Für alle Freaks

(von Jörg Olvermann)

Für alle Freaks.

„Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich.“
Seine kräftige Männerstimme wiederholte diesen Satz immer wieder.
„Ja, ich liebe dich auch“, flüsterte ich und nahm seine faltige Hand in meine. Seine Augen waren feucht. Dann schloss er sie.
Kaum war er gestorben, erfolgte die Durchsage: „Ende der Simulation. Vielen Dank, dass Sie am Testbetrieb der Zeittelefonie teilgenommen haben. Wir hoffen, das Angebot auf Basis ihrer Erfahrung weiter optimieren zu können.“
Dann erwachte ich. Ich griff zum Handy und las Pedros Nachricht. „I wanna see you soon,“ stand da. Erleichtert drehte ich mich zur Seite und schlief weiter.

3 Wochen zuvor hatte es angefangen mit den luziden Träumen. Ein luzider Traum ist ein Traum von dem man weiß, dass es einer ist. Gerade deshalb erlebt man ihn so real.
Ich träumte, dass ich nachts aufwachte vom Klingeln meines Mobiltelefons. Was komisch war: Der Klingelton war „Save me“ von Aimé Man.
„Wer ist da?“, fragte ich.
„Ich bin‘s. Ich bin du. Leg jetzt bitte nicht auf“, sagte die Stimme am Telefon.
„Wer ist da?“, wiederholte ich energisch.
„Ich bin du. Darf ich fragen, in welchen Jahr ich anrufe?“, fragte die Stimme.
„Es ist 2015“, sagte ich. Ich schaute aus dem Fenster aber anstelle der vertrauten Hinterhof-Kastanie stand da Meister Eders Schreiner-Werkstatt aus dem Pumuckel-Film. „Du magst doch Pumuckel, oder“, sagte der Anrufer. „Ich habe dieses Design-Template für deinen luziden Traum ausgewählt, damit du weniger Angst hast bei meinem ersten Anruf aus der Zukunft“, fügte er an. Nach einer kurzen Pause sagte die Stimme: „Ich rufe aus dem Jahr 2050 an, um dir zu sagen, wie sehr ich dich liebe!“

Beep – Beep- Beep

Der Wecker riss mich aus dem Traum. Ich schaute aus dem Fenster. Der nasse Herbstwind schlug dunkle Kastanien von den Ästen. Die Pumuckel Werkstatt war weg. Gott sei Dank.

Etwa eine Woche später erfolgte der zweite luzide Traum – oder besser gesagt, sein zweiter Anruf.
Diesmal war mein Gegenüber gesprächiger:
„Ich bin du in 35 Jahren. Ich rufe dich aus deiner eigenen Zukunft an. Seit kurzem gibt es nämlich technisch die Möglichkeit, mit sich selbst in einer anderen Zeitzone des Lebens zu telefonieren. Wir schreiben das Jahr 2050 und ich lebe hier in Berlin, im 68. Stock am Alexanderplatz.“
„Du bist also ich – im Alter von 79 Jahren?“, rechnete ich schnell anhand meines Geburtsdatums nach. „78“, korrigierte er mich. „Ich, also wir haben doch erst im November Geburtstag.“ Eine dicke Gänsehaut überzog mich.

Dann erzählte er mir von seinem Leben im Jahr 2050. Es hatte sich im Grunde nicht viel verändert, meinte er. Er war seit 2 Jahren im Ruhestand, ganz wohlhabend, arbeitete aber noch ab und an aus Spaß, ging gern mit Freunden essen, hatte sich kürzlich einen Hund zugelegt.
Ich wollte Fragen stellen wie „Ist Angela Merkel noch Bundeskanzlerin? Gibt es den Euro noch? Wie viel kostet eine BVG Einzelfahrt? Steht das Alexa immer noch?“
Mein Ich in der Zukunft, er wollte nun „Omega“ genant werden, antwortete auf diese Fragen nicht. Sie verstießen gegen die Netiquette der Zeittelefonie. Er durfte nur über Dinge sprechen, die ihn und mich betrafen: „Ego-interne Angelegenheiten“. So stand es in den Nutzungsbedingungen seines All-Lifetime-Zones Telefon-Tarifs. Dort stand auch, dass ich als der Angerufene mit niemanden über diese Gespräche mit der Zukunft sprechen dürfte. Mit niemanden!!
„Ich möchte dir eigentlich nur sagen, wie sehr ich dich liebe“, sagte Omega immer wieder.
„Denn ich bin im Grunde der einzige, den ich je geliebt habe“, fügte er an.
Seine Aussage machte mich traurig. Ja, es stimmte irgendwie. Bisher hatte ich einige gescheiterte Beziehungen hinterlassen, Leidenschaften, die im Drama endeten, Freundschaften die in unverbindlichen Oberflächlichkeiten verliefen. Eigentlich hatte ich mich nie auf einen Menschen richtig eingelassen. Aber tief in mir drin schlummerte die leise Hoffnung, dass sich das noch mal ändern würde.
„Ich habe unsere Facebook Timeline von 2012 bis 2040 durchgescrollt“, sagte Omega. „Ich sehe nur auf den Fotos glücklich aus, auf denen ich alleine bin. Was hat es denn schon gebracht mit den anderen Menschen? Gebrochene Herzen, Enttäuschungen, Verletzungen“, sagte Omega.

Am Wochenende nach dem zweiten Traum kramte ich die Schachtel mit Briefen und Postkarten von früher hervor. Ich durchforstete private E-Mails, Whats App Nachrichten, Messages aus Dating-Apps.

Dort las ich Sätze wie:
„Du bist echt nett, aber ich glaube ich bin gerade in einer schwierigen Phase nach der letzten Trennung. Ich brauche einfach etwas Distanz und Zeit für mich.“
oder
„Unsere Beziehung habe ich mir anders vorgestellt. Es ist wohl besser, wenn wir getrennte Wege gehen.
Ich las Kurznachrichten wie
„Warum antwortest du erst zwei Tage später? Auf solche Freunde kann ich verzichten.“
oder
„Danke für unseren schönen Abend, aber der Funke wollte nicht überspringen. Ich meld‘ mich vielleicht mal wieder.“
oder einfach auch nur
„I think you are passive aggressive. Fuck off“

Eine schier endlose Aneinanderreihung von Abschieden, Zurückweisungen und Abbrüchen.
„Sei nicht traurig darüber,“ sagte Omega bei unserem dritten Zeittelefonat: „Wir haben wir ja uns“.
Er erzählte, dass schon in einer Woche in der Zeittelefonie das neue Feature „Full awareness“ eingeführt würde. Er müsse mich dann nicht mehr im Traum anrufen, sondern könne jederzeit mit mir sprechen. Er wolle dann auch tagsüber anrufen, Nachrichten schicken, Bilder austauschen.
„So wie echte Liebende“, meinte er.
„Mit einem Unterschied,“ sagte ich. „Du bist nicht hier. Du bist nicht jetzt. Du bist kein anderer Mensch, in den ich mich verlieben kann. Du bist ICH“
„Na und,“ sagte Omega, „was besseres als mich wirst du nicht finden.“

Noch am selben Abend bestellte ich meine beste Freundin Mara in ein Neuköllner Literaturcafé.

Sie sah mich entgeistert an:
„Was hast du mir für eine wirre Nachricht geschrieben? Zeittelefonie? Bist du jetzt völlig am Durchdrehen?“
Ich blieb demonstrativ ruhig.
„Findest du, dass ich ein liebesunfähiger Freak bin?“, fragte ich Mara.
„Mein Ich in 35 Jahren ruft mich nämlich seit ein paar Wochen an. Im Traum. Er sagt, er liebt mich und er ist der Einzige… Also ich sei der Einzige der ihn … also.. er meint … im Grunde würde ich mich nur selbst lieben. Und er findet das gut und will mich jetzt öfter anrufen, Bilder schicken und so…“
Mara verschluckte sich an ihrem Flat White und ließ ihre Tasse auf den Tisch fallen.
„Ich hätte dir nicht diese Akte X DVD Box nicht schenken dürfen, oder?“, sagte sie.
„Oder hat dir dieser Performance-Künstler, mit dem du letzte Woche auf meinem Geburtstag rumgeknutscht hast, was in den Kaffee getan?“
„Ach, du meinst Pedro,“sagte ich. „Nein, Pedro hab ich schon abgeschossen, der hat angefangen zu klammern …“
„WHATEVER,“ sagte Mara. „Ich weiß wirklich nicht, ob ich die richtige bin, die dir sagen kannst, ob du ein Freak bist. Frag lieber mal deine vielen Exe und Affären. Ich muss eigentlich Lilian schon seit 20 Minuten aus der Kita holen. Wir reden morgen nach dem Yoga.“ Sie sprang auf und lief nach draußen. Ich legte mein Kaffeegeld auf den Tisch und folgte ihr.

Mitten auf dem Bürgersteig sprach plötzlich eine Stimme aus dem Nichts zu mir:
„Sehr geehrter Teilnehmer. Sie haben gegen die Nutzungsbedingungen der Zeittelefonie verstoßen und werden von diesem Service ausgeschlossen. Aus Kulanz werden sie heute Nacht in einer letzten luziden Session die Möglichkeit haben, sich von ihrem Selbst in der Zukunft zu verabschieden. Die Default-Einstellungen sehen dabei die Simulation einer Sterbeszene vor. Das bedeutet aber nicht, dass sie selbst so sterben werden. Dies ist eine automatisch erzeugte Nachricht des Zeittelefonie-Service-Centers. Bei weiteren Fragen drücken Sie die Raute-Taste…“
„WHATEVER!“ brüllte ich in die feuchtkühle Abendluft. Mara drehte sich nach mir um und wedelte mit der Handfläche vor ihrem Kopf.

Ich beachtete sie nicht weiter und kramte auf dem Telefon nach Pedros Nummer.
„Wanna meet?“ tippte ich hastig ein und machte mich auf den Weg nach Hause.

1 Gedanke zu „Für alle Freaks

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