke vor und bat mich herein.
„Ich bin vor 3 Jahren hier eingezogen“, erzählte sie. „In der Wohnung waren sogar noch einige Möbel der Vormieterin. Es hieß, sie sei sehr plötzlich ins Heim gezogen und käme auch nicht mehr zurück.“
„Was haben Sie mit den Möbeln gemacht?“, wollte ich wissen.
„Gespendet, aber in einer Kommode habe ich tatsächlich noch ein paar persönliche Sachen gefunden. Wollen Sie sie sehen?“
Frauke zog eine alte Zigarrenkiste aus dem Regal und breitete den Inhalt vor mir aus. Es waren Fotos, alle sorgfältig beschriftet.
Schwerin, 1938: Charlotte in einem weißen Sommerkleid
Güstrow, 1944: Charlotte in grauen Hosen und einem weiten Hemd auf einem Traktor sitzend
Moskau 1973: Charlotte und um sie herum 12 Männer. Alle tragen Uniform.
„Ihre Nachbarin erzählt, dass Charlotte bei der Stasi war.“
„Ja, das ist schon möglich“, sagte Frauke, „ein Foto in Moskau mit Uniform, das ist schon eher ungewöhnlich – selbst für eine DDR-Bürgerin. Ich habe ja selbst russisch studiert und mich sehr mit der deutsch-sowjetischen Geschichte beschäftigt. Deshalb fand ich vor allem diesen Brief interessant.“
Frauke zog unter den Bildern ein graues Kuvert aus der Zigarrenkiste hervor.
„Das ist ein Brief aus der Sowjetunion aus dem Jahre 1946. Er ist an Charlotte gerichtet.“
„Und Sie verstehen den Inhalt?“, fragte ich, “Worum geht es?“
„Ja, ich habe ihn mehrmals gelesen und übersetzt“, sagte Frauke, nicht ganz ohne Stolz.
„Also, Charlotte Schulz hatte wohl 1945 einen russischen Offizier kennengelernt. Kurz nach Kriegsende. Aber Kolja, so hieß er, wurde wohl wieder in die Sowjetunion berufen. In dem Brief beteuert er seine Liebe zu ihr. Er nennt sie sogar seinen „Schwan“ und verspricht ihr, mit einem blütenweißen Hochzeitskleid nach Deutschland zurückzukehren und sie zu heiraten.“
„Was aber wohl nie geschehen ist“, sagte ich.
„Wohl kaum“, sagte Frauke, „Beziehungen zwischen Deutschen und Sowjets kurz nach dem Krieg waren ja ein absolutes Tabu.“
„Und trotzdem hat Charlotte auf ihn gewartet – treu wie ein Schwan.“
Frauke und ich schauten uns traurig an. Wir packten die Fotos und den Brief zurück in die Kiste. Zum Abschied gab mir Frauke ihre Telefonnummer.
„Melden Sie sich“, sagte sie und drückte fest meine Hand.

Draußen war es dunkel und kalt. Die Straßenlaternen trugen einen trüben Hof aus Novembernebel. Ich lief rüber in die Weserstraße, setzte mich in eine Kneipe und bestellte Bier.
„Kummer?“, fragte mich die junge Kellnerin. Ich antwortete nicht. Sie stellte mir einen Wodka neben das Bierglas.
„Geht aufs Haus“, sagte sie, „kalter Wodka statt warmer Worte.“
Ich lächelte und fragte mich, warum Barkeeper immer die besten Therapeuten sind.

Drei Weizen und etliche Schnäpse später trat ich nach draußen. Meine Jacke stank nach Rauch und ich konnte den Wodka in meinem eigenen Atem riechen. Charlotte, Kolja und weiße Schwäne flogen in meinen Gedanken im Kreis. Ich wankte. Leicht und ziellos. Auf der Sonnenallee blieb ich vor einer Änderungsschneiderei stehen.Im Schaufenster hing ein vergilbtes Brautkleid.
Auf dem Bürgersteig daneben lagen Pflastersteine.

„Charlotte Schulz, möchtest du den hier anwesenden Kolja zu deinem Ehemann nehmen? Willst du ihn achten und ehren, bis dass der Tod euch scheidet? Und Kolja, möchtest du die hier anwesende Charlotte Schulz zur Ehefrau nehmen? Willst du sie achten und ehren, bis dass der Tod euch scheidet?“
„Ja“, sagte Charlotte mit schwacher Stimme. Und auch ich sagte: „Ja, ich will.“
„Dann erkläre ich euch hiermit zu Mann zu Frau!“
Ich küsste Charlotte auf die Stirn und führte ihre Hände in den weichen Tüll des Brautkleids.
„Fühlst du den schönen Stoff?“, fragte ich sie, „in der ganzen Sowjetunion gibt es kein so schönes Kleid wie dieses. Du bist mein Schwan, Charlotte!“
Charlotte krallte ihre Fäuste in das Brautkleid und lächelte. Ihr Atem war ruhig und regelmäßig.
„Danke, dass du so spontan gekommen bist, um die Standesbeamtin zu spielen“, sagte ich zu Frauke.
Zufrieden setzten wir uns beide an Charlottes Bett und hielten ihre Hand.

Sie starb noch in derselben Nacht.