DJ Peter (oder warum ich die Berliner Clublandschaft dann doch nicht revolutionierte)

(von Jörg Olvermann – 2012)

Die kalte Spree zieht mich nach unten. Das braune Wasser schmeckt nach Regen. Ich tauche wieder auf, schnappe nach Luft. Besorgte Touristen stehen auf der Oberbaumbrücke.

Wie konnte es nur so weit kommen?
Alles begann am vergangenen Donnerstag in der Mittagspause. Ich ließ mich auf die südlichen Seite der Hochbahn am Kottbusser Tor treiben, dorthin, wo es noch nicht so hip und in ist. Am Kotti-Imbiss kostet die Currywurst seit Jahren 1,20 und den Fettgeruch gibt‘s gratis dazu. An der Scheibe neben der Durchreiche fiel mir ein verwitterter Zettel auf. Im unverwechselbaren Copy Shop-Stil der „Wohnung gesucht“ – „Katze vermisst – „Schlüssel gefunden“- Anzeigen hing dort die schlichte Annonce: „DJ Peter spielt auch auf Ihrer Feier. Schlager, Klassiker, 80er – Plattenunterhaltung auf höchstem Niveau. Komisch, dachte ich, dass es so was noch gibt, und riss einen der 12 vertikal angeordneten Streifen mit einer Berliner Umland Telefonnummer ab.

Eilig verschlang ich die Wurst und machte mich auf den Weg zum Heinrichplatz. Ins Büro wollte ich nämlich noch nicht zurück. Und ich konnte es mir erlauben, meine Mittagspause etwas auszudehnen. Schließlich hatte mich der Chef erst gestern zum besten Vertriebler der Versicherungs-Agentur gekrönt. 15 Berufsunfähigkeitsversicherungen in einer Woche. „So wie du laberst, kannst du einem Blinden ‘nen Flat-Screen aufschwatzen“, kommentierte Kollegin Hildemann eifersüchtig meinen Erfolg. Trotz Lorbeeren vom Chef hasste ich meinen Job. Ich führte ein absolutes Langeweiler-Dasein während alle anderen in dieser coolen Stadt sich total selbst verwirklichten. Der beste Ort, um die zu beobachten, die ein viel geileres Leben haben als ich, ist das Cafe „Bateau Ivre“ am Heinrichplatz . Da sitzen kalifornische Designer, die sich gerade für ein crossmediales Kunstprojekt in einem Shared Office Space eingemietet haben neben skandinavischen Musikern, die auf der Suche nach einem Platten-Vertrag bei einem Major Label in Berlin abhängen und alles total „awesome“ finden. Sie frühstücken um 14.30 Uhr und sehen dabei so verdammt glaubwürdig gerade erst aufgestanden aus. Ich setzte mich, bestellte bei der gelangweilt am Tresen lungernden Kellnerin einen Esspresso Macchiato und beobachtete mein Umfeld wie eine gierige Elster.

Am Nachbartisch saß der absolute Wichtigtuer. Schon ein bisschen verlebt, aber total gut aussehend. Die schwarze Hornbrille verlieh im die nötige Strenge, die er in seinem sicherlich total schicken Business brauchen würde. Ich bewunderte ihn auf den ersten Blick. Ich hasste ihn. „Mc Wichtig“, wie ich ihn in Gedanken taufte, telefonierte hektisch: „Oh meine Scheiße, das kann doch nicht wahr sein. nd_baumdecker kann nicht auflegen? Is mir doch scheißegal, ob in Beirut eine Bombe hoch gegangen ist. Was machen wir denn jetzt im Watergate am Samstag ohne DJ! Ich brauch jemand End-Geilen, hörst du!“ McWichtig legte auf und orderte einen Rotwein. Ich stand auf und blieb vor McWichtig stehen: „Du brauchst jemand End-geilen?“, fragte ich betont lässig und ließ DJ Peters Nummer auf den Tisches fallen. Ich hob eine Augebraue. „Muss ma nur schnell aufs Klo. Komm gleich wieder.“ Auf dem Weg zur Toilette schaute ich mich noch mal kurz um. McWichtig musterte den Zettel. Dann begann er, wild auf seinem iPhone rumzuhacken.

Als ich zurückkehrte schaute mich McWichtig sehr komisch an: „Soll das ein Witz sein? DJ Peter. Der Zettel sieht aus, als hätt‘ste ihn von ‘ner Laterne abgerissen.“ Ich schaute sehr komisch zurück und stellte mich als Künstler-Agent Miki P. vor. „Hallooooo? DJ Peter ist absoluter Underground! Seine Homebase ist Kiew und Manila und er legt krass geilen Elektro-Minimal-Clash auf. Warum das Speed von gestern kaufen wenn du das Koks von morgen ziehen kannst?“ Ich streichelte mit den Zeigefinger unter meiner Nase entlang – so wie damals bei Wickie und die starken Männer. Dann zeigte ich auf den Papier-Streifen: „Und du musst zugeben. Die V-Card ist absoluter Kult. Retro-Recycle-Paper-Look. Total South American Street Art, sag ich dir.“ Mc Wichtig blieb skeptisch. Miles, so stellte er sich jetzt vor, war erst vor wenigen Wochen in die Stadt gezogen und arbeitete als Booking Manager im Watergate – dem coolsten Club der Stadt. Es dauerte echt noch drei Glas Rotwein und einen großen Joint auf der Straße bis er sich endlich überzeugen ließ, dass DJ Peter nun wirklich der absolute Shooting-Star der DJ Szene war.

Das war Donnerstag.  Und jetzt, etwas mehr als 48 Stunden später rudere ich bei 6 Grad in der Spree. Dass die Sache nicht gut gehen konnte, hätte ich vorhin schon an Miles Gesicht erkennen können. Vor der engen Kurve direkt vor der Oberbaumbrücke hielt ein mintgrüner Toyota Corolla mit dem Ortskennzeichen „LDS“. Ein „Baby an Board“ -Aufkleber hing vergilbt am Kofferraum. DJ Peter, der eigentlich Peter Klatschke heißt, war ein Mann in den frühen 60ern. Er stieg bedächtig aus dem Auto und wuchtete unter angestrengtem Stöhnen einen hellbraunen Kunstleder-Koffer vom Rücksitz. Miles stand am Eingang und starrte seinen Star des Abends ungläubig an. Dj Peter blieb ganz ungerührt. Er hatte schon auf zu vielen Kleingartenfesten, Goldenen Hochzeiten und Betriebsfeiern aufgelegt, als dass er sich von den Blicken ein paar „jungen Leuten“ verrückt machen ließ. „Is hier det Water-Gate?“, fragte er und quetschte sich am aufgepumpten Security-Bodybuilder vorbei.

Als dann um 22 Uhr DJ Peter den Abend mit Cindy und Berts „Hund von Baskerville“ eröffnete, verschluckten die kühlen Mager-Models und ihre in Skinny-Jeans gezwängten Begleiter gleichzeitig die Zitronen-Scheiben an ihren Red Bull-Wodkas. Der Türsteher verdrehte die Augen in Richtung Club-Manager, der gerade mit dem Garderoben-Mädel knutschte. Dort, wo sonst die Elite der Electro-DJs auflegte, gehörte heute die Tanzfläche dem deutschen Schlager. Noch glaubten alle an einen Gag. Doch spätestens als DJ Peter durch das Mikro die erste Kuschelrunde mit Nicoles „Ein bisschen Frieden“ einläutete, platze Miles der Kragen.

Ich stand am Rand der Tanzfläche, nippte an meinem Moscow Mule und genoss die hilflosen Gesichter, da tauchte wie aus dem Nichts Miles‘ hochroter Kopf neben mir auf. Er buxierte mich hinaus auf die große Holzterrasse über der Spree. „Warum hast du mich so in die Scheiße geritten? Der Abend kostet mich meinen Job!“, schrie er und packte mich am Arm. Er schob er mich ganz an den Rand.Seine Stimme wurde ruhiger, fast traurig: „Bist du echt so erbärmlich, dass dir einer abgeht, wenn du jemanden verarschen kannst?“

Ich mochte Miles. Ich wollte so sein, wie er.
Dann stieß er mich ins Wasser.
Vielleicht erfrier ich jetzt.
Egal – ich hab mich noch nie so lebendig gefühlt.