Schloss Schwante – eine Liebesgeschichte

(von Ricarda Brücke)

Mir schwante nichts Gutes. Eddie hatte mich fürs Wochenende auf Schloss Schwante eingeladen. Ich hatte einfach „Ja!“ gesagt, ohne überhaupt darüber nachzudenken. Es klang nach einer guten Idee – at the time. Nach drei Gläsern Rotwein vor dem Vin Aqua Vin. Das mulmige Bauchgefühl kam einen Tag später. Eddie und ich waren erst seit Kurzem zusammen. Wenn man das so nennen wollte. Vielleicht hatte ich zu viele blödsinnige Rom-Coms à la Bridget Jones gesehen, aber ein Wochenendtrip erschien mir mit einem Mal wie ein Upgrade an Ernsthaftigkeit in unserer Beziehung. Und anders als Bridget hatte ich da keine Lust drauf.

Hatte sich Else Weil, die anno 1912 mit Kurt Tucholsky nach Rheinsberg gefahren war, auch solche Gedanken gemacht? Es war einfach nur ein Ausflug aufs Land, sagte ich mir. Eine Gelegenheit, aus Berlin rauszukommen und die Seele baumeln zu lassen. Why – the fuck – not?

Dann saßen wir Samstag im Auto in Richtung Hennigsdorf. Die Sonne schien, Eddie fuhr und ich hatte eine Panikattacke auf dem Beifahrersitz. Im Radio lief This Can’t Be Love. Nat King Cole sang: This can’t be love, because I feel so well. … This is too sweet to be love. … This can’t be love, because I feel so well. But still I love to look in your eyes. Die Dinge mit Eddie liefen zu gut, nicht wahr? Ich konnte spüren, dass er mich wirklich mochte. Nicht die Vorstellung von mir. Mich. Warum war das ein Problem?

Als wir am Schloss ankamen und unser Gepäck auf das Zimmer brachten, fiel mein Blick auf das Doppelbett mit den weißen Laken. Und ich dachte daran, dass Eddie und ich tatsächlich noch nie eine ganze Nacht miteinander verbracht hatten. Wir gingen zu ihm und dann ging ich nachhause. Obwohl er mich bat, zu bleiben.
Trust me, I will make you the greatest coffee…
– „I have to do my writing in the morning.
Er hatte das immer akzeptiert. Jetzt fühlte ich mich wie in eine Falle gelockt.

Eddie sagte etwas.
„Prinzessin, I will just go downstairs and talk to the guy about …
Ich verstand nicht, worum es ging. Doch ich nickte – manisch, wie mir schien. Prinzessin. Ich hätte Eddie nicht von der Tucholsky-Geschichte erzählen sollen. Als er aus dem Zimmer raus war, öffnete ich das Fenster – ganz weit – und atmete mit geschlossenen Augen ein paar Mal tief durch. Als ich die Augen wieder öffnete, fiel mein Blick auf den Teich, vor dem Sonnenliegen standen. Genau, ich musste einfach eine Runde spazieren gehen.

Ich lief die Treppen nach unten und raus auf die Wiese. Ich lief und lief, bis ich zu einer großen alten Eiche kam. Ein schlanker junger Mann mit Schnurrbart saß darunter und rauchte Pfeife. Wurde man selbst auf dem Land nicht von den Berliner Hipstern mit ihren merkwürdigen Requisiten verschont? Der Mann lächelte mich an. Ne, ne, ne. Du fängst jetzt kein Gespräch mit mir an.
„Sylvie“, sagte er.
„Was?“, fragte ich. „Woher kennst du meinen Namen?“
Ich ging ein Stück näher ran. Hatte ich hier irgendwas verpasst? Fuck. Ich ging wieder einen Schritt zurück. Ich hatte ihn nicht erkannt, weil er viel magerer war, als ich ihn kannte. Und natürlich jünger. Und im Übrigen konnte das überhaupt nicht sein.
Der Mann legte seine Pfeife zur Seite und holte eine Mundharmonika aus der Westentasche. Er begann, darauf zu spielen. Ich tat wieder einen Schritt nach vorn.
„Opa?“, fragte ich.
Er lächelte.
Ich rieb mir mit beiden Händen das Gesicht.
„Verdammt nochmal, Opa Kurt, was machst du hier?“, rief ich.
„Ich bin damals hier vorbeigekommen auf dem Weg von der Kriegsgefangenschaft in Russland nach Hause“, sagte er. „Das hier war ein Behelfskrankenhaus für Typhuskranke.“
„Was?“, meinte ich wieder.
„Bin natürlich nicht rein. Eine Ansteckung mit Typhus auf den letzten Metern, das konnte ich nun wirklich nicht gebrauchen.“ Er zeigte seine braunen Zähne.
„Setzt dich doch, Kind“, meinte er zu mir. Ich ließ mich neben ihn auf den Boden plumpsen. Er tätschelte mir das Knie.
„Sieht so aus, als bräuchtest du meine Hilfe“, sagte er.
Mir stiegen Tränen in die Augen.
„Opa Kurt, warum hab ich so ’ne Macke?”, fragte ich. Er lachte.
„Die hast du geerbt, meine Kleine“, sagte er. „Dieser ganze Schwachsinn hier – er zeigte hinter sich – dieser Krieg, der hat uns allen den Boden unter den Füßen weggerissen. Wir kamen zurück und haben damals so getan, als wäre nix passiert. Unsere Kinder haben so getan, als wäre nix passiert. Aber ihr könnt jetzt einfach nicht mehr so tun.“
„Ich versteh‘ das nicht“, meinte ich.
„Du hast Angst, oder? Angst, dass du den Boden unter den Füßen verlierst“, meinte er. Ich zog die Beine an und vergrub mein Gesicht in meinen Armen. Mein Großvater legte seine Hand auf meinen Rücken. Minuten vergingen.

Dann hörte ich mit einem Mal Eddies Stimme.
I’ve been looking for you, babe!
Als ich aufschaute, sah ich Eddies lächelndes Gesicht. Ich blickte mich um. Mein Großvater war verschwunden.
„Alles gut?“, fragte Eddie.
„Ja“, sagte ich und stand auf. Eddie nahm meine Hand und wir gingen zurück zum Schloss. Im Restaurant aßen wir Spargel mit Schnitzel. Das Leibgericht meines Opas. Dazu tranken wir eine Flasche Grauburgunder. Ich trank schnell.
You seem a little freaked out, Prinzessin”, meinte Eddie. “You sure, everything’s fine?
My grandpa“, sagte ich. Und dann nichts mehr.
Your grandpa, yeah?
My grandpa came here after the war when he returned from Russia.
Oh, really? Why didn’t you tell me before?”
I didn’t know.”
Eddie schaute mich ernst an und nickte.

In der Welt meiner Träume erwartete mich in dieser Nacht ein Flammeninferno. Ich war umringt von einem Kreis aus Feuer, in dem Familienmitglieder brannten. Auf der einen Seite die Familie meines Vaters. Ich sah den Vater meines Vaters, sein schmerzverzerrtes Gesicht. Die Schreie, die ich hörte, waren die seiner Frau, meiner Großmutter. Ich wollte helfen, doch ich wusste nicht, wie. Auf der anderen Seite die Familie meiner Mutter. Meine Großmutter, in Tränen aufgelöst. Ihr Bruder und ihr erster Mann brannten lichterloh. Vor unseren Augen lösten sie sich beide auf in schwarzen Rauch. Dann sah ich Opa Kurt, eingeschlossen von den Flammen, dem Untergang geweiht. Ein Gefühl von endloser Ohnmacht und ewigem Verlust senkte sich auf mich herab. Ich war überzeugt, dass auch er verloren war. Doch Opa Kurt sprang über den Feuersturm hinweg, rannte auf mich zu und ergriff meine Hand. Wir liefen schneller als der Wind, schneller als der Schall, schneller als Lichtgeschwindigkeit. Alles um uns herum löste sich auf.

Keuchend schreckte ich hoch.
What is it?“, fragte mich Eddie, den ich aufgeweckt hatte. Ich atmete ein paar Mal tief ein und aus.
„Ich bin hier. Ich bin endlich hier”, sagte ich und musste lachen, so unglaublich erschien es mir.
Eddie küsste mich auf die Stirn.
“So ein Zufall. I am here, too.”
Als ich ihn zu mir heranzog, spürte ich das Herz in seiner Brust schlagen. Und ich fühlte das Bett unter uns, die Verbindung des Bettes zu den Holzdielen, ihre Verbindung zu den Wänden des Hauses und den Kontakt des Bauwerks zur Erde. Ich konnte es spüren. Er war da, der Boden unter mir.

Jörg Olvermann
Jörg Olvermann, Jahrgang 1971, zog mit 21 Jahren nach Berlin, studierte an der UdK und arbeitet als Berater, Konzepter für Digitale Medien.